ABC-Etüde – Gelogener Frühling

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler und ebendieser.

Die Sonne schien zu heiß auf ihr feines Haar. Der Sonnenhut lag noch auf dem Dachboden, wartete neben den Kleidchen und Sandalen auf seinen Einsatz. Jetzt war erst April, doch sie schwitzte, während sie dem Weg folgte, der sie zu ihrem Termin brachte.

Sie hatte lange mit sich gerungen, fragte Freunde und Bekannte nach Meinungen, schrieb fein säuberlich in ihrer immer noch nach Grundschülerin aussehenden Schrift Pro- und Contra-Listen, bemühte gar die Meinungen ihrer Kinder und des Exmannes, den es nun wirklich nichts mehr anging. Am Ende löste sie ihr Sparkonto auf, nahm eine kleine Hypothek auf die Eigentumswohnung auf und rief die Klinik an.

Der Arzt war nett, fast zu nett und hätte sie eine Wahl gehabt, wäre sie weggeblieben, hätte Abstand gehalten zu dieser schmierigen Stimme und den langen dünnen Fingern, von denen sie wusste, dass sie sie bald an den unmöglichsten Stellen berühren würden. Doch sie hatte sich entschieden und, was noch schwerer wog, sie hatte allen davon erzählt. Sie hielt nichts davon, so etwas geheim zuhalten, es wäre auch unmöglich gewesen in dieser Kleinstadt, wo jeder jeden kennt.

Sie massierte sich die arthritischen Fingerknöchel während der Mann erklärte, Vorher-Nachher-Bilder von teuren Programmen auf riesigen Bildschirmen aufploppen ließ, er sprach von Runderneuerung, was sie unverschämt fand, war sie doch kein Reifen, sondern eine Frau jenseits ihrer besten Jahre.

Als er schwieg, unterschrieb sie neben den Kreuzen, ließ sich von jungen, synthetisch wirkenden Frauen in ihr Zimmer bringen, nahm brav die Tablette und spürte kaum noch den Einstich der Nadel in ihrem Arm.

Zwei Wochen später sah sie den Arzt wieder. Die Verbände waren schnell gelöst und vorsichtig von frischer Haut gewickelt. Für einen Moment wünschte sie sich eine Vertraute dabei, die ihre Hand hielt während die Assistentin einen großen Spiegel vor sie stellte.

Sie schrie haltlos.

Alice

21 Kommentare Gib deinen ab

  1. Annuschka sagt:

    Uff. Ich hoffe doch sehr, da kommt noch eine Auflösung? Ich stelle mir ja sonst meine schlimmsten Alpträume vor, von Nase über Halsstraffung und anderen Unsinn… Oder sind die arthritischen Fingerknöchel ein Wink mit dem Zaunpfahl? Egal, diesen Arzt hätte ich jedenfalls auch nicht an mein Fleisch gelassen!
    Neugierige Grüße, Anja

    Gefällt 3 Personen

    1. Naja, meiner Erfahrung mach werden die wenigsten durch eine Schönheits-Op schöner 🙈🙈🙈

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      1. Annuschka sagt:

        Das stimmt. Meist nur künstlicher…

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  2. Nati sagt:

    Was wurde nun verhunzt?
    *neugierigbin* 😳😳😳

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    1. Naja, bei ner Runderneuerung möglicherweise eine Menge…

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      1. Nati sagt:

        Solange sie nicht aussieht wie der schmierige Arzt, lach….
        *schüttel*

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      2. Oder seine Frau 😅😅😅

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      3. Nati sagt:

        Genau 😂👍

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  3. Christiane sagt:

    Wie kann jemand, wenn er*sie nicht völlig verblödet ist, so etwas Wichtiges quasi „in einem Aufwasch“ machen lassen, ohne den Arzt zu kennen, ohne Erfahrungen gesammelt zu haben? 🤬
    Frisch operiert sieht mensch angeblich immer grässlich aus, trotzdem, ich verstehe es nicht.
    Merke: Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch feststellen, dass A falsch war … 🤕
    Schön, dass du dabei bist. 😁
    Sonntagnachmittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

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    1. Naja, vielleicht nicht verblödet, nur verzweifelt. Keine Ahnung, an meine Falten kommt kein Messer. Aber schau dich mal bei den Promis um…. die scheinen alle so beknackt zu sein…

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      1. Christiane sagt:

        Ey, wenn die alle keine anderen Sorgen haben …

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      2. Offenbar zählen nur Jugend und Frische… Ich bin gerne gut abgelagert wie ein Rotwein🍷

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      3. Christiane sagt:

        Mir sind meine paar Falten völlig egal. Vielleicht ändert sich das ja noch, aber ich habe schon vor 10 Jahren nicht anders gedacht. 😁🍷

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  4. Kann man nicht auch vor Freude aufschreien?

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    1. Sicherlich… aber das bleibt dem Leser überlassen…

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  5. Stepnwolf sagt:

    Sie schrie sicher vor Glück, davon gehe ich jetzt mal aus. 😀

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    1. Ich hoffe es – für sie…

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