Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Etüdensommerpausenintermezzo – ABC-„Krimi“

Zum Sommerpausenintermezzo III bei Christiane.

Ich kenne diese Idee, sich vom Alphabet inspirieren zu lassen, von Vera Birkenbihl und habe sie schon ab und an mal zu Rate gezogen, wenn ich andere Blickwinkel brauchte. Sie als Quelle zu nutzen, um eine Geschichte zu entwickeln, war mir neu und umso interessanter finde ich es. Dabei dauert mir der Prozess fast zu lang und ich bin mit der Gestaltung des Bildes schon fast mit meiner Energie am Ende. das ist allerdings mein Film. Spannend finde ich, dass die Geschichte sich quasi von alleine schreibt und das Unterbewusstsein schon ein fertiges Konzept hat, was aber vielleicht auch auf die falsche Spur lockt.

Spontan fielen mir die Morde des Herren ABC ein von meiner „Einstiegsdealerin“ Agatha Christie. Wenn ich mir die Begriffe anschaue, sind wir aber nicht in einem kleinen, beschaulichen britischen Dorf, sondern

Ich stehe in der Fußgängerzone. Es ist heiß, viel zu heiß, um einkaufen zu gehen und ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin oder hier machen möchte. In meinen Taschen finde ich keinen Einkaufszettel oder Ähnliches, was mir einen Tipp geben könnte, welche Pläne ich gerade verfolge. Meine Gelenke tun mir weh. Das könnte bedeuten, dass ich krank werde oder schwere Arbeit hinter mir habe. Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern, was in den letzten vier Stunden passiert ist.

Er schließt den Aktendeckel und macht sich ein paar Notizen. Der Fall war leicht zu lösen, nicht wirklich eine Herausforderung, nichts, was seine Neugier befeuert hätte. Ein eindeutiger Tatort, ein Zuhälter, den jemand laienhaft an die Salinge einer Yacht gehängt hatte, ein Berg Fingerabdrücke, ein Routinefall für den Pathologen und ein paar Befragungen. Er observierte den, bei dem die meisten Diskrepanzen im Alibi aufgetaucht waren und der Verdacht bestätigte sich innerhalb eines Tages.

Er gähnt und hat den Mund noch geöffnet, als sein Diensthandy klingelt. Sofort ist er hellwach und lauscht interessiert. Das Telefon unter das Kinn klemmend, macht er sich auf dem Aktendeckel ein paar Notizen, stellt ein paar kurze Fragen und legt auf.

„Man sollte sich gut überlegen, was man sich wünscht“, denkt er und wirft einen Blick auf die gekritzelte Adresse. Manchmal vergisst er fast, dass es sich um Morde handelt und die Fälle nicht zu seiner Unterhaltung oder der Beschäftigung seiner grauen Zellen dienen. Sein Vater nannte sein Verhalten inakzeptabel, legte sein frühes Interesse um Rätsel und besonders Mordfälle, die tagelang die Tageszeitung füllten als unnormal aus. Er selbst nannte sich xenophil, was den alten Herren noch mehr auf die Palme brachte. Dessen Wunsch war, dass er Künstler wird, in seine Fußstapfen tritt, seine Emotionen im Medium seiner Wahl ausdrückt.

Nur leider schafft er das nicht. Weniger aus Talent, sondern aus Mangel an Gefühl. Seit er auf der Polizeischule war und die Grundzüge des Profilings kennenlernte, spürt er, was falsch mit ihm ist, wo der Unterschied zu den normalen Menschen ist. Er hat psychopathische Züge, ein Aspekt der ihm rückblickend all die schiefgelaufenen Stationen seines Lebens erklärt. Doch anders als sein Klientel, hat er kein Interesse daran, diese Veranlagung für verbrecherische Zwecke zu nutzen. Seine Intelligenz hilft ihm, sich auf der richtigen Seite des Gesetzes zu bewegen. Viel mehr noch empfindet er es als Bereicherung, diese Last der überbordenden Emotionen nicht tragen zu müssen. Wo Kollegen nahezu in Tränen ausbrechen, wenn eine junge Frau oder gar ein Kind ermordet wurde, bleibt er ruhig und kalt, kann sich auf die Beweise konzentrieren, bleibt so objektiv, wie ein Mensch eben sein kann.

Er redet sich manchmal ein, dass er den anderen haushoch überlegen ist, wohl wissend, dass das Selbstbetrug ist. Andererseits spürt er kein Bedauern oder Genugtuung. Sie würden ihn auch nur stören.

Die angegebene Adresse führt ihn zu einem kleinen Weiher. Ein Großaufgebot an Feuerwehr und Rettungsdienst ist bereits vor Ort, die Wiese am Ufer ist weiträumig mit Absperrband gesichert. Ein Taucher steckt seinen Kopf aus dem Wasser, macht mit Daumen und Zeigefinger ein O und wie immer amüsiert er sich darüber, dass diese Arschlochgeste offenbar nicht überall inakzeptabel ist.

Der Feuerwehrmann schaltet die Winde ein, während der Froschmann sich ungelenk die flache Böschung hochkämpft. Das Wasser beginnt zu brodeln und langsam taucht das Heck eines Wagens an der Wasseroberfläche auf.

