Veröffentlicht in Fotografie, Mal über mich

Die Kunst, ein kleines Loch zu machen

„Zuerst messen Sie die Brennweite. Das ist der Abstand zwischen Bildträger und der zuküftigen Lichteinlassöffnung. Dann rechnen Sie D = 0,037 * Wurzel (Brennweite)….“

So oder so ähnlich klingt die Übersetzung der Anleitung für eine Pinholekamera, also einer Lochkamera.

Das Ergebnis war erschütternd. Ich habe keinen 0,39mm Bohrer und selbst mit einer Nadelspitze brauchte ich fünf Versuche und endlose Scans zum Nachmessen, bis es klappte.

Allerdings sind jetzt auch zwei Kameras fertig. Eine aus einer alten Pappröhre, in der mal ein sehr guter Whiskey stand. Und eine aus einer alten Agfa 44, die den Vorteil hat, dass ich sie mit einem Mittelformatfilm laden kann und für das Öffnen der Blende ein gut funktioniernder Schalter vorhanden ist.

Die Belichtung wird dauern. So etwa zwei Minuten beim Fotopapier und etwa 3 Sekunden beim Film.

Warum ich das erzähle? Einmal, weil ich mich auf die Ergebnisse freue, die ich hoffentlich heute Abend zeigen kann. Aber auch, weil so eine Lochkamera einen ganz anderen Blickwinkel ermöglicht.

Eine normale Kamera hat eine Linse, die das Licht bündelt. Dadurch sinken die Belichtungszeiten so sehr, dass man sie beim Auslösen bequem und schüttelfrei in der Hand halten kann. Ein kleines Loch in einem Stück Coladose macht das nicht. Es lässt viel weniger hindurch und zeichnet ein möglicherweise verzerrtes Bild der Realität. Jeder, der sich bewegt, wird unscharf oder verschwindet sogar.

Ich habe damit angefangen, um das Prinzip Kamera besser zu verstehen. Das gehört dazu. Beim Handy auf den Auslöser zu drücken, ist etwas ganz anderes, als sich ein Bild davon zu machen. Diese Pinholekamera schränkt mich ein, sperrt meine Möglichkeiten ein und reduziert sie. Und so ist das Leben.

Mein Blick bekommt kein gebündeltes Licht. Ich habe keine Chance auf eine scharfe Abbildung der Realität in meinem Kopf. Da draußen ist alles im Fluss und was ich sehe, ist möglicherweise verbogen und verzerrt. Unscharf, weil rund um mich ja auch alles in Bewegung ist.

Um zu verstehen, was ich sehe, muss ich kapieren, wie ich sehe. Und meine Wahrnehmung ist nur ein Pinhole und ich brauche Zeit, um all die Eindrücke an die richtige Stelle zu packen.

Bisher schraubte ich immer die ISO hoch, nahm einen hochempfindlichen Film und redete mir ein, dass dann alles das, was ich darauf wahrnahm, der Realität entsprach. Doch oft war das Licht zu hell, Stellen ausgebrannt, einiges verschwand in dunklen Schatten. Und dennoch präsentierte ich das fertige Foto als Wahrheit.

Die Nuancen verschwanden und ich merkte es nicht. Das Ausgraben tut weh und was ich finde, ist ernüchternd.

Zu Akzeptieren, dass ich Zeit brauche und noch viel mehr ist ein Lernprozess, genau wie das Bilder machen heute. Wahrscheinlich werden die meisten nix werden. Doch das ist nicht schlimm. Ich übe und auch das gehört dazu.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

6 Kommentare zu „Die Kunst, ein kleines Loch zu machen

  1. Selbst bin ich kein „Augentier“, muss die Dinge be-greifen, fühlen, ertasten. Wenn ich mit dem Phon Bilder mache, dann hauptsächlich, um Stimmungen einzufangen. Darum freue ich mich für jeden, der sich in die Technik vertieft und so wie du damit arbeitet 🙂

    L.G.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s