Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 7: Ein kleines Projekt – Tag 1

Ich schreibe nun schon einige Tage bei Jutta Reichelt in ihrer virtuellen Schreibwerkstatt mit und freue mich jeden Tag über die neuen Impulse, die sie dort mit uns teilt.

Mit der neuen Anregung, bin ich gerade noch etwas orientierungslos und versuche mich einzufinden. Dabei habe ich gerade im Hintergrund, da, wo es keiner sieht, genauso eine Geschichte am Start. Ein Hauptthema, das ist bei einer Ansammlung von Kurzgeschichten ganz wichtig, eine übergeordnete Größe, Orientierungspunkt und roter Faden für Leser und Schreiber.

Mit fällt dazu die Teilnahme an einem Workshop für Improvisationstheater ein (das war super, wollte ich immer wieder machen, ist jetzt ewig her, kommt auf die Bucket List, ganz nach oben). Die Aufgabe war, in einen Waggon einzusteigen, der von vier Stühlen dargestellt wurde und just im Moment des Eintretens, in eine Rolle zu fallen, sie für einen Moment zu kosten und dann die Situation wieder zu verlassen.

Und damit habe ich auch schon meinen roten Faden, an dem ich mich hangeln möchte. Um dem genügend Raum, doch nicht zu viel zu geben, schließe ich mich einer Kommentatorin an und gebe mir und der Idee eine Woche.

Rückwärts nach Monschau

Sie ist spät dran. Die letzten Sekunden bis zur Abfahrt ticken bereits, als sie die Treppe hochschnauft, den abgewetzten Koffer noch ein wenig fester greift und die Hand hebt, um dem schon bereit stehenden Fahrbegleiter zu signalisieren, dass sie noch mitfahren möchte. Für einen Moment senkt er die Pfeife, die schon bereit zwischen seinen Lippen hing und tritt einen Schritt zur Seite, um der zerzausten Gestalt die Tür frei zu machen.

Dabei hält er den Zeiger der Uhr im Auge. Sie entspannt, hält für eine Sekunde inne und setzt ihren Weg im gemächlicheren Tempo fort. Neben ihm, der sekündlich unruhiger wird, hat der große Zeiger nun doch die Abfahrtszeit deutlich überschritten, bleibt sie stehen, lächelt ihm dankend zu und schiebt ihr schweres Gepäckstück als erstes durch die Tür. Dann schiebt sie ihren Körper nach, macht auf der obersten Stufe eine kleine Pause und gibt endlich den Eingang frei.

Hinter ihr ertönt der Abfahrtspfiff, der Fahrbegleiter springt hinein und drängelt an ihr vorbei, um zumindest rasch mit der Kontrolle der zugestiegenen Fahrgäste zu beginnen.

Den großen Koffer drückend und schiebend vor sich durch den schmalen Gang manövrierend, blickt sie in die Abteile und muss feststellen, dass sie nahezu vollbesetzt sind. Nur im letzten ist noch ein einziger Sitz frei.

Sie schiebt die Tür auf und lächelt entschuldigend. Dann stellt sie ihr Gepäck ab, drängelt sie sich durch die wippenden Füße zum freien Fensterplatz und lässt sich hinplumpsen. Mit einem „Wärensiesonett“, das sie in einem Atemzug herausquetscht, wendet sie sich an den jüngeren Herrn, der ihr gegenübersitzt und auf ein Laptop einhämmert, das er auf seinem Schoß balanciert. Er reagiert nicht, schiebt nur den Rechner wieder in eine für ihn günstige Position und beugt sich ein wenig tiefer über die Tasten.

Der Koffer steht in der offenen Tür. Mit ihrer Fußspitze tippt sie leicht ihr Gegenüber an, doch der macht einen noch tieferen Buckel. Neben ihr seufzt ein älterer Herr. Er steht auf, nimmt den Koffer und wuchtet ihn auf den einzigen freien Platz in der Gepäckablage. Dann nickt er ihr zu, faltet wieder seine Zeitung auseinander und beginnt, leicht von ihr abgewandt, mit der Lektüre.