„Soll ich dich briefen?“ Sie steht neben ihm, hält ihr Klemmbrett pflichtbewusst an die schmale Brust gedrückt und wischt sich nervös die Ponyfransen aus der Stirn. Wenn er jemanden mögen würde, dann hätte sie gute Chancen. Er weiß nicht warum, denn sie entspricht in keiner Weise seinem Frauentyp. Klein, dürr, die viel zu dicke Brille auf einer Nase, die für einen großen Mann akzeptabel wäre, in ihrem Gesicht aber eine solche Diskrepanz auslöst, dass man versucht ist, an ein Wackelbild zu glauben. Doch sie macht gute Arbeit, ist zuverlässig, gründlich und hat manchmal erstaunliche Eingebungen. Sein Gegenstück quasi, da sie ihre Wahrnehmung auf Intuition und Gefühl gründet.

Er nickt und sie leiert im Jargon der Polizeiberichterstattung herunter, was Passanten beobachtet haben und weswegen sie jetzt hier stehen und nicht im Wochenende sind.

Zusammengefasst sahen sie fast nichts, außer einem Auto, was wohl ungebremst in den kleinen Weiher gefahren ist. Ob jemand am Steuer war nicht zu erkennen, sie haben es jedoch vermutet. Das allerdings hat bereits der Taucher bestätigt, weswegen der Rettungswagen inzwischen zusammengepackt hat und weggefahren ist, dafür aber das Bestatterfahrzeug der Pathologie auf den Platz rollte, den hageren Mann ausspuckte, der immer in schwarz gekleidet, zurückhaltend auf sein Signal wartet, um sich dann geiergleich auf den den Verblichenen zu stürzen. Manchmal überlegt er, ob er tatsächlich der einzige Verrückte hier ist.

Die junge Frau, die triefend über dem Lenkrad hängt, wird von allen Seiten fotografiert, bevor sie herausgezogen, der Untersuchung überantwortet wird. Die Spurensicherung kriecht um, über und in das Fahrzeug, um den Unfallhergang zu rekonstruieren oder eben einen Unfall auszuschließen. In diesem Fall ist es sehr einfach, weil die Kopfwunde, die offensichtlich den Tod oder zumindest eine ausreichende Ohnmacht auslöste, nicht zu der Position und Form des Lenkrads passt und damit von außen zugeführt worden sein muss.

In meiner Wohnung ist es glücklicherweise etwas kühler. Die Jalousien an der Südseite sind wie immer fast geschlossen. Ich nehme mir ein Glas Wasser und hoffe, die rasenden Kopfschmerzen zu dämpfen. Es ist das dritte Mal in diesem Jahr. Früher tauchte das Problem nur sporadisch auf und die Erinnerungslücken waren klein, umfassten oft nur Minuten. Doch seit der Trennung steigerten sie sich deutlich. Ich muss dringend wieder zum Neurologen.

Ich habe Erde an den Schuhen, in der Tannennadeln kleben. Offensichtlich war ich in einem Waldstück. Und da die Erde feucht war, muss ich in der Nähe eines Gewässers gewesen sein. Hier hat es seit drei Wochen nicht mehr geregnet. Mir fällt der Standardspruch meines Therapeuten ein. „Wenn es aussieht wie Scheiße, schmeckt wie Scheiße und riecht wie Scheiße, was ist es dann wohl?“ Die Quintessenz der Hinweise ist, dass ich am kleinen Weiher gewesen bin, dort intensiv Sport betrieb, vielleicht ein paar Baumstämme schubste und dann die fünf Kilometer in die Stadt ging. Warum auch immer.

Er steht an dem inzwischen leeren Auto. Die meisten sind bereits zurück ins Revier gefahren. Nur die Jungs von der Feuerwehr wuseln noch herum, verstauen ihr Equipment in dem gigantischen Fahrzeug. Alles hat seinen Platz. das gefällt ihm. Es wäre schön, das Chaos in seinem Leben so einfach ordnen zu können. Als wenn ein Feuerwehrauto als Dienstfahrzeug die Lösung wäre. Einer von den Männern ruft ihn herüber und bittet ihn, mit anzufassen. Die Seilwinde lässt sich nicht einklappen und blockiert. Zu zweit stemmen sie sich mit ihrem gesamten Körpergewicht dagegen. Irgendwann gibt sie nach und rutscht langsam und widerwillig an ihren Platz. Er sollte mehr Sport treiben, beschließt er und macht sich auf Muskelkater gefasst.

Die Sonne sticht und er spürt, dass er Kopfschmerzen bekommt. Er dreht sich um und geht an seinem Auto vorbei in Richtung Stadt.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

11 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo – ABC-„Krimi“

  1. Am Anfang war ich auf der falschen Fährte, weil ich wegen des Einkaufszettels dachte, „ich“ sei eine Frau. Ich mag dieses Nebeneinandergestellte, Unverbundene.
    Sehr faszinierend, danke dir – und danke fürs Mitschreiben! 👍👍👍
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

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