Tag 83/365 – In aller Deutlichkeit

Manchmal sehe ich alles ganz klar. Dann wird mir bewusst, was ist und was sein sollte. Dann sehe ich die Ecken und Kanten meines Lebens wie gelöste Kantenumleimer unter der Fassade der Erwartungen. Dann ist diese kleine heile Welt, in der ich zu stecken meine, nur eine Illusion, die mich davor bewahrt, durchzudrehen.

Mein Leben ist okay. Von außen betrachtet ist es nahezu perfekt. Und wenn ich jammere, dann auf sehr hohem Niveau. Es mangelt an nichts und damit geht es mir besser, als einem großen Teil der Menschheit. Ich sollte dankbar sein, dauernd und mich abfinden mit dem, was nicht passt.

Das Leben ist kein Ponyhof und vergleichend betrachtet, sollte ich jetzt einfach die Klappe halten und versuchen, mich wieder einzufinden in diese Alltäglichkeit.

Kann ich aber nicht und will ich nicht. Anders als in den Jahrzehnten zuvor, sehe ich in aller Deutlichkeit, was ich brauche. Ich sehe, wonach ich mich sehne, was mich glücklich macht und was ich nicht ausstehen kann. Ich sehe, wo es schief läuft und ich sehe, was anders werden muss. Ich sehe die Gründe, die mich davon abhalten, die Verpflichtungen, die wichtigen Unwichtigkeiten, die mich davon trennen, dahin zu kommen, wo ich hin möchte.

Ich müsste ausmisten und zwar gründlich. Müsste mich endlich von all dem trennen, was nicht in mein Leben passt.

Gestern beim vorletzten Shooting passierte ausnahmsweise nichts. Die Person, die ich ablichten durfte, ist so klar bei sich, dass ich mich nur außen vor bewegen durfte und das war okay. Und während ich knipste, dachte ich darüber nach, was sie in meiner Situation tun würde. Ich sah jede meiner Schmerzpunkte in aller Deutlichkeit und die passende Lösung dazu. Und ich sah, dass es okay für alle wäre, wenn sie so handeln würde wie ich es tun sollte. Niemand wäre ihr böse, niemand wäre wütend oder vergrämt. Alle würden sagen, dass das ja sehr okay sei und sie einfach gut für sich sorgen würde.

So ein Spiegel ist ganz schön hilfreich. Er piekst zwar etwas, doch ohne käme ich mir wahrscheinlich nie näher.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Seelenspiegel… gibt nichts besseres.

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    1. Ja, manchmal findet man sie ganz unerwartet 🍀

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      1. Wortman sagt:

        Das macht sie so wertvoll.

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  2. Beim „Abfinden“ versuche ich Unterschiede zu machen. Sachen/Situationen die ich aktuell nicht ändern kann oder grundsätzlich nicht beeinflussen kann, versuche ich so gut wie möglich zu aktzeptieren. Bei Dingen die ich ändern kann, versuche ich auch immer die Kosequenz für mich (und Andere) im Blick zu behalten und das Hauptproblem ist bei Vielem der inere Schweinehund.

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    1. Der innere und manchmal auch der äußere Schweinehund…

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  3. juru77 sagt:

    Und wenn Du Deinen eigenen Spiegel gelegentlich mal putzen würdest käme vielleicht die Erkenntnis, dass Du, schon aufgrund Deiner Vielseitigkeit, anderen Leuten eine Menge voraus hast und die Dich darum auch idealisierten..😊

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