Tag 93/365 – Starksein

Ich schreibe hier schon eine Weile über meinen psychischen Zustand und manchmal habe ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Dann tauchen Themen wieder auf, die ich schon bearbeitet glaubte, die auf einmal aber wieder in neuem Licht aus der Versenkung auftauchen.

Eines wurde gestern zum Thema, als mich eine (glücklicherweise Mini-) Migräne für ein paar Stündchen außer Gefecht setzte. Schwach bin ich dann und zerbrechlich. Und seit einiger Zeit vermute ich schon, dass es meijnem Körper genau darum geht. Sie taucht auf, wenn ich Signale missachte, erschöpft bin von Arbeiten, die zu schwer waren, von Verantwortung, die ich nicht tragen sollte, zumindest nicht allein.

Dass im meiner Kindheit einiges schief gelaufen ist, das weiß ich. Auch das Frau sein eher zu den Wegen in meinem Leben gehörte, die ich nicht gehen sollte. Stattdessen musste ich stark sein, damit alle anderen schwach sein durften. Ich bin heute noch erstaunlich unempfindlich, was körperlichen Schmerz angeht. Die Söhne presste ich ohne Medis raus, weil besser fürs Kind. Ich lasse mit mir machen und ertrage Vieles, wenn ich einen Grund darin sehe. Renovierungen wuppte ich alleine, schwere Möbel waren eine Herausforderung. Splitter im Finger ließen mich ebenso kalt wie eingerissene Brombeerdornen beim alljährlichen Ausmisten der Hecken an der Grundstücksgrenze.

Nur Beulen und Kratzer, ein bisschen Blut, ein blauer Fleck, weil mir die Kommode in die Hüfte gerutscht ist. Heilt wieder und dafür ist es fertig. Blicke ich zurück, sehe ich eine Aneinandereihung von Verletzungen, die ich ignorierte. Dabei waren die körperlichen nicht die schlimmsten. Auch bei den seelischen biss ich einfach die Zähne zusammen und hielt durch. Was blieb mir anderes übrig? Wer, wenn nicht ich, schaffte das? Und es stimmte. Alle anderen gaben auf, ließen sich von eingerissenen Fingernägeln abschrecken, hielten sich zurück und beriefen sich auf ihr Recht, unversehrt zu bleiben. Nur ich, ich nicht.

Kleine Wunden heilen, auch die großen, sie dauern nur länger. Ich verspüre zwar regelmäßig einen gewissen Unwillen, wenn ich statt die ebenfalls verantwortlichen, besagte Kohlen aus dem Feuer klauben und mich dabei mal wieder verbrenne, doch ich tue es immer wieder. Manchmal legt mich danach eine Migräne lahm, als Dank quasi für Überlastung und diese ganze Märtyrerscheiße.

Vom Prinzip her schätze ich es, nicht zimperlich zu sein. Doch manchmal wäre ich gerne ein wenig zarter, würde es mir zugestehen, etwas nicht zu schaffen, überlastet zu sein und es einfach (anderen zu über-) lassen. Doch irgendwie funktioniert das nicht.

Ich assoziiere sicher nicht Schwäche mit dem Frau sein, ganz im Gegenteil. Doch die Robuste, das Mannweib, die Praktische, die fühlt sich nicht gut an. Und doch rutsche ich immer wieder in diese Rolle, werde sanft aber bestimmt hineingedrängt. Und dann stecke ich drin und mache, die Hände voller Farbe, die eine Hand am Lenkrad, die andere im verstopften Abfluss. Und immer wurde mir das auch vorgeworfen, gerade von denen, die davon profitierten. Zu hart, zu bott, zu grob, zu rauh, lacht zu laut, raucht, trinkt, macht schmutzige Witze, während das verstopfte Klo bereinigt wird. Die Freude über die geschaffte Arbeit weicht rasch der Scham, so schrecklich robust zu sein, nicht zart, nicht fein, nicht niedlich oder sonstwas, sondern jemand, der halt kann weil er muss.

Dabei wäre ich gerne anders stark, nicht wie eine Eiche sondern eher wie eine Rose, auch wenn das jetzt schrecklich kitschig klingt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass mir wichtige Qualitäten dadurch einfach versagt bleiben. Doch möglicherweise ist es auch einfach die Scham, so rauh zu sein.

