Tag 97/365 – Schiefgehen

Die Dunkelkammersession war ernüchternd, irgendwas ist schief gelaufen und ich musste Bilder beschneiden, bevor ich sie raus geben konnte. Ich mag so was nicht, möchte immer perfekte Arbeit abliefern, auch wenn es für loppo ist. Der Rest des Tages war nicht besser. Der Haussegen hängt ziemlich schief und ich hätte gerne eine Keule, um ihn wieder gerade zu rücken.

Doch ich fürchte, das geht nicht so schnell. Ich merke, wie ich lauter werde und ich manchen Argumenten nicht mehr zugänglich bin. Es sind immer dieselben und ich drehe mich im Kreis. Es gibt da diesen Teil von mir, der tüchtig sein will, tüchtig sein muss. Tüchtig kommt von taugen und wenn ich nicht tüchtig bin, tauge ich nichts. So einfach ist die Sprache und so perfide das Ergebnis.

Jemand der tüchtig ist, kriegt sein Leben auf die Kette, regelt mal eben so nebenher alles und schafft es auch noch, dauernd nett und sexy zu sein. Das ist ja alles gut und schön, wenn es für alle Beteiligten gilt. Wenn dem nicht so ist, wird es schief. Mühe geben ist zwar ganz nett, doch es reicht manchmal einfach nicht.

Ein Flashback holte mich in dieser Situation ein, ich sah mich über vereiste Autobahnen brettern, damit ein Kerl mit dem Rad zur Arbeit fahren kann, sah mich stundenlang im Zug sitzen aus demselben Grund, sah mich Geld ranschaffen, damit jemand in Ruhe studieren kann, fremde Schulden zurückzahlen, Kost und Logis anbieten für Menschen, die schon mit einem Fuß woanders waren. Die Liste könnte ich noch endlos fortsetzen, doch das ist auch für mich ermüdend. Fakt ist, dass ich meine, Schulden zu haben bei dem, der bei mir ist. Habe ich aber nicht und selbst, wenn da mal eine gewesen wäre, ich hätte sie schon dreimal vergolten. Nur kommt das auf der anderen Seite nicht an. Da wird fröhlich davon ausgegangen, dass es so weiterläuft, ob ich kann oder nicht, ist egal.

Und jetzt hänge ich hier und jeder Versuch, mich aufzubauen, scheitert gerade wie die Geschichte in der Dunkelkammer. Mein Selbstwert kann unter dem Teppich Fallschirm springen. Doch im Gegensatz zu den alten Geschichten, ist mir der Mechanismus bewusst. Es muss ja auch einen Vorteil haben, betagter zu werden. Was ich mit diesem Wissen anfange, weiß ich gerade nicht. Lediglich, dass ich eine Vollbremsung einlegen muss, um mich wieder neu zu orientieren. Aus dem Lauf heraus, ist eine Richtungsumkehr schwer und meistens geht das Getriebe dabei kaputt.

Der Wintereinbruch drückt ebenfalls auf mein Gemüt neben der ganzen Coronascheiße. Ich warte auf den großen Knall, muss ich gestehen und darauf, mal wieder die Scherben aufzufegen und einen Neustart hinzulegen. Ein schwerer Hebel in meinem Kopf. Es wäre so schön, wenn es auch mal einfach klappen würde.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. derbaum sagt:

    was soll ich aus der ferne sagen – es wäre alles nur banal. bleibt das virtuelle ((a))…

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  2. piri ulbrich sagt:

    Die Keule lass mal stecken, Versuch es mal mit Liebe! Okay, das ist leicht dahergeschwätzt und manchmal hilft mir wenigstens ein Rückzug, dann diskutiere ich mit mir selbst.

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    1. Liebe habe ich probiert… ne Menge sogar (oder meinst du ich mich?)

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      1. juru77 sagt:

        Klammer auf = richtige Antwort. Hauptgewinn🖕

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  3. Wortman sagt:

    Nicht immer läuft das Leben auf einem Lolli entlang 😉

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    1. Nö, ausgesprochen selten gerade…

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      1. Wortman sagt:

        Vielleicht ein neuer Lolli?

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