Tag 8/365 – Die andere Seite

Ich habe sie vernachlässigt, die andere Seite. Weggeguckt mit ein bisschen Verachtung, nicht geglaubt, dass sie eine Rolle spielt. Doch das tut sie und das hätte mir vorher auffallen können. In meiner Familie gab es nur schwarz oder weiß. Weiß, das war Oma Kiel, die Pommernoma, die Flüchtlingsfrau, die, die mit der Axt den Stier erschlug, die, die alles ertrug, was kein Mensch ertragen kann. Und die immer klar und lieb blieb.

Schwarz, das war die andere, die, die ich kennen lernte, die Karrierefrau, sofern man das damals schon so sagte. Sie war biestig, hatte etwas von einem Drachen, trat uneingeladen durch Türen und wurde gehasst, zumindest von ihrem Sohn. Der traute sich nie ihr das zu sagen, schwieg und ließ die Wut an uns aus, die ihn dazu nötigten, abhängig von ihr zu sein.

Ich hasste sie nicht, ich mochte sie. Zumindest so lange, bis ihr Geist sich verabschiedete und mir ihr Weglaufen und ihre Wesensveränderung Angst machte. Zeit, ihr Raum zu geben, denn sie ist wichtig.

War auf der mütterlichen Seite das Frau sein verpönt, ein Zeichen von Schwäche und Opferhaltung, wusste sie ihre Qualitäten einzusetzen. Sie war Frau, wenn auch die Hässlichste, die man sich vorstellen kann. Als eines der jüngsten von 14 Kindern einer Musikerfamilie, der Vater leitete das Orchester vor Ort, wurde sie während des ersten Weltkrieges geboren. Sie erkrankte an der englischen Krankheit und lernte erst mit vier Jahren auf erbärmlich krummen Beinen laufen. Sie blieb immer krumm mit Trichterbrust und so dünnem rotblondem Haar, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Klug war sie, so erzählte man, doch sie besuchte nie eine höhere Schule.

Ihre große Nase, das fliehende Kinn, die schlaffe Haut, sie wäre eine gute Besetzung für eine der Hexen von Oz gewesen. Doch sie glaubte daran, dass sie schön war und angelte sich einen Mann aus reichem Haus. Drei Jahre jünger schwängerte er sie zügig, mein Vater wurde geboren mitten im zweiten Weltkrieg und mein Opa trug die schwarze Uniform. Er trug sie nicht lange und fiel bei Königsberg. Er hat gebüßt, was auch immer er damals tat.

Von den Schwiegereltern war nichts zu erwarten, sie speisten ab mit einem Grundstück. Der Sohn war drei und verhaltensauffällig, sie selbst musste zusehen, wie sie überlebten mitten im Nachkriegschaos in einer Stadt, die in den letzten Stunden des Weltkrieges fast vollständig zerbombt wurde.

Und das tat sie. Sie gab den Sohn tagsüber zu Tanten und Onkeln, suchte sich einen Job und arbeitete sich über die Jahre von der einfachen Telefonistin zu Chefsekretärin hoch. Das Grundstück verkaufte sie, von dem Geld baute sie ein Haus, in das meine Eltern mit einzogen. Wir wohnten unten, sie oben.

Inzwischen hatte sie wieder geheiratet, es dauerte ein paar Jahre, bis ich verstand, dass der ältere Mann nicht mein Opa war, auch wenn ich ihn so nennen durfte.

Wenn ich mich an sie erinnere und die letzten Jahre beiseite lasse, sehe ich eine starke Frau. Sie war nicht einfach, sie war eine Zicke. Und sie war großzügig. Von ihr bekam ich die Barbies, die meinen Eltern zu teuer waren und sie schenkte mir Kullertränchen, als ich mit irgendeiner Kinderkrankheit keuchend auf dem Sofa lag. Sie entführte alle meine Puppen vor Weihnachten und strickte und häkelte ihnen komplette Outfits. Waren die Eltern aus, durfte ich bei ihr bleiben und sie buk Kuchen abends zur Fernsehstunde.

Es gibt ein Foto von mir, wo ich ihre Pelzmütze auf dem Kopf habe. Ich war noch lächerlich klein, doch ich meine mich daran zu erinnern, wie sie mir das große weiche Ding auf den Kopf setzte und sich freute. Und ich freute mich auch. Der Stiefopa starb, als ich acht war. Dann kamen Freunde. Sie ließ niemanden bei sich wohnen und scherte sich einen Dreck um das Gerede. Sie war nicht abhängig, hatte immer genug Geld und zahlreiche Posten in diversen Vereinen und Institutionen. Bis ihr Geist sich trübte, war sie umtriebig und geschickt.

Und mein Vater hasste sie. Ich habe nie verstanden, warum, doch es wird Gründe gegeben haben, die aus seiner Sicht ausreichten. Er fürchtete sie und hatte Zeit seines Lebens Angst vor starken Frauen. Unterlegen mussten sie sein oder abhängig von ihm. Wahrscheinlich, damit sie nie weggehen konnten, wie meine Oma, als sie arbeiten musste und ihn irgendwo parkte.

Ich habe kein Foto von ihr, vielleicht erbe ich mal eins. Doch auf einem Video nach einem Super8 Film, da ist sie drauf. Ich laufe an der Hand meiner Oma Kiel und sie sitzt auf einer Bank in der Sonne, rückt das feine Haar zurecht und lacht.

Sie ist die andere Seite, die andere Frau in meinem Rücken. Es hätte mich schlimmer treffen können.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. kommunikatz sagt:

    Danke für diese wunderschöne, wertschätzende Beschreibung und fürs Teilhabenlassen an der spannenden Reise durch Deine Vergangenheit und Deine Familie! Für sowas sollte ich mir auch mal dringend Zeit nehmen, es gibt so Vieles zu erkunden.

    Gefällt 5 Personen

    1. Ja, unsere Familie hat die Basis für unser Leben gelegt. Die Wertschätzung dessen, die vergesse ich manchmal. Gerade eben habe ich mein einziges Erinnerungsstück an diese Frau herausgekramt, eine Kette aus Double mit einem Bernsteinanhänger. Ich werde sie die nächsten Tage mal tragen….

      Gefällt mir

  2. Lopadistory sagt:

    Ja, es hätte Dich schlimmer treffen können, denn eine Mutter an meiner Seite hatte ich nie. LGLore

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lore, das tut mir sehr leid
      Liebe Grüße

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s