Tag 49/365 – Nicht mein eigenes

Bon Jovi sang es, glaube ich. Ich bin nicht so ein Fan von ihm, auch wenn ich das Radio nicht ausmache, wenn sie was von ihm spielen. Da gab es eine langsame Version von, die möchte ich, sie rührte was an, nicht nur musikalisch.

It’s my life ( by the way, es ist fast unmöglich am Tablet mit Autokorrektur was auf Englisch zu schreiben) hieß der Song und heute morgen, kurz nach dem Aufstehen, hatte ich ihn im Ohr. Wer in meinem Blog liest, findet neben Zeichnungen und kurzen Erzählungen meine Geschichte, eine Geschichte über eine Suche nach Ursachen. Woher kommt diese verfickte Depression, warum fühle ich mich oft so hilflos und gelähmt, warum komme ich da nicht raus.

Ich gehe zur Therapie, komme auch irgendwie weiter, aber bevor ich etwas ändern kann, möchte ich es verstehen, möchte die Gefühle verstehen, die mich unvermittelt in banalen Situationen überkommen, möchte nachvollziehen können, warum ich und mein Körper so reagieren. Mir ist klar, dass nur verstehen nicht reicht, dass ich handeln muss, aber bevor ich den Pferdefuß nicht gefunden habe, kann ich ihn nicht abschneiden.

Und leider ist die Geschichte nicht simpel. Ich würde sie gerne auf eine Ursache runterbrechen, denn Finger darauf legen und sagen, dass es das ist und wenn ich das eine weg hab, geht der Rest von alleine. Ich habe gemerkt, dass ich Rückzugsräume brauche, Zeiten, in denen ich für mich bin, ich sein kann. In Lebensphasen, in denen das normal war, ging es mir besser. Allerdings auch nicht gut, denn dann war ich einsam. War ich nicht mehr einsam, stellte sich nach einer Weile das ein, was ich jetzt durchmache. Das war mal mehr, mal weniger schlimm, manchmal merkte ich es kaum, lediglich eine leichte Unruhe begleitete mich und ich funktionierte nicht mehr so gut.

It’s my life, es ist mein Leben. In Endlosschleife begleitet mich der Ohrwurm und Bon Jovi quäkt etwas nervtötend im Hintergrund. Ich lasse ihn und drehe den inneren Lautstärkeregler runter. Und Bilder ziehen vorbei.

Mein Leben, meine Zeit. Was fange ich damit an. Und ist es überhaupt meine? Wem gehört meine Zeit, wer gestaltet sie? Wem erlaube ich, sich einzumischen und wie viele Zugeständnisse muss ich in Beziehungen jedweder Art machen, was ist noch sozialverträglich, was geht in Richtung Selbstaufgabe?

Und da ist es, das nächste kleine Puzzleteil. Wo es herkommt, ist mir klar. Ich sehe mich gerügt wegen eigener Ideen und eigenmächtigen Entscheidungen. Man macht sich ja nur Sorgen, ich solle doch ein gutes Kind sein, sonst kommt Mama in die Klinik, ich ins Heim und der Vater verlässt die Mutter undsoweiterundsofort.

Alleine einsam, zusammen so, wie ich es lernte. Und so suchte ich Symbionten in allen Facetten, Menschen, die mir das Gefühl geben, nicht alleine zu sein und ließ zu, dass ich mich anpasste, mein Leben aufgab, Pflicht erfüllte an und mit ihnen, weil ich ja so sein sollte und mein eigenes Leben nicht wichtig ist. Die, die mich angeblich brauchten, haben sich erstaunlich schnell mit dem Hinweis, auf ihr eigenes Leben verpisst, als es ihnen passte. Die Symbiose war eine Interimsstation, ein Leiterchen quasi, um aus anderen unangenehmen Situationen raus zu kommen oder sie erträglicher zu machen.

Zurück blieb das Kind, dem es spontan besser ging, aber nicht gut, weil jetzt was fehlte. Kam der nächste, wurde die einsame Freiheit wieder gegen selbst angelegte Fesseln getauscht.

It’s my life, er singt wieder lauter. Soll das denn ewig so weitergehen? Was ist das überhaupt, mein Leben? Eine nicht so einfach zu beantwortende Frage. Bisher habe ich es, glaube ich, noch nicht kennen gelernt.


Alice

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. kommunikatz sagt:

    Danke. Wenn ich Deine Posts lese, wird mir so oft auch so Vieles über mich selbst klar. Die Ursachen in der Kindheit sind andere, aber das Ergebnis, dass ich mich immer zu sehr anpasse, mich selbst aufgebe und verleugne, mir selbst weder vertraue noch mir eigene Wahrnehmungen und Gefühle glaube, das kenne ich so gut und auch bei mir hat es sich wieder und wieder wiederholt. Jetzt bin ich in einer Phase, die das alles aufbrechen könnte, aber irgendwie finde ich die richtige Richtung nicht. So Vieles steht im weg, blockiert und bremst aus… Ich wünsche uns Beiden, dass wir die Kurve kriegen und diese alten, bösen Geister irgendwann loswerden oder zumindest die Diskussionen mit ihnen häufiger gewinnen.

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    1. Ja, diese akute Phase ust wichtig, damit sich mal was ändert. Ich kann und will so nicht mehr weitermachen. Ganz viel Erfolg für dich 🙏❤

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  2. juru77 sagt:

    In manchen Songs steckt manch Wahres. Aus Corona Langeweile schneide ich gerade noch vorhandene rund 30 Jahre alte Videos (kam nie so richtig dazu😊). Da erinnert man sich an vieles und fragt ob da alles wirklich besser oder schlechter war. Anders halt, und Heute ist wieder Anders..

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    1. Stimmt, die Zeiten ändern sich rasant. 30 Jahre alte Videos klingt mehr als spannend…

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      1. juru77 sagt:

        Udo Jürgens, abgewandelt: Vieles was gross und wichtig erschien wurde im Laufe der Zeit viel kleiner..😊Es ändern sich die Zeiten, wir uns aber auch. Was ja nicht schlecht ist.

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      2. War Reinhard Mey ( über den Wolken) ansonsten bin ich da ganz bei dir. Leider bleibt manches (zu) groß, zumindest bei mir momentan. Dann muss es auf die richtige Größe zusammen gestaucht werden

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      3. juru77 sagt:

        Oh je, das hätte ich wissen sollen! Wo ich doch gerade einen Drohnen Führerschein machte und da gehört das zum Lehrstoff (nicht wirklich). Der Jürgens war ja der mit der Gute Nacht Geschichte. Aber grosses lässt sich ja in kleines zerlegen. Step by step, wenigstens den einen Satz meiner Englischlehrerin habe ich noch im Ohr..

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      4. Ich schmeiße sowas auch dauernd durcheinander… Und Namen sind mein Waterloo… 😂👍

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      5. juru77 sagt:

        Es ist kein Doppelfehler: Gute Nacht Freunde, auch Mey. Ich (Mann) dachte natürlich an die süße 17..

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      6. Das ist natürlich verständlich 😊😉

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  3. Mindsplint sagt:

    Nur soviel: Bon Jovi mag ich auch nicht…. :-/

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    1. 😉 war mir klar, dass ich damit nicht alleine bin

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