Illustrierte Gedanken

Meine Oma las gerne Illustrierte. Mindestens drei Hefte wurden ihr pro Woche zugestellt, verschwanden in ihrer Wohnung, um spätestens sechs Tage später, pünktlich vor der Ankunft einer neuen Ladung, unten an der Treppe für uns ausgelegt zu werden. Ich hatte die Aufgabe, sie hereinzuholen und den Zweitlesern zuzuordnen. Der Stern und der Spiegel, die monatlich die Bunte, die Frau im Spiegel und die Frau aktuell ergänzten und sich neben der Gala seltsam intellektuell gebärdeten, kamen zum Vater und später zum Bruder. Der Rest landete in der Küche oder direkt in einem Karton, wo sie neben den leergelesenen Tageszeitungen darauf warteten, etwas Zerbrechliches einzupacken oder zum Anfeuern zu dienen.

War mir langweilig und ich zu faul, mir ein Buch zu suchen oder etwas ähnlich Sinnvolles zu tun, blätterte ich manchmal in den geerbten Heften. Die meisten Menschen, um die es ging, waren mir gänzlich unbekannt, manchmal kam mir ein Name oder ein Gesicht vage aus dem Fernsehen bekannt vor. Doch ich las die Artikel nicht, sie interessierten mich nicht weiter, auch wenn ich da hätte erfahren können, warum einem Menschen die Veröffentlichung dieses Beitrages wichtig schien.

Ich schaute die Bilder an. Saß dabei meist am Küchentisch, blätterte langsam Seite um Seite, ließ bunte Hochglanzfotos auf mich wirken. Egal ob Star oder Sternchen, der betagte Fernsehmoderator oder der Politikersohn, ihre Geschichten waren mir herzlich egal. Lediglich die Bilder berührten kurz mein Bewusstsein, verschwanden aber ebenso schnell, rauschten wie ein schlecht gemachtes Daumenkino an der Grenze des Wahrgenommenen vorbei.

Ich glaube, niemand in unserem Haus las tatsächlich die Beiträge. Selbst die unheimlich langen, in winzig kleiner Schrift gesetzten und damit überaus wichtig wirkenden des Spiegels tat sich niemand an. Sie lagen im Wohnzimmer aus wie eine Dekoration, die Besuchern vielleicht den Eindruck vermitteln sollte, dass in diesem Haus Menschen leben, die ihre Interessen am Zeitgeschehen haben.

Dennoch genoss ich das Gefühl, zwischen diesen vernachlässigten journalistischen Ergüssen aufzuwachsen. Es fühlte sich reich an, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um in die bunte Glitzerwelt oder den Bundestag eindringen und das alles wirklich verstehen zu können. Hätte man nicht und wollte wohl auch niemand.

Als ich älter wurde, verschwanden alle Zeitschriften. Sie fielen der Tatsache zum Opfer, dass die Oma nicht mehr wirklich einschätzen konnte, was sie da so zusammenkaufte. Für kurze Zeit wuchs der Stapel auf der Treppe nämlich so immens an, dass man sich beim Versuch, darüber zu steigen beinahe das Bein brach. Und als dann andere Bestellungen und Einkäufe dazu kamen, jeder Klinkenputzer nur kurz vorsprechen musste, um nach kurzer Zeit glückselig mit dem Vertrag seines Lebens unseren Hof verlassen zu können, schritt die Familie ein. Es wurde gekündigt und geklagt, Ärzte kamen dazu und es endete unschön.

Und der Stapel war weg.

Auch heute noch kaufe ich ab und an Zeitschriften. Und ich lese sie noch immer nicht. Doch immer, wenn mir langweilig ist und ich zu faul bin, ein Buch zu holen, dann setze ich mich an den Küchentisch und gucke mir für eine Weile die bunten Bilder an.

Alice

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bei uns gab es damals die sog. Lesemappen, eine Anzahl von Zeitschriften, die man regelmässig auf Leihbasis zugestellt bekam. Mit unterschiedlichen Tarifen, je nach Aktualität.

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    1. Die kenne ich aus Wartezimmern… Lesezirkel hießen die, glaube ich. Ich wusste gar nicht, dass man die auch privat bekommen konnte…

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    2. Verwandlerin sagt:

      Den „Spiegel“ lese ich jede Woche und in „Gala“, „Instyle“ und so schaue ich imzwischen online.

      Mich entspannt das. Naja, der Spiegel natürlich nur teilweise …

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      1. Ich kann mich nur an Quick, Constanze und Stern erinnern.

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      2. Stimmt, an die Quick erinnere ich mich auch noch. Aber Constanze… gehörte auf jeden Fall nicht zu den Lieblingsblättern meiner Oma.

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      3. Ich lese sie nicht… Vielleicht, weil ich es mir nie angewöhnt habe. Aber beim Frisör genieße ich das Buntebilderblättern

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  2. Mindsplint sagt:

    Das habe ich sehr gerne gelesen und einige Sequenzen haben mich gedanklich zurück in die Kindheit versetzt. Als auch ich zu Besuch bei Oma Illustrierten benutzt habe, um alle Bilder, die mir gefielen, auszuscheiden und daraus Wunschbildbücher zu basteln. 🙂

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    1. Ja, Bilder ausschnippeln oder verschönern… das habe ich auch manchmal gemacht

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