Neue Wege

Warum nicht mal ganz anders? Gewohnheitstiere sind wir allesamt, machen vieles wie immer, weigern uns, Veränderungen zuzulassen. Neue Wege sind steinig und fremd. Wer schon mal von jetzt auf gleich eine lieb gewonnene doch ungesunde Routine ablegen wollte, weiß wovon ich rede.

Dabei hat uns diese Fähigkeit durch unsere Geschichte getragen. Wir bleiben, weil wir dazu in der Lage sind, uns an fremde Gegebenheiten zu adaptieren. Tieren fällt das schwerer, sie brauchen ihren gewohnten Lebensraum, fällt der weg, sterben die meisten aus.

Gegenüber im Kirchturm nisten Falken. Das reduziert die Krähen auf unseren Dächern, morgens ist es jetzt viel leiser. Es fiel ihnen sicher nicht leicht, auf einmal die Nähe der Menschen zuzulassen, zwischen parkenden Autos zu jagen, doch es klappt. Überlebt, bis auf Weiteres.

In der Generation meiner Großeltern sind viele ausgewandert. Irgendwann muss ich mal in dieses Museum nach Bremen, um die Listen nach bekannten Namen zu durchforsten. Sie ließen alles hinter sich und besiedelten einen fremden Kontinent. Dass sie jetzt einen Vollpfosten als Präsidenten haben, konnte niemand ahnen. Damals nicht.

Schaue ich mich um, gerade jetzt in Zeiten, wo die Welt durch ein Virus bedroht wird, dessen Spätfolgen noch niemand abschätzen kann, sehe ich Viele, die alles wie immer wollen. Sie fühlen sich bevormundet durch Maskenpflicht oder Lockdown. Sie wollen Sommerurlaub inklusive Flugreise, alles soll wieder so sein, wie sie es sich in ihrer Komfortzone eingerichtet haben.

Es ist eine wirtschaftliche Katastrophe für einige, das will ich nicht schönreden. Doch ich sah auch viel Kreativität und Wandelbarkeit, ich sah neue Vertriebswege und Flexibilität bei kleinen Geschäften. Und für manche war es eine unerwartet sinnvolle Perspektive.

Homeoffice hat sich etabliert, läuft in vielen Bereichen gut durch unsere Vernetzung. Denke ich zwei Schritte weiter und lasse einen Großteil meiner Belegschaft in diesem Status, kann ich expandieren ohne zu bauen. Weniger Neubauten, weniger Bürobunker, weniger Autos auf den Straßen, überfüllte Züge und tatsächlich mehr Zeit für Familie, alleine dadurch, dass ich nicht jeden Tag zwei Stunden im Stau stehe.

Zumindest diese Entwicklung ist überfällig, leider sind die Möglichkeiten noch nicht überall angekommen.

Mein Hausarzt vermutet, dass dieses Virus uns die nächsten 10 Jahre begleiten wird, mindestens. Vielleicht bleibt es auch wie manche andere unbesiegte Krankheit für immer als Damoklesschwert über unseren Köpfen hängen. Und dann? Weiter wie immer? Mit Volldampf auf den Eisberg oder vielleicht doch mal über Alternativen nachdenken?

Es wird anders werden und in manchen Bereichen wird es sehr schwierig werden. In zwei Wochen werde ich ohne jeden Abstand pro Woche mit ca. 150 Menschen umgehen, die alle einen recht großen Bewegungsspielraum haben. Und die eindeutig aus dem Alter raus sind, wo sie sich angeblich nicht mehr anstecken können. Alternativen sind möglich, Konzepte gibt es, doch Veränderung fällt schwer und würden Umdenken erfordern. Lieber alles wie immer bis die zweite Welle Fahrt aufgenommen hat und uns überrollt. Ein Blick in die USA zeigt, was passieren kann. Doch uns geht es ja gut, noch. Und bis dahin setzen wir uns in den Flieger und genießen unseren wohlverdienten Sommerurlaub an überfüllten Stränden.

Alice

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