Deplatziert

Die Zeitung brachte heute einen Artikel zu dem Thema. Zwischen 1947 und 1948 waren über 3000 ehemalige Kriegsgefangene in meiner Wahlheimatstadt untergebracht. Es gab ein großes Lager, für das die Anwohner ihre Häuser innerhalb von 2 Stunden verlassen mussten.

Es war wohl eine politische Entscheidung, sie nicht direkt nach der Befreiung wieder zurückzuschicken, sondern sie für eine Weile hier zu behalten.

Die aus ihren Häusern Geschickten waren keine Nazis, nicht alle sicherlich, bei der Oma meines Mannes bin ich mir sicher. Denn sie wohnte da, wo jetzt gerade mein ältester Sohn schläft. Über die Rechtmäßigkeit will ich auch nichts sagen, es war so, Basta. Schlimm für die einen und schlimm für die anderen, Krieg ist grausam und hat ein hässliches Gesicht.

Ich wusste nicht um die Geschichte des Hauses, der Siedlung, in die ich zog. Es ist ein dunkles Kapitel, das nur noch zu Jahrestagen hervorgezerrt wird. Irgendwann erzählte die alte Nachbarin davon. Sie war not amused, logischerweise waren die Häuser nicht gepflegt worden. Auch ich habe Brandflecken in den Zimmern, wo behelfsmäßige Öfen auf nacktem Holz den Winter erträglicher machten. Fünf Familien lebten in diesem Haus, wo ich mit meinen Jungs trotz großem Anbau gerade so klar komme.

Zwei Stunden hatten meine Großeltern mit ihrer zweijährigen Tochter, um ihr Haus in Pommern zu räumen. Ihren Gutshof mit Land und Wald, mit Ziegelei und Feldern. Es war eine politische Entscheidung, dass sie gehen mussten, ihr Hab und Gut zurückließen, mit zwei Koffern sich zuerst zu Fuß, später mit vollen Zügen bis nach Schleswig Holstein durchschlugen. Aufgefangen in einem Barackenlager, ein alter Mann, ein kleines Kind.

Die Bevölkerung vor Ort war nicht erfreut, hatten sie doch gerade selbst viel verloren, Hunger, Angst, Sorge ums Überleben. Viele Kinder starben, hier und dort.

Ich lebe nun seit fast 16 Jahren in diesem Haus und in ein paar Jahren gehört es uns. Die Ähnlichkeit der Geschichten trifft mich immer wieder. Deplatzierte Menschen, hier und da. Vom Auffanglager ins Auffanglager. Für mich ohne das Leid, für mich mit Wohlstand und Sorgenfreiheit. Und doch sitzt dieses Gefühl in meinem Bauch, wurde geerbt, mitgeboren.

Das Haus wählte mich. Die Geschichte, wie es zu uns kam, ist kurvenreich und von Sorge geprägt, denn auch wir mussten damals schnell was neues finden. Doch das ist eine andere Erinnerung.

Alice

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lopadistory sagt:

    Ich denke mir oft; Wenn Häuser sprechen könnten …und dann bekomme ich Gänsehaut …

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    1. Dieses Haus hatte so viele kalte Ecken, das glaubst du nicht. Einige Räume wollte der Jüngste sicher ein Jahr lang nicht betreten. Und wir müssen immer alles sauberwohnen, sonst kommt die Kälte zurück. Sonst – ein tolles Haus.

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      1. Lopadistory sagt:

        Manchmal hilft ausräuchern😊

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      2. Lachen und singen auch 😉

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  2. ruhland99 sagt:

    Die Vertreibungen nach dem 2.Weltkrieg bekamen, dank Treuhand, nach der „Wende“ im Osten Deutschlands ein noch hässlichere Fortsetzung: Da wurden die DDR Bürger von, im Westen bereits entschädigen , „Alt Eigentümern“ schon wieder vertrieben.. Ich kann verstehen, dass sich viele Leute in meiner neuen Umgebung über diese Situation nicht so richtig gefreut haben.. Egal wo, die Häuser können nichts dafür. Und Geister gibt es glücklicherweise nicht. Euer Haus ist das, was ihr daraus gemacht habt – und noch machen werdet. Immer was zu tun. Ist doch schön ☺️☺️

