Tag 17/365 – Ein störendes Gefühl

Es war eine Standardsituation, die momentan selten vorkommt. Zwei Bekannte, die ins Gespräch vertieft, mit Sicherheitsabstand selbstverständlich, da waren, wo auch ich mich bewegte. Ich wollte sie nicht stören und auch nicht einfach vorbeigehen, kennen tut das jeder.

Ich entschied mich für das Grüßen, rückte ein bisschen näher, so weit es die aktuellen Frischluftregeln erlauben und wurde mir doch bewusst, dass wir nun drei waren, also einer zu viel, was seltsam anmutet, wie wir da standen, drei Meter Frischluft zwischen uns. Situativ unverständlich, müssen wir doch auch in Supermärkte, wo zehn vollkommen Fremde Dank Maske meinen, auf Tuchfühlung gehen zu dürfen, doch das ist nicht mein Thema.

Ich fühlte mich störend, auch wenn die Begrüßung fröhlich und zugewandt war. Ich störte nicht und doch war da dieses seltsame Gefühl in meinem Bauch. Der Realitätsabgleich klappte nicht und ich zog mich raus, verwies auf die runtergebrannte Zigarette und die kalte, schneegetränkte Luft.

Es ließ mich nicht los, dieses mulmige und begleitete mich nach Hause, wo die Hunde ihre kalten Nasen in warme Decken steckten.

Störend, das Gefühl kannte ich und ich ließ es zu, dass es mich flutete, Erinnerungen hochkommen ließ und mir bewusst machte, dass Heilung ein langer Prozess sein wird.

Störend zu sein, nicht richtig, nicht die richtige zu sein, der Realitätsabgleich bei den Eltern spricht eine andere Sprache, lässt mich erschauern trotz heißem Tee und Wollsocken.

Andere Situationen meines Lebens zogen vorbei. Frisches und Altes nebeneinander, überall verkehrt, brüllt etwas und auch wenn der Kopf weiß, dass es nicht stimmt, das Herz urteilt anders.

Mein Weglaufen macht auf einmal Sinn, neu anfangen ist die Suche nach einem neuen Platz in der Welt, einem, der mir gehört, da, wo ich nicht störe. Bleiben und aushalten ist schmerzhaft, verzerrte Spiegelbilder lösen Stress aus, Adrenalin schwappt auf das Kopfkissen.

Das Gefühl stört. Es soll weglaufen und woanders neu anfangen. Bei den Verursachern vielleicht. Das wäre doch fair.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Grinsekatz sagt:

    Bei den Verursachern vielleicht.
    Vergiss es. Die sind über jeden Zweifel erhaben, haben alles „richtig“ gemacht. Richtig im Sinne von „nicht mehr vorhanden“ oder auch „nichts besseres gelernt“. Die einen stören, die anderen schämen sich. Das produziert zumindest Aufmerksamkeit, der Beschämte wird wahrgenommen. Kann man auch als „Erwachsener“ zelebrieren, bis es durchschaut wird.

    Einen guten Sonntag dir, trotz und gerade wegen allem.
    Mich stör`ste nich`, im Gegenteil.
    Stören tun eher die Gestörten, also die wahren 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, wahre Worte. Ich habe mal versucht, zu reden. Über die Reaktion schweige ich lieber. Hatte nichts anderes erwartet. Entschuldigen können sie sich nicht.
      Der Sonntag war gut, weil es die Dunkelkammer gibt. Jetzt trocknen die Ergebnisse. Ruhig und dunkel, früher hätte mir das Angst gemacht. Jetzt ist es eine Oase.
      Liebe Grüße zurück und einen tollen Wochenstart.
      Und danke

      Gefällt 1 Person

  2. Nati sagt:

    Ich denke das Gefühl kennt jeder. Wenn man Leute begegnet die man kennt, sich gerade aber anderweitig unterhalten.

    Gefällt 4 Personen

    1. Ja, nur das Ausmaß variiert, denke ich.

      Gefällt 1 Person

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