Veröffentlicht in Mal über mich

Das aggressive Fragezeichen

Es gibt Vieles, was mir Angst macht. Spinnen zum Beispiel, sofern sie ein gewisses Maß an Größe und Masse überschreiten. Menschenansammlungen, wenn gedrängelt und geschubst wird. Schnaufende Treppenstufen, wenn niemand seinen Fuß darauf setzt oder so ein Unterton in der Stimme, den ich nur zu gut kenne.

„Willst du etwa damit sagen?“ So beginnen manche Sätze und formulieren auf die gemeinste Weise eine Unterstellung um, aus der ich nicht rauskomme, ohne zurückzurudern. Dabei möchte ich „Ja“ brüllen und „genauso ist es – und noch viel schlimmer“. ich tue es nicht. Das Fragezeichen, unausgesprochen in der Luft klebend, schnürt mir den Atem ab. Ich schrumpfe, werde drei, fühle mich schuldig, so schrecklich schuldig und schlecht. Ich sorgte dafür, dass jemand sich mies fühlt, dass jemand seine Defizite erkannte, seine Fehler, sein Unterlassen. Und sie wehren sich, drehen den Spieß um, gegen mich, fühlen sich sogar im Recht in ihrer schiefen Weltsicht.

Heute wurde es mir entgegengeschleudert. Dieses „Willst du etwa damit sagen?“ und ich zog den Kopf ein, weinte heimlich mit rotziger Kehle, wie es nur Dreijährige können, wollte mich verstecken, verschwinden, mich auslöschen, mal wieder. Und doch war es die Wahrheit, die aus meiner Kehle kam.

Ja, war die Antwort, doch ich schluckte sie runter.

Mal wieder.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

15 Kommentare zu „Das aggressive Fragezeichen

  1. „Sag was Du denkst“ , ein Buch gibt es wirklich.. Ich mache das seit frühester Jugend. Ausser einem Schulverweis und dem Entsorgen falscher Freunde hätte ich damit keine Probleme. Sogar meine Kunden fanden das o.k. – und der wahre Freund darf immer die Wahrheit sagen. Oder besser, er soll!☺️☺️

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  2. Die Wahrheit ist schwer zu ertragen? Ich persönlich mag es auch nicht Menschen auszuzählen. Ihnen auf den Kopf zu sagen, was mich stört. Bloß keinen Ärger, keine Diskussion en. Und dabei trage ich dann alles mit mir rum. Und weiß, dass eine Aussprache, auch wenn sie weh tut, geholfen hätte.
    Der Andere ist doch eh schon verärgert.

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    1. Ich finde es auch schwer, den Mund aufzumachen. Nur bringt das nichts, zu schweigen – weil – wie du schon sagst, das Kind bereits im Brunnen ist. Manchmal sind es nur Missverständnisse, da hilft reden und der Ärger löst sich von alleine auf.
      Lieben Gruß dir
      Alice

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  3. Die Hilflosigkeit gegenüber bestimmten rhetorischen Kriegsmitteln finde ich auch aus meiner eigenen Sicht wiedererkennbar.
    Das Herabwürdigen bis das Gegenüber auf das Ohnmachtsgefühl einer Kindheitsphase herunterstürzt ist manchen ein bewährtes Werkzeug, das meist ebenfalls in der Kindheit von den Eltern so gelernt wurde. Nun grätschen sie wie aus dem Hinterhalt in ein eigentlich sachbezogenes Gespräch und es dramatisieren es, um es siegreich damit zu beenden, dass der „wie auf Knopfdruck“ aus der Situation flieht.
    Ich habe auch erst mit über 30 Jahren das Schema erkannt, und fand es zwar leichter, den Genuss seiner Ruhe durch meine beharrliche Anwesenheit zu stören, als nicht in Tränen ausbrechen, aber der Ablauf des Rituals wird mit einem Mal gebrochen. Indem man seine alte Rolle verweigert, gewinnt man Schritt für Schritt gegen die Vergangenheit.
    Dann kommt es darauf an, ob die Zuneigung grösser ist als die im Streitfall empfundene Gegenerschaft, steht aber „nur noch“ die Beziehung auf dem Prüfstand, den inneren Fortschritt nimmt einem keiner mehr.
    Ich weiss, das war lang, aber wenn eine bekannte, tiefe Saite mal schwingt …
    LG

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    1. Ich danke dir sehr für deine Worte und Gedanken und bin da ganz bei dir. Es sind (immer) erlernte Muster und Triggerpunkte. Die gehen nicht weg. wenn man sie vermeidet, die überwindet man nur durch Aus- und Gegenhalten. Mutig bist du und schon einen Riesenschritt weiter als ich, wo mich sowas tatsächlich zu einem kleinen Kind degradiert.
      Liebe Grüße
      Alice

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