Allerleirau, immer noch mein Lieblingsmärchen, die Frau im filzigen Pelzkleid, die ihre Weiblichkeit versteckt, verstecken muss weil sonst etwas Schlimmes passiert. Ich überlege, wovor ich Angst habe, wovor ich damals Angst hatte, als ich mir diesen Mantel anzog. Den drohenden sexuellen Missbrauch wie im Märchen kann ich ausschließen, dafür gab es nie Anzeichen. Eher die Angst vor Weiblichkeit, die meine Eltern hatten aus Gründen über die ich schrieb. Ich wollte gefallen und legte das ab, was sie verunsicherte. Und was mich heute verunsichert.

Es gab Zeiten, da war ich zerbrechlich. Es gab Momente, wo ich weich und hilflos war. Es gab Augenblicke, wo ich mich fallen lassen konnte, loslassen. Doch da war ich immer allein. Da war niemand, der Stärke von mir erwartete. Besser ging es mir da und es war jede Menge Kraft vorhanden, mich auf Aufgaben zu konzentrieren, die mir mehr entsprachen. Selbst als betrogene Frau fühlte ich mich besser. War das doch kein Problem, für das ich die Ärmel hochkrempeln konnte. Ich musste, ich durfte schwach sein und trauern.

Ich möchte das so nicht mehr, möchte diese Last endlich von meinen Schultern schubsen, sie wieder schmal werden lassen. Wie das gehen soll, weiß ich noch nicht. Unfassbarerweise ist das Leben mit dem Berg auf meinem Rücken einfacher weil vertrauter.

Ich lasse mir jetzt ein Bad ein mit Rosenblütenduft. Irgendwo muss ich ja anfangen.

Alice

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Raphael sagt:

    Hmm, liebe Alice,

    nur so blöd von der Seite, wo der Hügel des Narren steht:

    Wenn ich all das wegdrücke, an Lernaufgaben (fern des Körperlichen),
    fange ich dann nicht an zu humpeln,
    was dann wieder in die Welt, ins Physische übertragen heißt,
    daß ich mich wieder und wieder im Kreis bewege?

    So bauen wir uns unser eigenes „Kopf-Gefängnis“
    und stampfe die Pfade tiefer und tiefer,
    indem wir (selbst wenn wir „Hofgang“ haben) uns nur im Kreise drehen.
    Je mehr wir dann „rotieren“, um so schwerer wird es, diesen sich tiefergrabenden Pfad zu verlassen, geschweige denn das „Kopf-Gefängnis“.

    Ja, wir sind geistige Wesen … hier fängt die „Erlösung“ an
    oder eben das weitere „Einbetonieren“.
    Diese (erwünschte) Neugeburt, eben auch im Geiste,
    dieser Weg in die „Freiheit“ fängt dann mit den ersten Wehen an …
    eben hin zu dieser Geburt dieses neuen Menschen.
    Hmm, mußt ja keine „Medis“ nehmen, im übertragenden Sinne,
    jedoch wünsche ich dir ein richtig gute Hebamme
    oder einen Hebammerich (;-)…

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Lieber Raffa, ja, es fühlt sich an, wie eine Geburt, ein Ausbruch aus dem alten Denken und den vorgezeichneten Pfaden. Ich habe manchmal Angst, zu alt zu sein für einen Neustart, doch jeder Tag, der anders, der neu ist, lohnt sich. Und das Leben kann so kurz sein.
      Hab einen schönen Ostertag.
      Alice

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      1. Raphael sagt:

        Yepp,
        diesen einen „Kreis-Pfad“ kennen wir ja schon und manchmal vermittelt er uns den Anschein der Sicherheit, der Geborgenheit …
        Und je mehr wir uns mit den eigenen Schritten in diesem „Kreisverkehr“ eingraben, um so flacher wird der Horizont (oder auch schmaler und enger).
        Ein Königreich für dies Narrenhügel, wo die alten Säcke und Säckinnen gar nicht auffallen – eher im Gegenteil, die neugewonnene Weitsicht plus der Erfahrung von „unter Tage“ führen zu einem „Jungbrunnen“ – geistig, wie körperlich.

        So können wir in deinem Fall (oooops) ja singen:
        Die Steigerin kommt!!

        Liebe Grüße retour,
        Raffa.

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      2. Natürlich ist es sicher, sich in alten kreisen zu bewegen. Und je älter, desto mehr glaubt man, dass dies das Leben ist. Doch viel mehr Glück wartet außerhalb.
        Glückauf, lieber Raffa

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  2. Ich kenne Dich ja nur wenig, aber Du hast sicher auch ein feine, poetische Seite. Du bist nicht nur „Mannweib“, Und „niedlich“ willst Du doch gar nicht wirklich sein…

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    1. Nein, niedlich ist nicht meins. Doch dieses zupackende, kräftige ist wie ein Fluch, weil ich mich dabei tatsächlich jedes Mal verliere…

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