Etüdensommerpausenintermezzo – Siebenauszwölf – Fast Rimini

Zum Etüdensommerpausenintermezzo bei Christiane.

Ich fuhr ihm nach. Die Entscheidung fiel mir leicht, ich war vor Liebe blind. Eine Woche waren wir getrennt gewesen. Ich hasste den Herzschmerz, den es bei mir auslöste, bekämpfte ihn mit Hausputz und Alkohol. Die Welt um mich herum verschwand. Liebe kann grausam sein.

Die Zugfahrt zog sich über Stunden, voller Begeisterung stürzte ich mich ins Abenteuer, fühlte mich ungewöhnlich jung und abenteuerlustig, als ich in den Zug stieg, der mich über den Brenner bringen sollte.Warum das Hirn die Vernunft ausblendet, wenn die Endorphine durch den Körper schießen, frage ich mich manchmal. Ich war schon damals nicht mehr bereit für ein zusätzliches Kind, doch der Körper tut so, als wäre es das erklärte Ziel. Ich fuhr ihm also nach. Und ließ alles zurück.

Die Fahrt war holprig und mit Fußangeln gespickt. Doch als ich in Faenza aus dem Zug stieg und er mich in die Arme schloss, schien alles gut.

Der Ort, wo das Hotel stand, hieß Cesenatico. Eine kleiner Touristenort direkt am Mittelmeer. Es war Frühling, Vorsaison und noch standen die Strandkörbe in den Kellern der Hotels, sorgfältig eingemottet für die erst im nächsten Monat erwarteten Touristenströme. Ich war noch nie in Italien gewesen, konnte mich kaum satt sehen an den Farben in der klaren Luft und der fremden Architektur.

Der Ort war irgendwo in den Sechzigern steckengeblieben. Große Hotelbunker säumten den breiten Sandstrand, tausend Zimmer mit Blick zum Meer. Ich fühle mich in eine andere Zeit versetzt.

Unser Hotel lag etwas abseits, hatte sich auf die Aufnahme von Radsportlern spezialisiert, die das milde Klima, die günstigen Preise und die Hügelketten, die in der ferne zu erkennen waren, zum vorsaisonalen Training nutzten. Die Zimmer waren einfach, aber sauber, hatten eher was von einer Jugendherberge als von einem Urlaubsdomizil. Mir war es egal. Ich hätte auch unter freiem Himmel übernachtet, Hauptsache ich konnte seine Hand halten.

In dem, an eine Kantine erinnernden, Speisesaal stellte er mich den anderen vor. Ich war naiv genug, zu glauben, dass sie mich schon akzeptieren würden. Mich, die neue Frau an seiner Seite. Nicht die Radsportlerin, nicht die, die ihre Leidenschaft fürs Pedaletreten teilte, sondern die Unsportliche, die Fremde. Sie waren höflich, dass muss ich zugeben. Doch ich sah ihre Blicke und wie sie manchmal die Köpfe zusammensteckten, wenn ich vorbeiging oder ihn küsste.

Tagsüber war Training in den Bergen. Sie fuhren die Serpentinen hoch, übten Sprints, fuhren Windschatten und legten dabei etliche Kilometer zurück. Wir fuhren mit dem Wagen hinterher, Verbandstasche, Reparaturkit und Getränke im Gepäck. Er beobachtete die Fahrer, brüllte manchmal Anweisungen aus dem Fenster, ich versank in der Landschaft, ergötzte mich an blauem Himmel über Pfirsichplantagen, die gerade in voller Blüte standen und einsame Villen in Zypressenhainen.

Mittags wurde im Hotel gegessen. Es gab fast ausschließlich Nudeln und ich pickte nur ein wenig darin herum. Mir fehlte das dazugehörende Training. Außerdem hatte ich panische Angst, dicker zu werden und ihm nicht mehr zu gefallen. Mein Diätwahn hatte schon immer seltsame Züge angenommen.

Auch am dritten Tag schnitten sie mich noch. Sie grüßten zwar, doch wollte ich mich mit ihnen unterhalten, um sie kennenzulernen, wichen sie mir aus. Manchmal fing ich Kommentare auf, wenn ich in der Nähe war. Sie schienen nicht für meine Ohren bestimmt und waren es wohl doch. Kamen sie um ein Gespräch nicht herum, weil er neben mir stand, schwangen seltsame Zwischentöne durch den Raum.

