ABC-Etüde – Wiedersehen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Puzzleblume.

Die Luft ist rauchgeschwängert, als sie das kleine Café betritt. Für einen Moment findet sie es seltsam, dass das noch irgendwo erlaubt ist. Doch sie mag den Geruch, der sich mit dem frisch aufgebrühten Kaffees mischt.

In der letzten Ecke sitzt ihre Verabredung. Der kleine dickliche Mann kratzt mit einem Fingernagel über einen imaginären Fleck auf der rot-weiß karierten Tischdecke und bemerkt sie nicht. In der anderen Hand hält er eine Zigarette, die fast heruntergebrannt ist.

So kennt sie ihn, denkt sie und nimmt sich die Zeit, ihn zu betrachten. Die Dackelfalten sind in den letzten zehn Jahren tiefer geworden, ebenso die Grübchen, die inzwischen mehr in Richtung Marianengraben tendieren. Die Brille, die auf die Nasenspitze gerutscht ist, ist neu und gibt ihm einen unerwartet intellektuellen Anstrich.

Sie tritt an den Tisch und er schaut überrascht auf. Im ersten Moment scheint er überlegen zu müssen, wer sie ist, doch dann springt er lächelnd auf. Ob er sie umarmen dürfe, fragt er und umfasst sie zaghaft, als sie nickt. Sein Aftershave ist neu. Das alte streng riechende für Männer aus Freiheit und Abenteuer ist einem fruchtigen Duft gewichen. Ein bisschen weiblicher, zu sanft für den Mann, den sie kennt.

Das sich zögerlich entspinnende Gespräch dreht sich um die letzten Jahre, ein Frage-Antwort-Spiel, nichts Tiefes, plätschernde Belanglosigkeiten wie zwischen entfernt Bekannten. Doch eine Frage brennt ihr auf der Seele, die nach dem Warum, die, die nie beantwortet wurde. Sie holt tief Luft.

Als in der Küche ein Kochtopf scheppernd auf den Boden fällt, schließt sie den Mund und schüttelt den Kopf. Im Aufstehen ruht ihre Hand für einen Moment auf seiner. „Auf Wiedersehen, Papa“, sagt sie und verlässt das Café, ohne sich umzusehen.

Alice

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Komisch, mir war von Anfang an klar, wen sie da trifft. Die Dackelfalten habe ich erwartet, die Marianengraben-Grübchen finde ich extrem hübsch 😁
    Und der Ausgang, tja, der wundert mich auch nicht. 🤔😉
    Eine für deine „normalen“ Verhältnisse eher unauffällige Etüde, die sich mir extrem gut gefällt. Vielen Dank! 😁👍
    Nachmittagspausenkaffeegruß 😁☕🥨👍

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    1. Guten Morgen 😊 Danke dir, und ich muss gestehen, dass ich ein anderes Ende, mehr ein typisches geplant hatte. Doch es klappte nicht und so gefällt sie mir auch. Seltsam, dass ich die einzige Person, der ich wirklich die Pest an den Hals wünsche, nicht im Text killen kann😉 vielleicht bin ich doch kein so schlechter Mensch…
      Hab einen schönen Tag
      Alice

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  2. Behutsam kommt man sich wieder näher. Schön!

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    1. Nati sagt:

      Eher nicht, bei dem Ende….🤔

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    2. Naja, sie geht. Ich weiß nicht, ob sie zurückkommt…

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  3. puzzleblume sagt:

    Die Beschreibung bis hin zum umgebenden „Herrenduft“ bewirken eine echte, bildhafte Vorstellung, und die kleine Szene mt der Raumatmosphäre aus Gerüchen und Geräuschen kann man sich leicht dazudenken, als wäre man direkter Zuschauer.
    Die angedeuteten Ambivalenzen werden am Schluss durch die Aufklärung über die Person und den Abbruch richtig rund. Jemand kann auch ohne Blutvergiessen für einen gestorben sein, zumindest als das, was er sein sollte – ist mir nicht unbekannt, auch so, mit einem Treffen irgendwo, darum gefällt es mir besonders gut.

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    1. Ja, das denke ich auch. Die Person, die mir vorschwebte, ist auch für mich gestorben…

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