Veröffentlicht in Eselleben

Eselleben

I-Ahh schreit der Esel, wenn er nicht mehr will. Aber er muss, auch wenn die geschundenen Knochen müde sind und die pelzigen Ohren herunterhängen. Esel haben keinen guten Ruf, werden als Schimpfwort missbraucht, gelten als störrisch und stur. Dabei sind sie ungeheuer belastbar, sterben eher unter der auferlegten Arbeit, als aufzuhören und sind dabei auch noch ausgesprochen niedlich.

Wo ein Esel arbeitet, braucht man oft keinen zweiten. Er steht in Gesellschaft zum Rennpferd, das gemütlich seine Hufe polieren lässt und ab und an einen herausragenden Sieg einfährt. Oder auch nicht, doch das stört niemanden. Denn so ein Rennpferd macht schon was her, ist schön anzusehen, doch sonst zu nichts zu gebrauchen.

Ich kenne eine Menge Rennpferde, die meisten recht erfolglos, doch das stört sie nicht, weil sie sich toll finden. Sie lassen ihre Mähne im Wind flattern, futtern nur den feinsten Hafer und machen einen guten Eindruck. Ob sie siegen oder nicht, hat keinen Einfluss auf ihr Wohlbefinden. Sie laufen so gut sie können und das reicht ihnen.

Mit den Eseln sieht es etwas anders aus. Sie sind meistens etwas struppig und zerrupft, laufen umher und schleppen, ziehen, machen, was sie können. Ihnen sagt der Herr jeden Tag, dass sie zum Abdecker kommen, wenn es nicht läuft. Und um diesen einen Gedanken dreht sich ihr ganzes Leben. Auch wenn sie ununterbrochen geschuftet haben, sich am Ende des Tages ein karges Mahl von der trockenen Grasnarbe nahmen, sind sie nicht davon überzeugt, dass sie am nächsten Tag nicht auf dem Hänger stehen. Sie machen lieber noch ein bisschen extra, klagen nicht, wenn die nächsten Zementsäcke auf dem schmalen Rücken landen. Sie setzen Fuß vor Fuß und bis zum versprochenen Schlachter schaffen sie es oft nicht.

Das hübsche Rennpferd hingegen landet sinnfrei bei einer ältlichen Pferdenärrin, die es bis zu seinem Tod mit den feinsten Leckereien verwöhnt und seine empfindlichen Beine von teuren Ärzten zusammenhalten lässt.

Ich bin ein Esel. Und daran besteht kein Zweifel. Mein Abdecker droht dauernd mit dem Beil und jeder Sack, den ich nicht mehr tragen kann, macht mir eine Heidenangst. Als ich vorhin in Gedanken die tägliche ToDo-Liste durchging, mich dabei verhedderte und sicherheitshalber auch noch notierte, dass ich zum Klo muss, entrang sich meiner Kehle ein rauer Schrei. Ich klang wie ein alter Esel und der verschämte Blick in den Spiegel bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. ich sah auch so aus.

Dabei trainiere ich täglich, schiebe das mit außerordentlich schlechtem Gewissen zwischen die zu erledigenden Aufgaben, mache schnell und nehme mir kaum Zeit zum Abschwitzen. Die Abschwitzdecke liegt beim Ross um die Schultern, das raue Handtuch reicht, man stellt ja keine Ansprüche.

Ich kann mich nicht so richtig erinnern, seit wann ich ein Esel bin. Vielleicht wurde ich schon als einer geboren mit auferlegten Aufgaben, den Rennpferden das Leben schön zu machen, nicht aufzumucken und klein und bescheiden das zu tun, was anliegt.

Wenn ich schneller lief als andere, die Rennpferde abhängte, höher sprang und meine Fusselmähne in den Wind hielt, holte man mich von der Weide, impfte mir Zurückhaltung ein und versicherte mir kaltlächelnd, dass ich nie ein Rennen gewinnen würde. Und mit diesen Worten packte man mir die erste Last auf den Rücken, der sich bog.

Ich lief hin und her und versuchte zwischendurch heimlich, mit den Rennpferden mitzuhalten, übte, lernte, trainierte mich. Doch auch wenn ich schneller und besser war, schob der Bauer mich wieder zu den Säcken, tätschelte herablassend mein raues Fell und versicherte mir, dass das ja ganz nett sei, doch nicht meine Bestimmng.

Heute ist mein Rücken krumm und die Angst vor dem Schlachthaus ist groß. Ich gerate in Panik, wenn ich die tägliche Arbeit nicht rasch genug verrichte. Es ist Zeit inne zuhalten und zu überlegen, ob nicht vielleicht doch das Rennpferd aus mir werden kann. Denn ich habe den Verdacht, dass wir alle mit dem Potential dazu geboren werden, es uns aber aus Bequemlichkeit ausgeredet wird.

Irgendjemand muss ja die Arbeit machen.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

20 Kommentare zu „Eselleben

  1. Toll geschrieben.
    Trotzdem sehe ich in deinem Leben durchaus auch den Schmetterling.🦋
    Verstricke dich nicht in dein Eselselbstbild.
    Du weißt ja: „Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.“

    Liebe Grüße
    Marion

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich mache mir immer wieder Sorgen um Dich. Du wirkst oft so getrieben, ausgenutzt, gehetzt, und Du hast oft keine Zeit für Dich selbst. Ein Mensch mit einem so reichen Innenleben wie Du braucht aber diese Zeit, um im Kontakt mit sich selbst zu bleiben. Pass gut auf Dich selbst auf. Ich bete für Dich.

    Gefällt 1 Person

  3. Vielleicht bist auch du solch ein Mensch. Der erst einmal richtig zusammenbrechen muss, unter diesem aufrecht erhaltenen Bild, das andere gemalt haben. Wenn sich das Bild ändert, ändern sich auch die täglichen Betrachter. Ganz nebenbei.

    Mich berührt das, weil ich ähnlich unterwegs sein kann. Mach`es selbst, sonst wird es Kacke.. Oder auch: Verlass`dich nie auf andere. Sätze, die zum Esel machen, in mehrfacher Hinsicht.

    L.G., Reiner

    Gefällt 2 Personen

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