Als ich ihn darauf ansprach, während wir Hand in Hand an der Wasserlinie spazieren gingen, die nackten Füße in den seidigen Sand gekrallt, leugnete er es, gab vor, sie bräuchten etwas Zeit, doch sie fänden mich ganz toll.

Am nächsten Tag trainierte er mit ihnen. ich beschloss, die freien Stunden am Strand zu verbringen. Die Sonne schien den ganzen Tag und brannte mir die Sorgen aus dem Kopf. In der Ferne nutzten ein paar Windjammer die leichte Brise und ich entspannte.

Doch als ich ihn nachmittags wiedersah, war alles anders. Als er mich zur Begrüßung küsste, spürte ich eine seltsame Distanz. Die innige Verbundenheit zwischen uns, schien einen Riss bekommen zu haben. Natürlich fragte ich ihn, doch er behauptete, es wäre alles in Ordnung.

Danach beobachtete ich ihn. Wenn er sich mit den anderen unterhielt, behielt ich ihn im Auge, lauschte auf Bemerkungen und versuchte die Stimmung einzuschätzen. Ich fühlte mich zunehmend ausgeschlossen. Eine leichte Panik durchschoss mich, als ich sah, wie er sich mit der jungen Kellnerin unterhielt. Vielleicht wollte er mich schon ablegen, sich neu orientieren.

In der zweiten Woche war er jeden Tag mit den Anderen beim Training. Ich ging versuchsweise an den Strand und durchstreifte die kleinen Nippeslädchen, die wie Perlen an einer Kette die Promenade säumten. Doch ich nahm nichts auf. Mit meinen Gedanken war ich bei ihm in den Bergen, sah ihn in meiner Phantasie mit den anderen scherzen oder mit der jungen italienischen Radsportlerin flirten, die am Vorabend angekommen war.

Kurzerhand mietete ich einen alten Golf in der Werkstatt, die ich auf meinen Streifzügen entdeckt hatte. Und als sie am nächsten Morgen los fuhren, folgte ich ihnen mit ausreichend Abstand. Der Wagen röchelte an den Steigungen fast so sehr wie die Radler, doch ich schaffte es, sie einigermaßen im Auge zu behalten. Besonders ihn. Nur ihn.

Am dritten Tag hatte ich keine Lust mehr. Ich fand nichts, was dieses seltsame Gefühl erklären könnte. Er fuhr mit seinen Teamkollegen, hielt ab und zu an, um etwas zu trinken oder sich abzusprechen. Es war alles in Ordnung, ich hatte es mir nur eingebildet.

Doch als ich gerade wenden wollte, sah ich die Italienerin über die Hügelkuppe fahren. Sie winkte ihm zu und hielt bei ihm an. Sie scherzen und er beugte sich weit, zu weit zu ihr hinüber, um einen kleinen Zweig aus ihren braunen Locken zu ziehen.

Man spürt es, wenn das Herz bricht. Das hat meine Oma immer zu mir gesagt und in diesem Moment wusste ich, dass sie Recht hatte. Etwas riss in mir und ich verlor die Kontrolle.

Durch Nebel sah ich, wie sie sich verabschiedeten und in verschiedene Richtungen fuhren. Meine Hand griff den Zündschlüssel, drehte ihn, der Fuß fand das Gaspedal und folgte ihm. Ich erkannte die Strecke vom Vortag wieder, die er anstrebte. Sie führte in engen Kurven einen steilen Hügel hinauf. er würde sich dort hochquälen und hinterher, wie zur Belohnung den Geschwindigkeitsrausch der Abfahrt genießen.

Also fuhr ich unten herum. Und wartete.

Es war ganz leicht, viel leichter als es bei seiner Frau gewesen war. Ich fuhr ihm entgegen, er wich mir aus und kam von der Straße ab. Der Aufprall auf den alten Olivenbaum klang dumpf.

Erst als ich im Hotel war, hörte ich den Hubschrauber. Er kam zu spät, davon hatte ich mich sicherheitshalber überzeugt.