Sie schaut sich um. Es sind drei Stationen bis zu ihrem Zielbahnhof, eine dreiviertel Stunde Fahrt. Ärgerlicherweise sitzt sie mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und damit verbietet es sich für sie, zu lesen oder zu stricken. Ihr ist schon als Kind immer übel geworden und einmal hatte sie ihrer Tante sogar in die Handtasche gespuckt. Seitdem durfte sie bei Familienausflügen immer nach vorne gucken. Ein Tatbestand, den ihr der Bruder neidete und sie immer heimlich kniff, wenn sie ihm gegenüber auf dem einzig sicheren Platz saß.

Der Zug fährt einen großen Bogen und sie schaut neugierig aus dem schmierigen Fenster. Sie kennt das Tal, das sie umrunden. Ihr erster Freund hatte dort gelebt. Leider hatte er sie betrogen mit der dicken Peggy. Sie lächelt. Das wäre sowieso nicht gut gegangen. Sie wollte Kinder, er nicht. Bekommen hat sie keine, doch man muss die gleichen Pläne haben, sonst funktioniert es nicht.

Sie hört ein Husten und schaut in die Richtung. Ein Teenager undefinierbaren Geschlechts drückt sich in die Ecke des Sitzes direkt neben der Tür. Er beugt sein Gesicht tief über den kleinen Plastikkasten, den er in den Händen hält und darauf herumdrückt. Noch einmal muss er husten, dann zieht er lautstark die Nase hoch. Die Hände bleiben in Aktion. Sie hätte sich das nicht erlauben dürfen, damals. Gerade sitzen, bestenfalls hüsteln und wenn man krank war, hielt man sich eine Hand vor den Mund.Es wird nicht alles besser, stellt sie fest.

Der Zug verlangsamt seine Fahrt und hält im Bahnhof. der junge Mann klappt sein Laptop zu und steht auf. Sie möchte sich gerade aufrichten, um seinen Platz einzunehmen, da rutscht die junge Frau, die am anderen Ende ihrer Sitzbank saß, an seinen Platz und nuschelt: „Mir wird sonst schlecht.“

„Unverschämt“, denkt sie und findet es doch auch menschlich. Schließlich wird ihr auch übel, sie kann sie verstehen. Außerdem scheint sie in Umständen zu sein, wenn sie das T-Shirt mit dem seltsamen Aufdruck richtig deutet. Ein zusammengerolltes Baby in einem gezeichneten Uterus winkt ihr freundlich zu. das wäre auch undenkbar gewesen. Hätte sie ein Kind bekommen, hätte die Mutter ihr weite Kleider genäht, so dass alle es ahnen und doch niemand es sehen kann. Sie schmunzelt. Aber lustig findet sie es schon, dieses Bild. Der Stoff umspannt die deutliche Wölbung und der Nabel drückt sich genau auf Nasenspitzenhöhe des Babys durch.

Der Zug fährt wieder an und sie denkt an ihre beste Freundin. Fünf Kinder hat sie bekommen, wie die Orgelpfeifen standen die Kleinen aufgereiht, wenn sie zu Besuch kam. Die Freundschaft hielt bis zum letzten Jahr, 73 Jahre lang, bis das der Tod sie schied. Man muss nicht verheiratet sein, um sich treu zu sein. Sie betrachtet die Hand der jungen Frau. Kein Ring, aber eine Tätowierung. Macht man das heute so?

Auf dem mittleren Platz ihr gegenüber sitzt eine ältere Frau. Sie liest, so wie es aussieht einen Kriminalroman. Sie würde auch gerne lesen. In ihrem Koffer sind ihre Liebsten mitgereist. Doch rückwärts fahrend geht das nicht gut. Sie hat so viel gelesen in ihrer Kindheit. Die halbe Stadtbücherei hat sie leer gelesen. Und dann hat sie angefangen, zu schreiben. Kleine Geschichten, Alltagskram. Nie hat sie es jemandem gezeigt.

