ABC-Etüde – Eiszeit

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Wortman.

Der Stock flog weit über seinen Kopf und landete ein Stückchen weiter mit einem stumpfen Laut im Schnee. Er lief hin, hob ihn auf, klopfte den Schnee ab, ging zu seiner vorherigen Position und warf ihn erneut. Das machte er seit Stunden. Und er schien nicht müde zu werden.

Manchmal blieben Menschen stehen und betrachteten ihn eine Weile, versuchten auszumachen, was er mit dem Stock treffen wollte, doch da war nichts. Er stand mitten auf freiem Feld an einem mäßig besuchten Wanderweg. Niemand sprach ihn an. Niemand dachte daran, jemanden zu informieren, dass ein junger Mann, nur dünn bekleidet, dieses seltsame Spiel spielte. Und dann setzte der Schneefall wieder ein.

Die Menschen gingen nach Hause, setzten sich in die warmen Zimmer, kochten Tee und betrachteten die immer dichter werdenden Flocken durch dicke Isolierglasscheiben.

Der Stock flog weit über seinen Kopf und verschwand zwischen den Schneeflocken. Das war neu. Er sah nach oben und befürchtete, sie könnten die Flugbahn blockieren, doch er ging einfach durch sie hindurch. Wie Butter, hätte die Tante gesagt, erinnerte er sich und warf das Holz erneut. Wie Butter und er lachte laut. Lachte bis ihm der Bauch weh tat und aus seiner Kehle nur noch seltsame Geräusche kamen. Wie ein Affe klingst du, hatte die Tante gesagt, wie ein Affe und dann hatte auch sie gelacht, jedesmal.

Er fror. Die Füße waren nass und er fühlte sie kaum noch. Seine Tante hätte ihn warm angezogen, ihm die dicken Schneeschuhe gegeben und eine Mütze aufgesetzt. Und dann hätte sie in der Tür gestanden und gewunken, den Kopf geschüttelt, wenn er an ihrer Hand gezogen hätte und auf ihr schlimmes Bein verwiesen.

Jetzt war sie im Himmel. Aber sie hatte ihren Stock vergessen.

Alice

30 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh…. oh. … das ist ganz traurig. Und so schön geschrieben 💚

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  2. Klausbernd sagt:

    Well, das Ende etwas depressiv. Aber das Foto des Eiszapfens gefällt uns.
    Eine fröhliche Woche wünschen wir dir
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    1. Ja, Eiszapfen sind immer wieder toll
      Euch auch eine schöne Woche
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

  3. Christiane sagt:

    Oh, heftig. Wenn er so weitermacht, kann er ihn ihr gleich mitbringen 😢
    Bittere Geschichte, aber sehr kunstvoll geschrieben, vielen Dank! 🤔😉👍👍👍
    Mittagskaffeegrüße 😁🌬️❄️☕🍪👍

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    1. Danke dir. Ja, das wollte ich offen lassen, wie das endet. Das er ein Streichholzmädchenende nimmt möchte ich nämlich nicht.
      Liebe Grüße zurück☕

      Gefällt 2 Personen

      1. Christiane sagt:

        Aber es wirkt schon so, als ob es so enden könnte … so selbstvergessen, wie er zu sein scheint … 🤔

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      2. Ja, aber erst, wenn ich es schreibe, ist es wahr. Und das will ich nicht…

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  4. Nati sagt:

    Ich frage mich ob er wohl krank ist oder ob es jemanden gibt der sich um ihn kümmert.

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    1. Es ist so gedacht, dass er jemand ist, den man früher „zurückgeblieben“ genannt hätte, so ein Sorgenkindchen. Und ja, ich hoffe auch, dass sich nun jemand um ihn kümmert…

      Gefällt 3 Personen

      1. Nati sagt:

        Dann hatte ich das richtige im Gefühl.
        Sehr berührend Alice.

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  5. Annuschka sagt:

    Uff. Das Ende lässt mich geplättet zurück. Aber toll geschrieben.

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  6. Das finde ich rührend. Und ich dachte, er spielt mir seinem verstorbenen Hund. Aber dies Ende finde ich noch anrührender.

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    1. Das mit dem Hund hätte ich nicht ausgehalten…

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      1. Schon der Gedanke, hat bei mir eine Gänsehaut verursacht.

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      2. Ja, ich kann das auch in Filmen nicht sehen…

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  7. Wortman sagt:

    WOW – mein Respekt…. das wäre was für einen Kurzfilm 🙂

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    1. Ja, aber da fürchte ich, müsste man ein Ende liefern… will ich aber nicht

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      1. Wortman sagt:

        Warum ein Ende liefern? Das passt so auch. Finde ich zumindest.

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      2. Ich bespreche das mal mit dem Filmsohn…

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      3. Mach ich auch…

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