ABC-Etüde – Nachts

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Kain Schreiber.

Triggerwarnung: Angststörung, Nachtangst, Phobien!

Ich habe nachts Angst, solange ich denken kann. Sobald es dunkel wird, klopft sie an die Tür, rumort unter meinem Bett, streckt ihre Klauen nach mir aus. Meine Eltern kommen damit nicht zurecht. Sie verweigern mir jeglichen Beistand, untersagen selbst das Nachtlicht. Sie sind der Meinung, dass ich lernen werde, dass da nichts Böses in der Dunkelheit ist. Dass ich abhärten müsse, mich nach einigen durchweinten und durchgeschrienen Nächten schon daran gewöhnen und mich die Panik so schnell verlassen werde, wie sie gekommen ist.

Ich bin kein liebliches Kind, nicht zart, nicht sanft, eher der kleine Troll der überraschend und ungewollt aus dem Bauch der Mutter purzelte, zu laut schreit, immer zu dreckig, zu plump und zu ungelenk bin, um ihren Beschützerinstinkt ausreichend zu wecken. So lassen sie mich alleine mit dem Grauen, vielleicht auch in der Hoffnung, dass es mich holen wird, sie von meiner Anwesenheit befreit, um Platz zu machen für ein pflegeleichteres Kind.

Ich versuchte ihnen zu erzählen von dem, was ich sah, mein Entsetzen mit ihnen zu teilen, Verständnis und Mitgefühl zu erkämpfen, doch sie hörten nicht zu, löschen jeden Abend das Licht und verschließen die Tür von außen.

Seitdem besucht sie mich. Wandelbar ist sie und wählt just in dem Moment ein neues Kostüm, wenn ich mich gerade an das alte gewöhnt zu haben glaube. Sie steckt im Kleiderschrank, in dem Muster der Tapete, auf das das Mondlicht wilde Schatten malt, in den Augen der Puppen, die ich auch sehe, selbst, wenn ich sie abends vorsorglich zu Wand drehe.

Ich bin mir sicher, dass sie mich eines Tages holen wird.

Alice

24 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Halte ich für sehr realistisch, deine Etüde, leider. Aber bei ihrem Gefühl, dass ihre Eltern froh wären, wenn sie weg wäre und nicht mehr stören würde, hab ich echt schlucken müssen und weiß eigentlich nicht, warum …
    Danke dir!
    Hab trotzdem einen entspannten Sonntag! 😁⛅☕👍

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    1. Ja, ich glaube, das denken „Schwierige“ Kinder oft, dass die Welt ohne sie einfacher wäre für die Eltern.
      Danke für deine Gedanken dazu… und genieße das schöne Wetter. :)🌞

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  2. Grinsekatz sagt:

    Sie scherten sich nicht drum. Und jetzt sind sie reduziert auf ihre 52 qm, mit gelegentlichen Freigang. Nun sind sie diejenigen, welche des Nachts Besuch bekommen, von der Angst. Im Grunde war sie nie fort, wurde immer nur verdrängt.

    Es gibt bei mir keine Genugtuung oder dergleichen. Allerdings bin ich im trösten auch nicht wirklich gut.

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    1. So wendet sich das Blatt. Genugtuung tut nicht gut, aufs Karma vertrauen schon. Es kommt, was kommen muss. Und trösten tue ich auch nicht gerne…

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  3. Die Phantasie gaukelten mir in Kindertagen auch immer die tollsten Gestalten vor. Verstanden hat mich keiner; aber ich durfte ein Nachtlicht haben – nur weil sie keinen Bock hatten, immer in mein Zimmer gerannt zu kommen.
    Gute Geschichte! Eindrucksvoll.

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    1. Danke dir. Ich habe immer das Licht angemacht, wenn sie im Bett waren. Hat auch nicht geholfen aber besser als nichts…

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      1. Mir hat es geholfen. Mein großer Bruder – als meine Eltern ohne uns übers Wochenende verreisten – wollte es mir „austreiben“, aber auch er hat aufgegeben.

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      2. Gur, dass du dich durchgesetzt hast…

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      3. Der Mut der Kinder….manchmal vermiss ich ihn

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  4. Myriade sagt:

    Klingt als wäre alles wahr und selbst erlebt. Guter Text!

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    1. Danke dir, ja teilweise ist es leider wahr, aber lange her.

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  5. Wortman sagt:

    Solche Eltern gibt es öfters als man glaubt 😦
    Ich hoffe, das ist nur fiktiv 😉

    Sehr guter Text. Respekt.

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    1. Ich danke dir. Naja, ich sag mal so, man kann nur über das schreiben, was man kennt…

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      1. Wortman sagt:

        Das sehe ich auch so.

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  6. Lopadistory sagt:

    Mhm, das weckt Erinnerungen. War bei mir ähnlich und die Angst kriecht auch bei mir mit ins Bett …

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    1. Mittlerweile kann das Nachtlicht aus 🙂 manchmal…

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  7. Lopadistory sagt:

    …aber nur in den ‚guten Nächten‘ 😉

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    1. ja, sonst läuft der Fernseher, das moderne Nachtlicht

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  8. Ich kann das gut nachverfolgen. Bei uns war es auch so. Schlafzimmer der Kinder in der hintersten Ecke auf dem dunklen Dachboden. Licht musste ausgemacht werden, LEDs oder andere Nachtlichter gab es nicht damals.

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  9. Ihr Armen ! Ich kann das Unglücklichsein mit dem Unverständnis nachvollziehen, das Grauen, die Ängste zum Glück nicht – schon als Kind war die Finsternis für mich Schutz und stellte eben keinerlei Bedrohung dar, sondern Geborgenheit… dabei hatte ich keinerlei Macht/Überlegenheitsgefühle, weil ich natürlich mitbekam, daß sich meine Umgebung zu mindestens 90% vor der Finsternis fürchtet. Wahrscheinlich hab ich nie an den Schwarzen Mann geglaubt, ihn daher stets belächelt, wenn von dümmlichen Außenstehenden versucht wurde, mich mit nichtexistenten Bedrohungen zu ängstigen – fallweise ist es mir gelungen, die eigene Angst bei jenen zu wecken, die sie mir aufbürden wollten und haben dadurch den Psychologen in mir geweckt – vor dem sie sich jetzt, im Alter, fürchten müssen 😉 …

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