Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 7: Ein kleines Projekt: Tag 4

Die vierte Geschichte zu Jutta Reichelts Schreibwerkstatt.

Er saß mir gegenüber bis ich aussteigen musste. Irgendwo zwischen der Großstadt, die ich fluchtartig verlassen hab und dem kleinen Dorf, in das ich mich verkriechen wollte, stieg er zu. Ein kleines Mädchen hing an seiner Hand, während sie an vollen Abteilen vorbeizogen. Bei mir wurden sie fündig. Der penetrante Toilettengestank von dem verstopften Zugklo nebenan, störte weder sie noch mich.

Er nickte kurz, als er die Tür aufschob und setzte sich mir gegenüber. Das kleine Mädchen zog ihre Finger aus seiner Hand und kletterte auf den Fensterplatz. Dort presste sie ihre Nase gegen die verschmierte Scheibe und schwieg.

Opa und Enkelkind, vermutete ich, der Altersunterschied war für eine Vaterschaft etwas groß. Aber sicher konnte ich mir nicht sein. Es ging mich auch nichts an. Ich drehte den Kopf zur Seite und blickte in die vorbeirasende Landschaft.

Den Kopf in das verblichene Kopfteil gepresst, wurde ich schläfrig. Für eine Weile wäre ich noch unterwegs.

Ich muss kurz eingenickt sein, ein Kichern weckte mich. Das kleine Mädchen hatte meine bunten Socken entdeckt und stieß den Mann an. Prustete, sich die runde Hand vor den kleinen Mund haltend und wies mit einem Finger auf das Stück Bein, dass zwischen edlem Lederschuh und Wollhose herausblickte.

Es war eine Marotte von mir, ein Aufbegehren gegen die strengen Kleiderregeln, die mein Beruf mir aufoktroyierte. Im Büro war ich darauf bedacht, die Hosenbeine nie hochrutschen zu lassen, doch hier und jetzt war es egal, spielte auch keine Rolle mehr.

Der Mann schmunzelte und versuchte mit einem entschuldigenden Blick zu mir den frechen Zeigefinger einzufangen, der sich ihm, trotz der längeren Arme, immer wieder auf geheimnisvolle Weise entzog. Ich hätte ein Machtwort erwartet. Nicht, dass mich ihre Freude gestört hätte. Sie amüsierte mich und lenkte mich ab. Doch er schwieg und fasste nur immer wieder in die Luft, wo eben noch ihre kleine Hand gewesen war.

Sie machte ein Spiel daraus, hatte meine bunten Ringel längst vergessen, gluckste und lachte glockenhell. Und er, der Alte, spielte mit. Hatte Geduld und nahm es wichtig, das Kämpfen und Siegen.

Doch mit einmal griff er zu, schnappte sich die zarten Finger und umschloss sie weich mit seiner großen Hand. Ihr Lachen erstarb und sie schaute ihn mit großen Augen an. Dann lächelte sie. Das Kämpfen, das Siegen und das Aufgeben.

Und dann tat er etwas Seltsames. Er griff mit der freien Hand in die Luft, fing etwas nur für ihn Sichtbares, es schien ein Faden zu sein und hielt ihn mit spitzen Fingern vor ihre kleine Nase.

Sie lächelte, schien das Spiel zu kennen. Bereitwillig streckte sie ihm die gefangene Hand ein wenig mehr hin. Dann begann er das Phantasiespinnweb um ihre Faust zu wickeln. Er ließ sich Zeit, machte es sehr sorgfältig. Ab und an schob er einen Faden zurecht, der sie vielleicht drücken könnte. Seine letzten beiden ausholenden Bewegungen gingen in einem großen Bogen um ihren Oberkörper und bei jeder seiner Runden nahm sie das Händchen ruhiger und näher zu sich, bis es am Ende brav fixiert auf ihrem Schoß lag.

Eine Schleife besiegelte das Versprechen und sie sah auf ihre Finger, als könne sie das Band wirklich sehen.

Für eine Weile saß sie still und versunken, die gebundene Hand an ihrem Bauch. Als ihre Augen langsam zufielen, entspannte sie sich, öffnete die Fingerglieder eins nach dem anderen, während eine große Hand ihren Körper so an seinen zog, dass sie bequem und entspannt auf dem weichen Bauch ruhen konnte.

Auch sein Kopf sackte auf die Brust und seine tiefen Atemzüge lullten auch mich ein.

Als ich erwachte, waren sie fort.

Alice

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nati sagt:

    Sehr schön Alice. 🙂
    Ich saß daneben.

    Gefällt 2 Personen

    1. Dann warst du aber ganz leise 😊❤

      Gefällt 1 Person

      1. Nati sagt:

        Ja, ganz leise. Bin auch nicht eingeschlafen.
        Aber das WC muss echt mal gereinigt werden. 😉

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      2. Ja, das war echt ein übler Gestank 😁

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      3. Nati sagt:

        Dabei fahren im Moment nicht viele mit den Zügen.
        Da hätten sie doch Zeit genug. 🙄😉

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      4. Tja, ich hätte auch Zeit für so viele Sachen

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      5. Nati sagt:

        ….und schwupps ist der Tag um. Kenn ich, lach….

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      6. Ist krass gerade…

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      7. Nati sagt:

        Merke ich gerade an den Regentagen extrem.

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  2. Gefällt mir sehr, dieser Text. Und gerade kommt es mir so vor, als wenn dieses zarte, liebevolle Spiel des Großvaters der Frau, die das ganze beobachtet irgendwie gut tut – und damit auch den Leser:innen …

    Gefällt 1 Person

    1. Das freut mich sehr zu hören, liebe Jutta. Ja, ich hätte mir so einen Opa gewünscht, der so geduldig ist. Aber so kann ich mir einen erschaffen, den ich hervorholen kann, wenn ich ihn brauche.
      Liebe Grüße
      Alice

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