Alice

24 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Ich will jetzt nicht sagen: „Ein typisches Alice-Ende“, aber ein bisschen doch. Ich mag, dass deine Protagonisten das machen, was man sich normalerweise nur wünscht, wenn einem so was passiert. Und vermutlich ist das auch ganz gut so, Impulskontrolle, bla … 😉
    Aber für so Sätze wie: „Ich hätte auch unter freiem Himmel übernachtet, Hauptsache, ich konnte seine Hand halten“ und „Man spürt es, wenn das Herz bricht“, da liebe ich dich geradezu.
    Ein Highlight für das Intermezzo. 😀
    Liebe Grüße
    Christiane (nicht am Handy, daher fehlt fast das ganze Gedöns) 🙂

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    1. Ich danke dir… ja, Impulskontrolle und so… es ist gut dass ich sowas habe und meine Wünsche hier ausleben kann 😉
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 2 Personen

      1. Lopadistory sagt:

        You are really something …😉😊

        Gefällt 1 Person

  2. Nati sagt:

    Irgendwo muss man sich ja ausleben, lach….😉

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  3. Myriade sagt:

    Und so ein Glück, dass die aus Deutschland importierten Strandkörbe im Keller waren sonst hätten sie das Lokalkolorit empfindlich gestört 😉 🙂

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    1. Stimmt, so konnte man sich die 60er zumindest einreden 😉

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  4. Der perfekte Mord. Ich denke selbst Dein Mühlenbrock hätte hier eine unlösbare Aufgabe!

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    1. Der hat doch eh nix aufgeklärt 😉 Ja, aber der perfekte Mord beschäftigt – glaube ich – jeden, der gerne Krimis liest oder schreibt. Sofern es wirklich keine Zeugen gibt, kann sie sich weiterverlieben und weitermorden…
      Liebe Grüße

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  5. Bei dir wird sogar die innigste Liebesgeschichte zur Mordserie, du bist rettungslos verloren und wieder einmal passiert’s mit den letzten Silben … 😉 – interessant wäre, ob sie das Kind behielt oder nicht und wie alt es heute ist…
    Außerdem: da sieht man ein, zwei Wochen nicht nach und schon mutieren Garagentüren zu ägyptischen Löwenzebras … sehr schmuck, übrigens ;-!

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    1. Neee, das mit dem Kind hast du falsch verstanden. Es qar eine Anspielung, dass dieser bindungsdrang, den man hat oder manche haben, darauf zurückgeht, dass wir uns fortpflanzen wollen. Und das mit den Garagentoren verstehe ich nicht… 😁 erklär mal…

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      1. Ach so – war bloß eine Vermutung ins Blaue, das Kind… 😉
        Naja die Garagentore: sie haben mich immer gegrüßt, wenn ich deine Startseite aufrief – jetzt sind es Fuzzies, ebenfalls 5 … für mich Ägyptische Halbgottheiten im MehrAlsEinTierGewand … 😉

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      2. Ägyptische Zebragöttinnen im Schleiertanz 😂 ja, passt. Die Garagen hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Da ich meistens über den Reader lese, lande ich selbst sehr selten auf den Startseiten. Was ja irgendwie traurig ist, da alle sich so viel Mühe mit der Seite geben. Aber man ist halt bequem….

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      3. Die Zeit, wunderhübsche Startseiten zu bewundern, hast du nicht … 😉

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      4. Zu selten…

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  6. blaupause7 sagt:

    Ich gebe zu, mit diesem Ende hätte ich nicht gerechnet. Vor allem nicht, dass er nicht der einzige ist, bei dem die Methode zum Einsatz kam.

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    1. Soziopathen sind selten kreativ 😁

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  7. gingerpoetry sagt:

    bitterböse – aber ich liebe das! Dieser switch raus aus der Romanze rein in die Tragödie! In Cesenatico war ich als Kind mit der Familie, 1971. Ich fand es großartig! Als unser Sohn auch mal Hotelurlaub mit Strand machen wollte, entschied ich mich bewusst für Cesenatico, aus Sentimentalität…falls du Lust hast, ist auf meinem Blog unter „Adria“ zu finden 🙂

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    1. Ich schaue gerne vorbei 😊

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