Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Extra-Etüden – Lärm

Zu den Extraetüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Olpo Olponator und Gerhard von Kopf und Gestalt.

Er schreit. Immer schreit er, dabei ist nichts passiert. Nichts , was schlimm genug ist, diesen Lärm zu rechtfertigen. Früher ist sie gerannt, wenn sie hörte, dass er seine Stimme erhob. Sie war aufgesprungen, hatte alles fallen lassen, was sie gerade in Händen hielt und sich dazwischen geworfen.

Als sie ihn kennenlernte, hatte er großspurig behauptet, dass er mit allem fertig werden würde, ein echter Kerl eben. Doch das war heiße Luft, wie ihre Oma immer sagte und dabei so ein feuchtes Pfffssff machte. Wie ein Furz, lachte sie als Kind und versuchte, das Geräusch zu imitieren.

Das Dazwischenwerfen gab sie irgendwann auf und auch die Hoffnung, dass doch noch ein echter Kerl erscheinen würde, würde sie nur lange genug warten. Heiße Luft ist dünn, lernte sie in der Physik.

Sie bleibt auf dem Balkon sitzen, streichelt die Hündin, die ihren Kopf schwer auf ihrem Schoß abgelegt hat. Anhänglich ist sie gerade, immer neben und hinter ihr. Sie seufzt, irgendetwas stimmt nicht hier und jetzt. Sie hebt den Kopf und hört ihn immer noch schreien. Leise beugt sie sich vor und zieht die Balkontür zu.

Sie hebt selten die Stimme. Auch wenn alles schief geht, bleibt sie meist ruhig. Aufregung hilft niemandem. Nur wenn alle Stricke reißen und die Welt über ihr zusammenschlägt, kann es passieren, dass sie die Beherrschung verliert.

Aber er regt sich über jeden Scheiß auf. Der nicht eingehaltene Zeitplan irgendeines Lieferanten, stehengelassene Schuhe oder vergessene Handtücher, den unpassenden Schmusekurs der Katze oder den Vorgesetzten, der mit Überstunden droht. Alles ist ihm zu viel.

Er schreit immer noch und sie krault die Hündin etwas fester. Ein bisschen angespannt ist sie schon, doch ihr Therapeut sagte ihr, sie müsse das aushalten. Nicht verantwortlich sein, sich taub stellen, das täte ihr gut, sie würde schon sehen.

Sie nimmt ein Buch und balanciert es über dem Hundekopf. Die erste Seite schafft sie, erst am Ende bemerkend, dass sie kein Wort wirklich begriffen hat. Es geht um Katamarane oder so was, wahrscheinlich sein Buch.

Draußen wird es leiser und sie überlegt, ob sie das wirklich für den Rest ihres Lebens aushalten möchte. Diese zur Schau getragene Unzufriedenheit zermürbt sie, diese Brüllerei bei jedem nichtigen Anlass macht sie krank. Sie muss sich entscheiden, das ahnt sie. Doch noch ist sie nicht so weit. Ein letzter Rest Hoffnung klebt noch an ihr.

Draußen ist es jetzt still. Sie lächelt. So schwer war es gar nicht. Langsam schiebt sie den Hundeschädel von ihren Beinen und geht die Treppe hinunter.

Auf der Terrasse ist eine große Pfütze, irgendetwas scheint ausgelaufen zu sein. Daneben tuckert leise die defekte Kettensäge, deren fachkundige Reparatur er lauthals abgelehnt hat. Und darin liegt er und schweigt sich tot.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

16 Kommentare zu „Extra-Etüden – Lärm

  1. So nachvollziehbar ich ihre Reaktion finde, so sehr erschrecke ich, wenn ich das lese, über ihre Freude daran, dass sie endlich Ruhe hat, dass sie selbst nichts tun muss, dass er es geschafft hat, sich selbst um die Ecke zu bringen – vielleicht hatte sie zwar ihre Finger nicht drin, hat aber auch nichts dafür getan, dass es nicht passiert. Keine Trauer, nichts, nur Müdigkeit und die Sehnsucht nach Ruhe …
    Doch, gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße am Abend, schön, dass du Zeit dafür hattest
    Christiane 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke dir 😊 Ja, ich freue mich immer, wenn ich Zeit für die Etüden finde. Es sind immer so schöne Schreibanlässe, gerade wenn ich gerade wenig tippe und mehr anderes mache. Freut mich, dass sie dir gefällt. Liebe Grüße
      Alice 🍀

      Gefällt 1 Person

  2. Irgendwie schon nachlässig von ihm. Strom und Wasser ein mörderisches Duo. Oder hat er vor lauter Brüllerei vergessen, dass er für sein Leben selbst verantwortlich ist?🤔
    Hat sie vielleicht bemerkt, welche Gefahr auf ihn gelauert hat. Hat nichts dagegen unternommen.🤔 Soll ich ganz ehrlich sein? Achtsames Leben lehrt uns auch, dass wir uns nicht in den Probleme der anderen wälzen müssen. wir haben ja genug eigene Schauplätze.😉
    Wie immer bei dir, ein unerwartetes Ende. Spannend bis zum Schluss.👍😍👌

    Gefällt 1 Person

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