Tag 66/365 – Chuzpe

Ich mag das Wort, ich mag überhaupt viele Wörter, die dem Jiddischen entlehnt sind, die geblieben sind und zumindest bei den Älteren unter uns, noch im Sprachgebrauch vorhanden sind.

Bemüht man Google, findet man als Übersetzung eine Art dreiste Zielgerichtigkeit, die aber eher charmant und nicht gemein ist. Eine freundliche Frechheit, ein Mut, die eigenen Interessen über die anderer zu stellen.

Ob ich Chuzpe habe, frage ich mich gerade. Ich, die ich mit Ahnung von gar nichts, an die 20 Menschen vor die Kamera zitiere, ihre Zeit nutze, um besser zu werden. Und dabei geht einiges schief, ich bin nun mal kein Profi. Und auch, wenn ich einen Blick für Bilder habe, ich bin Anfänger.

Nach dem allerersten Durchgang, der nahezu perfekt lief, waren die nächsten Bilder überbelichtet. Was zumindest in der Dunkelkammer nicht schlimm ist. Nur der Scanner, der macht es mir schwer. In geschlossenen Räumen zu fotografieren, bei Kunstlicht und mit starken Kontrasten ist tatsächlich was Anderes, als draußen den Wald abzulichten.

Aber ich gebe nicht auf, auch aus anderen Gründen. Ich möchte wieder gesund werden. Das ist mein oberstes Ziel. Ich werde weder als Fotografin noch als Malerin Karriere machen oder davon leben können. Mein Anspruch, immer perfekte Ergebnisse abzuliefern, scheitert an Umgebungsbedingungen, an Fähigkeiten, am Können. Und diese allgemeine Unvollkommenheit, auf die ich nur bedingt Einfluss habe und wo Scheitern normal und menschlich ist, die brach mir oft den Hals. So lange alles perfekt ist, laufe ich sauber. Wenn nicht, dann bricht der Boden unter mir ein und ich zweifle an der Daseinsberechtigung meiner Existenz.

Chuzpe, hätte ich mehr davon, würde es mich weniger jucken. Dann würden Fehlversuche nicht so viel Kraft kosten und enttäuschte Gesichter nicht mein Glück zerstören.

Ich möchte wieder arbeiten, wieder belastbar sein und zufrieden mit dem, was ich tue. Ich bin schwach geworden, ließ mich hängen und fühle meine Muskeln kaum noch. Ich zweifle, ob ich einen normalen Arbeitsalltag bewältigen kann. Und auch da ist diese Aktion ein guter Test, ein Training, um die mentalen Muskeln zu stärken. Denn diese Treffen sind Arbeit. Nicht nur das Herrichten der Location, auch das Fotografieren, selbst die Kommunikation ist gerade eine Herausforderung. Das nachfolgende Entwickeln, scannen, bearbeiten und ausbelichten kommt noch dazu. Da gehen Stunden konzentrierter Arbeit durch. Und bisher, hier klopfe ich auf Holz, schaffe ich es selbst ohne totalen Durchhänger.

Die Fehler, die ich machte, habe ich weggeatmet, gebe gerade nicht auf, weil es nicht optimal läuft, sondern versuche rasch vor dem nächsten Termin, zu lernen, wie ich das ausbügeln kann. Hardcore für mich und das perfekte Training.

Meine Models sind gnädig und freundlich, das tut mir gut. Der Therapeut sagte was von, ins Handeln kommen. Das tue ich und bin gerade guter Hoffnung, dass es irgendwie wird, dass ich es schaffe, mich aus diesem Keller ans Licht zu zerren und mir ein bisschen Chuzpe wachsen zu lassen.

Charmante Dreistigkeit, klingt anstrengend für alle Beteiligten. Ich brauche auch keinen Sack voll davon. Aber ein bisschen wäre schon schön.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Annuschka sagt:

    Das klingt gut und nach Aufbruch. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg auf dem Weg und lass dich nicht entmutigen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Nati sagt:

    Es wird, bleib am Ball Alice.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir, werde ich ❤🍀

      Gefällt 1 Person

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