Ein Kirchturm, der am Fenster vorbeigleitet, zieht ihre Aufmerksamkeit an. Sie war katholisch erzogen worden, hatte brav Kommunion und Firmung hinter sich gebracht, doch wirklich verstanden hat sie das Konzept nie. Zu Weihnachten und zu Ostern war sie am Ende noch hingegangen. Und natürlich zu den ganzen Beerdigungen, die sich in letzter Zeit häufen.

Der Zug wird wieder langsamer. Der Teenager reißt die Tür auf und verschwindet, noch bevor der Zug wirklich steht. Sie könnte sich jetzt umsetzen, doch es lohnt sich nicht mehr. Noch zehn Minuten hält sie rückwärts noch aus.

Die Landschaft verändert sich. Sie staunt immer wieder, wie viel so wenige Kilometer ausmachen können. Das Land ist deutlich hügeliger geworden und die Dörfer, an denen sie vorbeifahren liegen aneinandergekuschelt in kleinen Tälern. Sie denkt an ihren Kater, den treuen Begleiter der letzten fünfzehn Jahre. Er rollte sich immer in ihrem Strickkorb zusammen, ganz klein kuschelte er sich, damit sie ihn darin ließ. Vor zwei Monaten hatte ihn der Tierarzt erlöst. Krebs hatte der arme Kerl, final hieß es. Keine Schmerzen war ihre Bedingung gewesen und er lag auf ihrem Schoß, als der Arzt die Spritze setzte. Ganz ruhig war es, als das Herz unter ihrer streichelnden Hand, aufhörte zu schlagen.

Die letzte Station kommt in Sichtweite. Sie ist müde, das Ruckeln hat sie erschöpft. Der ältere Herr hebt ihr ihren Koffer herunter und als der Zug steht, nickt sie kurz in die Runde und steigt aus.

Sie sieht sie schon von Weitem. Einer der Pfleger hat vorsorglich einen Rollstuhl dabei, doch den gedenkt sie nicht zu benutzen, noch nicht.

Alice

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich bin zutiefst (und tatsächlich zu Tränen) be- und gerührt. Wunderschön geschrieben, liebe Alice. Grandios!

    Gefällt 1 Person

  2. Ein wenig erkenne ich mich in der Frau wieder, die Personenzeichnungen gelingen dir richtig gut! War das jetzt zu viel Lehrerin 😥 Egal, auf jeden Fall klasse.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir. Und nein, das war nicht zu viel 😊

      Gefällt 1 Person

  3. Lopadistory sagt:

    Ich war dabei😊hat mir gut gefallen🤸

    Gefällt 1 Person

    1. Wer von den Reisenden warst du denn? 😊

      Gefällt 1 Person

      1. Lopadistory sagt:

        Du hast mich nicht entdeckt?

        Gefällt 1 Person

      2. Gib mir einen Tipp 😉

        Gefällt mir

      3. Lopadistory sagt:

        …ich war das Mäuschen …

        Gefällt 1 Person

      4. Ach, du meinst das, was die ganze Zeit in der Ecke hinter dem Vorhang saß und darauf gewartet hat, dass endlich ein Kekskrümel runterfällt? 😉

        Gefällt mir

      5. Lopadistory sagt:

        So schaut’s aus!😂

        Gefällt 1 Person

  4. Gefällt mir auch sehr! Besonders, wie es dir gelingt mit sparsamen Details die Figuren zu charakterisieren, sie dadurch lebendig werden zu lassen.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Jutta, ich danke dir 🙂 Es ist sehr interessant, was passiert, wenn ich eben nicht so „frei“ vor mich hin schreibe, sondern versuche, mich um einen Themenbereich zu drehen. Das „sparsame“ ist mir sehr wichtig, ich tue mich mit Langstrecken schwer, auch wenn ich beim Lesen mit endlosen Beschreibungen konfrontiert werde.
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s