ABC-Etüde – Blümchen

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt vom Café Weltenall.

Sie zählt ihr Geld. Eigentlich hätte sie davon Schulmilch kaufen sollen oder ein neues Heft für den Deutschunterricht. Sie spart eisern, verkneift sich den Durst und leiht sich Blätter beim Platznachbarn, der mittlerweile immer griesgrämiger wird und sich nur durch ihre Versprechungen, ihn abschreiben zu lassen, besänftigen lässt.

Es ist nicht viel, stellt sie fest und drückt ihre Nase an die Scheibe des Blumenladens. Fast jeden Tag steht sie hier, sucht durch das Glas nach Angeboten, etwas Hübschem. Reinzugehen und zu stöbern, das traut sie sich nur, wenn sie gerade ihr Taschengeld bekommen hat. Dann wird der Strauß etwas größer, ein bisschen Statice oder Schleierkraut dazu.

Heute reicht es nur für eine einzelne Blüte. Ob die reicht, um ihrer Mutter zu zeigen, dass sie sie liebt, weiß sie nicht. Doch sie hofft es. Und vielleicht weint sie dann nicht mehr so viel.

Sie ist die Quelle dieser Tränen, das ahnt sie. Und niemanden kümmert es.

Der Vater schreit jeden Tag. Und die Mutter weint.

Und sie ist nicht die, die sie sich gewünscht haben.

So viele Blumen in diesem Jahr. Und nie wird es reichen.

Sie zählt ihr Geld und geht durch die Tür.

„Eine Rose“, sagt sie.

Alice

19 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Sehr berührend. Wäre schön, wenn sowas nur in Geschichten passieren würde.

    Gefällt 3 Personen

  2. Nati sagt:

    Schlimm wenn die Kinder die Schuld bei sich suchen.
    Sich noch mehr anpassen, gefallen wollen.

    Gefällt 1 Person

    1. Und es doch nie schaffen… ja, das ist schlimm…

      Gefällt 1 Person

      1. Nati sagt:

        Ja genau.
        Und diese Not sehen die Erwachsenen meist nicht einmal.

        Gefällt 1 Person

      2. Die sehen sie nicht. Würden sie sie sehen, käme es nicht so weit…

        Gefällt 1 Person

  3. books2cats sagt:

    Traurig und berührend… Leider zu oft wahr…

    Gefällt 1 Person

  4. Christiane sagt:

    Da ich ja bei dir lese, nicke ich und sage: Klar, dein Thema, brillant formuliert.
    Und darüber hinaus schnürt es mir das Herz ab, die Hoffnung des Mädchens, das nichts, aber auch gar nichts dafür kann, dass Mama und Papa sich nicht mehr verstehen … 😭
    Und auch dafür danke ich dir ❤️

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich danke dir für deine Worte. Und ja, du verstehst, die Hoffnung, die geht nie weg.
      Liebe Grüße dir.

      Gefällt 1 Person

  5. Jetzt habe ich Gänsehaut… und den unbändigen Wunsch, das Mädchen zu trösten!

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir sehr, lieber Werner

      Gefällt 1 Person

  6. heftige Geschichte… leider mitten aus dem Leben

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s