Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

ABC-Etüde – Daheim

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt vom Blog Mutiger Leben.

Die Jahre sind nicht spurlos an der Stadt vorbeigegangen. Ich erkenne wenig wieder, warte vergeblich auf nostalgische Gefühle, wenn ich erwartungsfroh bekannte Straßen betrete und mich doch fühle wie ein Fremder, eher ein Eindringling, der seine Erwartungshaltung über die glatten neuen Fassaden schmiert. Es ist lange her, tröste ich mich und kneife ein wenig die Augen zusammen, suche erhaltene Strukturen, die mir bekannt sein müssten. Doch die Bäume sind zu hoch gewachsen. Sie verdecken das, was ich erkennen wollte.

Baulücken klaffen wie ausgefallene Zähne, daneben Blöcke, kalt und hoch, von Schmutzfinken bereits mit Beschlag belegt, bunte Schriftzüge auf schwarzem Stein.

Wie von selbst finden meine Füße die alten Wege, führen mich über die Brücke in den Park. Der quälend süße Duft des Strauches endlich schafft, was Bilder nicht vermochten. ich bin wieder hier. Der Kies zu meinen Füßen knirscht bekannt, die hohen Linden leben noch. Für sie war ich nicht lange weg.

Ich mopse ein paar Kieselsteine, stecke sie in meine Tasche, lasse sie durch die Finger gleiten und biege in die letzte Straße ein. Hier wurde und hier wird gewohnt. Erinnerungen springen mich an wie junge Hunde. Dort der Hausarzt, dort die alte Lehrerin, die so fabelhaften Deutschunterricht machte. Dort der Junge mit dem ersten Kuss, dort der Autounfall, dort die Kneipe.

Die letzte Kehre und die Füße weigern sich. Neugierig bin ich wohl, doch so viele alte Fotos in meinem Kopf, die nicht übermalt werden wollen.

Ich fasse Mut, schubse mich um die Ecke. Ist gar nicht so schlimm. Daheim.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

16 Kommentare zu „ABC-Etüde – Daheim

  1. Boah, ja, das kenne ich auch, das Heimkommen irgendwohin, wo jede Ecke Gefühle und Erinnerungen provoziert und produziert und man sich gefühlt ständig umguckt, ob einen was anspringt … ja, prima. 😀
    Toll eingebaut, die Wörter, ich hab sie beim ersten Lesen echt überlesen, bis auf den Schmutzfink, der ist zu ungewöhnlich … für meinen Sprachgebrauch.
    Danke dir und einen entspannten Abend noch! 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir 😊🙏 ja, der Schmutzfink gehört auch nicht zu meinem normalen Wortschatz 😉 kann man nix machen. Schön, dass du dich wiedererkannt hast. Wenn meine Texte eine Saite zum Klingen bringen, freue ich mich. Dir auch einen schönen Abend
      Alice

      Gefällt 1 Person

  2. Wow, das ist großartig geschrieben und die – überhaupt – gewählten Worte. Das ist wirklich genial und ich fühle so mit Dir. Es erinnert. Gerade heute schrieb mir eine Freundin, dass doch immer mehr die Stadt verlassen, weil sie sich immer Fremder dort fühlen. So viele Veränderungen. So viel wird abgerissen. Kaum noch „Wiedererkennungswerte“…
    Danke für diesen wunderschönen Text.

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo Alice,
    gerade starte ich mit dem Geschichtenlesen zu den dieswöchigen Wörtern. Und mag schon gar nicht mehr im Fluß weiter lesen, so sehr haben mich Deine Worte berührt. Ja wie aufmerksam und auf den Punkt spannend geschrieben – hat Spaß gemacht – Danke. LG Doro (ich bin neu dabei… ist erst meine 3. Runde)

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Alice,
    danke dir.
    Ich kann das Gefühl, das du so eindrücklich beschreibst, gut nachvollziehen. Ich bedauere auch gerade sehr, dass so viele alte, besondere Häuser abgerissen und durch seelenlose Bauten aus dem Baukasten ersetzt werden.
    Und: Wenn ich so durch meine Stadt gehe, dann entdecke ich doch auch Kleinigkeiten, die ich kenne. Dann spüre ich, dass Heimat oder daheim sein, eben doch nicht nur ein Ort ist, sondern auch ein Gefühl.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 2 Personen

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