ABC-Etüde – Rosenmund

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von BerlinAutor.

Wassertropfen glitzerten in der Luft, erzählten vom Landregen, der über dem kleinen Dorf niedergegangen war. Sie war durchnässt und sie hasste es. Ihre Füße in den Gummistiefeln quietschten bei jedem Schritt. Sie wich den Pfützen aus, auch wenn sie früher gerne darin herumgesprungen war. Selbst auf dem Schulweg war sie der Versuchung erlegen, kam triefend im Klassenraum an und wurde oft ausgelacht. manchmal setzte es dann Klassenkeile. Sie war anders gewesen. Das passierte, wie ihr heute klar war. Doch damals hatte sie Angst gehabt.

Ihre Füße fielen in einen leichten Trab. Es war keine Zeit, zu trödeln. Das Café lag am anderen Ende der Ortschaft. Die Kontaktanzeige war ihr beim sonntäglichen Frühstück aufgefallen und irgendeine Formulierung hatte sie angesprochen. Sie tat sowas normalerweise nicht, las nie diese Seite, wo Einsame andere Einsame zu finden hofften, mit schwammigen Formulierungen zu becircen versuchten. Eine Fügung des Schicksals vielleicht oder eine verrückte Idee. Sie hatten telefoniert und er klang sympathisch. Rosenmund hatte er sie genannt, das gefiel ihr.

Als er auf ein Treffen drängte, sagte sie zu. Der Bus hielt außerhalb und als sie ausstieg, begann der Regen. Für einen Moment hatte sie es für ein schlechtes Omen gehalten, doch die Vorfreude, vielleicht endlich jemanden gefunden zu haben, ließ sie die Bedenken beiseite wischen.

Das Gasthaus war fast leer, als sie eintrat. Noch nicht einmal die Wirtsleute standen am Tresen und polierten Gläser. Nur ein Mann in mittleren Jahren saß am Tisch und lächelte ihr entgegen. „Rosenmund“, sagte er und streckte eine Hand nach ihr aus. Sie nickte und näherte sich ihm.

Hätte sie sich ein wenig umgeschaut in dem Café, hätte sie vielleicht die toten Wirtsleute gesehen, deren Füße hinter dem Tresen hervorsahen. Doch so landete sie mit ihnen auf der Titelseite, eine weiße Rose zwischen ihre regenfeuchten Lippen geklemmt.

Alice

28 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulli sagt:

    Das musste ja so kommen 😉

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  2. wildgans sagt:

    Menschenskinners, wie kriminellcool!

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  3. Christiane sagt:

    Geradezu gespenstisch gut 😁. Schön, allmählich erwartet man bei dir, dass es Tote gibt, trotzdem … 😉
    Ich wünschte mir, dass so ein „klassisches Opfer“ den Spieß umdrehen kann, nicht so verzweifelt wie in deiner letzten (großartigen) Etüde, sondern subtiler … 🤔
    (Nein, fühl dich bitte nicht veranlasst oder unter Druck gesetzt, so ist es nicht gemeint.)
    Und oh, dein Beitragsbild ist auch klasse. 👍👍👍
    Sonntagnachmittagskaffeegrüße 😁🌦️☕🍪👍

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    1. Hatte ich auch schonmal 😉
      Liebe Grüße und schön, dass sie dir gefällt 🙏❤🍀🍀🍀

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      1. Christiane sagt:

        Einmal ist keinmal 😉👍

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      2. Stimmt auch wieder🙈

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  4. juru77 sagt:

    Titelseite ist schon was. Und das Ruhm seinen Preis hat ist hinlänglich bekannt 🙂

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    1. Was tut man nicht alles, um fame zu sein 😉 würde mein Sohn sagen…

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  5. juru77 sagt:

    Schon schön wenn die Jugend so klar denken kann🙂

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  6. Nati sagt:

    Hach genial, bis zum Schluss so harmlos daher kommend.

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    1. Ja, nu. Dann hätte ich ja auch die Überraschung verdorben 😉

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  7. blaupause7 sagt:

    und da sagt man immer, man solle sein Rendez-vous an öffentlichen Orten wie Restaurants oder Cafés haben…

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    1. Man kann nie sicher sein…

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  8. books2cats sagt:

    Typisches Alice-Ende! Ich liebe es! 😁

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  9. Ich guck auch nicht immer, ob der Wirt schon tot ist, wenn ich in eine Kneipe gehe ….

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    1. Oho, das könnte ein Fehler sein 😅👍

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  10. BerlinAutor sagt:

    Ich finde es faszinierend, wie du mit nur 300 Wörtern einen ganzen Kriminalroman erzählen kannst. Klasse 🙂

    VG, René

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    1. Ich danke dir. Das meiste spielt sich ja – wie immer – im Kopf ab 😉

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      1. BerlinAutor sagt:

        Jabb, und da macht dann jeder sein eigenes Kino 🙂

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