ABC-Etüde – Klassentreffen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Berlinautor.

Triggerwarnung – Mobbing

Die Tür öffnete sich und mit dem nächsten Moment waren dreißig Jahre ausgelöscht. Es roch nach Schmierseife und schimmeligen Schwämmen, von der Mensa strömte noch der Freitagskabeljau herüber und an den sonnenbleichen Holzpaneelen standen Sprüche, die die Lehrer einfach übersahen, weil eine Verfolgung des Vandalismus Mühe gemacht hätte.

Überall standen Menschen, unbekannte Gesichter über feinen Anzügen und eleganten Abendkleidern. Er war underdressed, wie immer, doch es störte ihn nicht. Sie würden ihn sowieso nicht erkennen. Und selbst wenn sie sich erinnern würden, nicht die Klassenkeile vergessen hätten, die sie ihm immer freitags mitgaben, nachdem er würgend aus der Mensa gestürzt war und den Kabeljau im hohen Strahl an der urinbespritzten Brille vorbei zurück ins Meer befördert hatte, nicht vergessen hätten, wie sie ihn geschubst hatten auf die immer geflickten Knie seiner Jeans, dass die Mutter alten Stoff zerschneiden musste und bis in die Nacht kopfschüttelnd an der Tretnähmaschine saß, damit er nicht mit kaputten Hosen losmüsste, selbst, wenn sie nicht verdrängt hätten, was wäre dann?

Er erinnerte sich an alles, doch es belastete ihn nicht mehr. Drei Therapien hatten dafür gesorgt, dass er funktionierte, sich im Alltag nur schwammig an das erinnerte, was damals passierte, als sie ihn nackend auszogen und in die Mädchenumkleide schubsten, ihm ihr vom nächtlichen Wichsen gesammeltes Sperma in die Haare schmierten und ihn stinkend im Unterricht sitzen ließen, schamesrot. Er hatte überwunden, dass sie ihm Spitznamen gaben, ihm Beinchen stellten, ihn mit vollgespuckten Papierkugeln bewarfen. Es war nicht mehr wichtig.

Vor ihm stand die Tür zum großen Festsaal offen. Drinnen spielte laute Musik und dünner Alkoholnebel waberte ihm entgegen. Er trödelte absichtlich und ließ die letzten Nachzügler vorbei.

Dann schloss er die Schwingtür, legte ein Brett über den Riegel und drückte den Auslöser für die gleichmäßig um den Saal verteilten Brandsätze.

Alice

35 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr, sehr heftig! Von allen Seiten. Und gut geschrieben!

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  2. Nati sagt:

    Mittendrin fragte ich mich warum er dann überhaupt hingeht…..
    „Kabummmm!!! 😂

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    1. juru77 sagt:

      Weil er sich auch einmal einen Spass machen wollte..

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      1. Nati sagt:

        Mit Alice macht es mittlerweile Spaß böse Gedanken zu hegen. Lach…

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      2. juru77 sagt:

        das kann man laut sagen..😊

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      3. Nati sagt:

        Immer wieder interessant wie sie die Wörter dafür verwendet.

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      4. Hab ich dich angesteckt?

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      5. Nati sagt:

        Mittlerweile ja….
        Es macht richtig Spaß deine bösen/schwarzen Beiträge zu lesen.

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      1. Nati sagt:

        Das ist aber jetzt harmlos ausgedrückt Alice. 😂

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  3. juru77 sagt:

    Fehlt aber der Hinweis, dass Nachahmen nicht so gerne gesehen wird..😊

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    1. Ach komm…. dann macht es doch keinen Spaß mehr… 😉

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  4. Christiane sagt:

    Boah. Es versteht beim Lesen jede*r, warum er so handelt, und trotzdem gibt es Leute, die sich keine Gedanken machen über die Konsequenzen von dem, was sie tun. Ich werde das nie verstehen, und auch den „Spaß“ daran nicht. 🤔
    Sehr gut, knallt sehr rein. 👍👍👍
    Begeisterte Nachmittagskaffeegrüße 😁🌥️☕🍪👍

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    1. Danke dir 😉 Ja, mich macht es auch jedes Mal wütend, wenn ich sowas mitbekomme… als gebranntes Kind, reagiere ich da sehr stark drauf
      Prost Nachmittagskaffee 😉

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  5. sigurd6 sagt:

    Nach dieser Geschichte hätte Alfred Hitchcock einen Thriller gedreht. 😀

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    1. DAS hätte mir gefallen 👍

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  6. Ulli sagt:

    Schrecklich und realistisch. Leider.
    Guuut geschrieben. Mit Knalleffekt.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke dir🙏 das Ende war plausibel 😉
      Liebe Grüße

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  7. wildgans sagt:

    Nach dem ersten Lesen hat es mich sprachlos sein lassen. Knallhart, das Ende…Kommt in eine Minikrimianthologie?
    Gruß von Sonja

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    1. Ich danke dir🙏🍀 ich denke darüber nach, es passt irgendwie in mein aktuelles Projekt. Nur dafür müsste es ein wenig gestreckt werden….
      Liebe Grüße
      Alice

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  8. Therapie hin und her, ich denke so etwas erlebt zu haben, das bekommt man nicht mehr aus dem Kopf. Und wenn er dann noch Messdiener …….

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    1. Das glaube ich dir. Ich kenne das auch…

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  9. kommunikatz sagt:

    Liebe Alice,
    Deine etüde ist unglaublich dicht und krass. Ich habe sie gestern Abend gelesen und sie geht mir immernoch nach, vielleicht, weil ich in meiner Schulzeit ähnliches erlebt habe wie Dein Protagonist. Wollte Dir nur ein großes Kompliment für Deine Schreibkunst aussprechen.
    liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Lea, dass du sowas erleben musstest, tut mir unglaublich leid. Ich hoffe, dass ich keine alten Wunden aufgerissen habe.
      Ganz liebe Grüße
      Alice

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  10. Ulrike sagt:

    Jetzt muss ich an diesen einen Amokläufer denken, und an den Film Carrie, nach einem Roman von Stephen King. Jedenfalls haut deine Etüde rein – da hin, wo’s weh tut. und das ist auch gut so.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke dir🙏 ich kenne viele solcher Geschichten, auch von mir und meinen Kindern. Wenn Lehrer dann weggucken und selbst den Eltern Hilfe verwehrt wird, ist es grausam. Ich erinnere mich gut, was ich denen gerne angetan hätte und wie hilflos ich mich gefühlt habe. Wenn ich heute daran denke, dann hoffe ich, dass das Karma seinen Job tut.

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  11. BerlinAutor sagt:

    Es war beim Lesen ja kaum zu ertragen, was dem alles angetan wurde. Und ungefähr bei der Hälfte war ich mir dann nicht sicher wie er am Ende reagiert. Damit hätte ich dann fast nicht gerechnet. Wahnsinnig gut geschrieben. Hut ab

    VG, René

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    1. Danke dir🙏 die Figur hat am Ende selbst die Regie übernommen, ich war überrascht, wie konsequent sie sich rächt…

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      1. BerlinAutor sagt:

        Ja, es ist doch immer wieder interessant, wie sich manche Dinge beim Schreiben entwickeln, oder?

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