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    1. Naja, Pommern liegt nicht in den neuen Bundesländern und wenn es eine Entschädigung gab, dann war sie sicherlich nicht adäquat, wovon den auch. Bei den Geistern bin ich etwas anderer Meinung, da habe ich in diesem Haus tatsächlich schon sehr seltsame Erlebnisse gehabt 🙂 Aber man muss nicht dran glauben.
      Lieben Gruß
      Alice

      Gefällt 3 Personen

      1. ruhland99 sagt:

        Auf das ehemalige Pommern oder das Memelland hatte die Wende ja auch keinen Einfluss. Die „Wende-Eroberung“ hätte aber sozial gerechter verlaufen müssen. Dann gäbe es vielleicht auch nicht so viele Mitläufer bei den neuen „Ewig gestrigen“ . Aber ein Gruselgeist im eigenen Haus ist absolut wertsteigernd☺️ Da fällt Dir ja bestimmt auch noch so eine niedliche Geschichte von Mord und anschließender Entsorgung des Opfers ein..☺️☺️

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      2. Oh, da habe ich schon die eine oder andere Geschichte drüber geschrieben. Das Land, auf dem ich wohne, gehört zu einer alten Römersiedlung (ab 1m Tiefe besteht Denkmalschutz), hier drunter stecken Geschichten ohne Ende 😉
        Liebe Grüße
        Alice

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      3. Arthrotia sagt:

        In den Naturwissenschaftlichen Fächern wird gerne mit Grundlagenforschung gearbeitet. Für vieles haben wir heutzutage Erfahrungen. Dem Schwarzen Loch sind Forscher auch schon näher gekommen.
        Aber alles muss doch irgendwoher kommen, seinen Ursprung haben. Zusammenhänge die wir uns im Moment noch nicht erklären können. Vielleicht nie. Und so verhält sich das auch mit Übersinnlichem.
        Emotionen, Gefühle sind ein wichtiger Teil in unserem Leben. Sonst wären wir Maschinen. Sie geben uns Auskunft über unser sein, über unser ich, über das hier und jetzt. Eine wertvolle Gabe, wer so achtsam lebt.

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      4. Ich mag es, offen zu bleiben für das Unsichtbare. Es gibt so vieles, das wir nicht verstehen können und das trotzdem passiert.
        Liebe Grüße
        Alice

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  3. Arthrotia sagt:

    Mein Vater hat in einer kleinen Garnison Stadt gelebt. Versorgungseinheiten der Wehrmacht waren dort stationiert. Die wurde während dem Krieg bombardiert.
    Mein Vater hat sehr viele Erinnerungen von dieser Zeit.
    Er hat selbst erlebt, wie eine Bombe durch mehrere Etagen in einem Haus geschlagen ist. Er konnte auch genau schildern, wie ein jüdischer Fabrikant aus seinem Büro gezerrt wurde. Und er konnte genau aussagen, wer daran beteiligt war und wer diesen Juden geschlagen und gedemütigt hat.
    Meine Mutter ist in Luxemburg geboren. Mein Großvater war Deutscher und musste nach Kriegsende Luxemburg verlassen. Mitten in der Nacht wurde die Familie mit ihren kleinen Kindern aus den Häusern geholt. Sie wurden aufgefordert, innerhalb weniger Stunden Luxemburg zu verlassen. Das wenigste und nötigste wurde gepackt. Schreckliche Dinge sind auf der Flucht passiert. Endlich in Deutschland angekommen, wurden sie wie Aussätzige behandelt.
    Schade, dass das alles in unserer Wohlstandsgesellschaft immer wieder vergessen wird.

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    1. Viele von denen, die jetzt über Flüchtlinge schimpfen, kommen selbst aus Flüchtlingsfamilien und wenn man lange genug zurückgeht, sind wir alle mal Fremde gewesen. Das sollten wir nie vergessen.
      Liebe Grüße
      Alice

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