Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

ABC-Etüde – Antriebslos

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von books2cats.

Eine dünner Dampffaden steigt von der angeschlagenen Lieblingstasse auf, kräuselt sich im Luftzug des undichten Fensters und vermischt sich oberhalb der Hängelampe mit dem Qualm der Frühstückszigarette. Sie hat Kopfschmerzen, das letzte Bier war wohl doch zu viel gewesen. Vielleicht ist sie einfach zu alt zum feiern.

Der Mann war auch dabei gewesen, nur ihm scheint das nichts auszumachen. Schon früh ist er im Geräteschuppen verschwunden, werkelt seitdem lautstark vor sich hin. Seine Energie nervt sie. Immer fit, immer fröhlich, nie verkatert, nie unausgeschlafen.

Als sie ihn kennen lernte, hatte ihr das imponiert, sie war ähnlich gewesen. Doch inzwischen stößt es sie ab. Sie fühlt sich unzulänglich und faul, wenn sie manchmal lieber auf dem Sofa liegt und eine Serie schaut, anstatt mit ihm um den Block zu joggen. Er sagt nichts dazu, doch ab und an wirft er ihr einen kritischen Blick zu, fast, als wäre sie ihm fremd geworden.

Seit zwei Wochen vermutet sie, dass er fremd geht oder zumindest darüber nachdenkt. Er weicht ihr aus, verbringt die Abende vor dem PC statt mit ihr fernzusehen oder geht noch eine Runde aufs Rad.

Der Gedanke gefällt ihr nicht. Sie steht auf und drückt die halbe Zigarette im vollen Aschenbecher aus. Der Kaffee wandert in die Spüle. Ärgerlich schiebt sie die Ärmel nach oben und lässt warmes Wasser darüber laufen.

Was soll sie tun, fragt sie sich und schrubbt die Fettkruste aus der Bratpfanne. Soll sie gehen oder bleiben, neu anfangen oder kämpfen.

Für einen Moment steht sie da und versucht sich zu entscheiden.

Dann lässt sie das Wasser ab und stellt sich ans Fenster. Er verlässt gerade seine Werkstatt. In der Sonne wirkt sein Haar kupferfarben.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

3 Kommentare zu „ABC-Etüde – Antriebslos

  1. Hat sie sich schon entschieden, zu bleiben? Ja, das Leben ist nicht so einfach. Es verändert Menschen. Und das, was sich daraus entwickelt, immer lieben. Schwierig und Kräfte zehrend.
    Ein schönes offenes Ende. Spannend.

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  2. Sie haben sich in unterschiedliche Richtungen verändert. Kommunikation (direkte) könnte vielleicht helfen, die Steine etwas mehr ins Rollen zu bringen, aber will sie das (schon)?
    Schöne Schwebezustandsetüde, aber nicht einfach, die Situation, wenn man drinsteckt.
    Liebe Grüße
    Christiane, stark verspätet wegen Leben 😉👍😁

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