Was anders ist

Ich gebe zu, es ist nur ein Gedankensplitter, ein Stück vom Laken, mit dem sich die Lösung noch im Bett rumwälzt, mich nicht schauen lässt auf ihre Wahrheit, die mich ein wenig weiterbringen könnte.

Ich muss mich sortieren, weil das, was gerade in meinem Kopf abgeht, an meinen Schreibtisch erinnert. Es ist zu viel darauf. Zu viele Aufgaben, Erinnerungen, Aufträge. Ich blicke nicht mehr durch.

Es gibt tranige Tage. Da ist bereits das Aufstehen eine Qual und die Langsamkeit begleitet uns durch den Tag. Das ist okay, das wäre okay, wenn da nicht die Watte in meinem Kopf wäre, die das Denken blockiert. Doch ich möchte es trotzdem versuchen, ein bisschen Klarheit in den Raum zu werfen.

Der Urlaub des Mannes ist vorbei. Gesund ist er auch wieder und so habe ich einige Stunden am Tag der letzten Woche für mich. Gut, die Jungs sind da, doch sie schlafen lange und hängen meist vor ihrem elektronischen Unterhaltungskram.

Das Haus gehört mir und es ist still. Alles, was zu tun ist, liegt in meiner Hand. Ich kann herumwuseln, räumen, sortieren. Niemand redet mir rein, will was von mir, benötigt ad hoc Aufmerksamkeit oder Zuspruch. Lästige Termine habe ich verschoben, es ist meine Zeit, endlich.

Das funktioniert tatsächlich nur, wenn niemand da ist. Ich hatte da bereits drüber geschrieben. Das Wollen und das Sollen halten mich sonst in Atem. Das bedeutet Stress und Stress ist nicht gut für mich, lässt mich nicht schlafen und macht mich energielos und kränklich.

Gestern Abend, während der Sohn True Grit als Film auswählte, der Mann neben mir auf dem Sofa döste und ich eigentlich lieber schlafen wollte, war da so ein seltsames Gefühl. Es war rein körperlich und doch auch wieder nicht. Obwohl vom Abendessen vollgefuttert und angenehm träge, fühlte ich mich leicht. Es war so, als würde die Lieblingsjeans, die lange am Bauch kniff, auf einmal locker über die Hüfte rutschen und sich ohne Wälzen auf dem Boden schließen lassen.

Jeder kennt das, wenn die Weihnachtskilos einfach weg sind und man überrascht ist, wo sie denn nun geblieben sind. Leider passiert das viel zu selten.

Jede Zäsur in meinem Leben, jede neue Partnerschaft, jeder neue Job, selbst jede Trennung und unangenehme Veränderung löste das aus. Tatsächlich wurde ich in diesen Phasen auch dünn , teilweise sogar extrem, ohne, dass ich mein Essverhalten änderte. Und ich hatte unglaublich viel Energie.

In diesen Lebensabschnitten fühlte ich mich frei, handelte selbstbestimmt, hatte ein neues Projekt, in dem ich aufging. Selbst der Blog, den ich vor etwas mehr als zwei Jahren ins Leben rief, hatte diese Konsequenz, nur nicht so intensiv.

Irgendwann kippte das aber, besonders, wenn ich in Verbindlichkeiten hing. Da waren Ansprüche und Meinungen, Wünsche und Verpflichtungen. Vieles, was von mir erwartet wurde, doch nicht meins war. Ich passte mich an, versteckte meine Wünsche, mein Ich, wurde leiser und rutschte in ein kindliches Muster hinein, das mich handlungsunfähig machte. Ich reagierte nur noch, versteckte sorgfältig die Ideen und Ambitionen, drehte die Musik leiser und tat nichts, was missfallen könnte. Ich lachte leiser, meine Stimme verstummte, ich zog mich zurück in einen Kokon aus Teilnahmslosigkeit und Starre. Jetzt wäre eine Lösung, mich zu trennen, den Job zu kündigen und wegzuziehen. Wahrscheinlich würde es mir tatsächlich für eine Weile besser gehen. Doch das ist nicht das Ziel und ewig kann ich so nicht weitermachen.

Vielmehr habe ich gestern Abend, während alle so vor sich hindümpelten, diesen kleinen Fetzen Freiheit gerochen, dieses unbeschreiblich leichte Gefühl gehabt und das, obwohl ich mittendrin saß in diesem Pulk aus fremden Wünschen.

Für einen kurzen Moment war ich bei mir, und beides konnte nebeneinander existieren. Gerne hätte ich dieses Gefühl konserviert, könnte es rausholen und betrachten, benutzen, wann immer mir die Welt zu eng wird. Ich habe von meinem Therapeuten ein paar Tricks gelernt. Mal schauen, ob sie funktionieren.

Alice

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. kommunikatz sagt:

    Ich gratuliere Dir zu diesem Gefühl und drücke ganz fest die Daumen, dass Du den Durchblick bekommst und es tatsächlich greifen und konservieren bzw. wieder hochholen kannst, wenn Du es brauchst! Und dann erklär mir bitte, wie das geht, denn ich brauche das auch 😉
    Ja, sogar Trennungen können einen solchen Effekt haben, aber wenn sich die Konsequenzen aus einer Trennung, also die tatsächliche, räumliche Trennung, ewig verzögern, weil die Partei, die sich eine neue Bleibe suchen muss, das nicht gebacken kriegt und einem ewig weiter auf der Pelle hockt, ist jede Energie und jedes Gefühl der Leichtigkeit blockiert und läuft ins Leere… Möge dieser Zustand in meinem Fall endlich ein Ende finden…

    Gefällt 2 Personen

    1. Das wünsche ich dir sehr. Vor Jahren habe ich dasselbe erlebt. es war grauenvoll, den Expartner noch im haus zu haben und vor den Kindern nicht auszurasten. Ich drücke dir ganz fest die Daumen und sobald ich ein tragfähiges Rezept habe, wirst du es erfahren…
      Ganz liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

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