Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 6: Erfinde eine Figur und bringe sie in Schwierigkeiten

Seit fast einer Woche mache ich bei der virtuellen Schreibwerkstatt von Jutta Reichelt mit. Es ist ungeheuer interessant, welche Übungen und Blickwinkel es gibt. Bisher habe ich immer drauflosgeschrieben, besitze zwar den einen oder anderen Schreibratgeber, doch durchgelesen habe ich sie noch nie. Ich bin immer eher praktisch orientiert, lerne lieber durch machen als durch lesen.

Er hatte für einen Moment nicht nachgedacht, als er den Hörer in die Hand nahm und die Nummer wählte, die auf dem Kaugummipapier stand. Sie hatte es ihm zugesteckt, vor einer Woche schon und seitdem trug er es mit sich herum. Sie war hübsch, ohne Frage und mindestens zwei Klassen über ihm, da machte er sich keine Illusionen. Eine Frau mit dieser Ausstrahlung und diesem Körper, was wollte die von einem pummeligen Automechaniker mit Brille.

Hätte er also nachgedacht, wäre das gekaute Kaugummi in genau dieses Papierchen gewandert und er hätte beide in die ölverschmierte Tonne neben dem Batterieladegerät geworfen. Hatte er nicht. Und auch nicht über die Folgen nachgedacht, als er leicht angetrunken und ermutigt vom zweiten Feierabendbier, die silbrig schillernde Einladung in die Hand nahm und ihre Nummer wählte.

Sie meldete sich nach dem vierten Klingeln. Als es in der Leitung knisterte, erwartete er ihre Mailbox, wollte bereits auflegen, aufgeben. Sie klang kurzatmig, als wäre sie gelaufen und für einen Moment wünscht er sich, sie wäre seinetwegen gerannt, hätte gewusst, dass er am anderen Ende des Telefons ist und sich beeilt. Die blonden Locken zerzaust, das Gesicht gerötet, er spürte, wie seine Hände schwitzig wurden.

Für einen Moment schwieg er, nachdem sie ihren Namen sagte mit dem kleinen Fragezeichen am Ende. Was sollte er ihr sagen? Dass er der Dicke aus der Werkstatt sei und anrufe, weil er sie nicht aus dem Kopf bekomme? Oder sollte er vielleicht noch eine wichtige Inspektion erfinden, irgendein Rädchen, dass noch nachgestellt, festgezogen, überprüft werden muss und weswegen sie unbedingt noch einmal vorbeischauen müsste?

Er räusperte sich. Am anderen Ende war es still. Er druckste ein wenig herum, brachte mit einem leichten Zittern in der Stimme seinen Namen raus und erinnerte sie an die Nummer, die sie ihm zusteckte. Sie erinnerte sich sofort, lachte hell und fragte ihn unumwunden, ob sie zusammen einen Kaffee trinken könnten.

Er war sprachlos. Hatte Fortuna ein Einsehen und ihm dieses große Los zugespielt? Seine bisherigen Erfahrungen mit Frauen waren armselig, ein besseres Wort fiel ihm nicht ein. Sie beschränkten sich auf ein paar Dates mit der Nachbarstochter, die in einem peinlichen Gefummel im Auto endeten und diversen Bordellbesuchen. Er machte sich keine Illusionen über seine Attraktivität. Doch vielleicht sah sie etwas anderes in ihm, etwas Schönes in seiner Seele, was ihn für sie interessanter machte als all diese Schönlinge.

Er sagte zu.

Sie trafen sich in dem kleinen Diner an der Straßenecke und es lief so reibungslos, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Sie aßen, tranken und lachten und als die Bedienung schließen wollte, war er überrascht, wo die Zeit geblieben war. Sie verabredeten etwas neues. Nicht am nächsten Tag, weil das zu viel gewesen wäre, doch für das Wochenende. Sie gingen essen und etwas trinken und als er sie nach Hause brachte, ließ sie zu, dass er sie küsste. Sie erwiderte die etwas linkische Berührung seiner Lippen sogar, gerade so viel, dass er sich Hoffnungen auf mehr machte und gerade so zurückhaltend, dass er den Respekt vor ihr behielt. Sie war perfekt.

Ihre Treffen häuften sich, nahezu jeden zweiten Abend verbrachten sie miteinander, hielten Händchen, küssten sich ab und zu und er hoffte, dass es mehr werden könnte. Er lud sie zu sich ein, wollte kochen, einen Film schauen und danach vielleicht ins Schlafzimmer wechseln, um endlich das zu tun, wovon er seit dem ersten Anruf träumte.

Er bereitete den Abend sorgfältig vor, holte sich Kochtipps von seiner Mutter, lieh den neusten Liebesfilm aus, besorgte Wein und auch was Stärkeres, wechselte die Bettwäsche, räumte auf und putzte, bis er sein kleines Appartement kaum wiedererkannte.

Sie war pünktlich, hatte ein Sixpack Bier dabei und begrüßte ihn mit einem langen Kuss. Sie aßen, öffneten das Bier und wechselten auf die Couch, wo sie den Liebesfilm aneinandergekuschelt ansahen, unterbrochen von kleinen Küssen und zarten Berührungen.

Gegen Ende des Films, gerade als absehbar wurde, dass der Held die Schönheit für sich gewinnen konnte, ging er zum Angriff über. Ihre Signale waren eindeutig gewesen, das, was jetzt kommen musste, war überfällig. Doch als seine Hand ihre Brust umfassen wollte, schreckte sie zurück, schob seine Hand an die Seite und begann bitterlich zu weinen.

Er war verwirrt und frustriert, sein ganzer Körper hatte sich bereits massiv auf ein Miteinander eingestellt und sie wies ihn zurück. Doch er fing sich, streichelte vorsichtig ihre Schulter, flüsterte tröstende und entschuldigende Worte und hakte vorsichtig nach, was denn an dem, was er wollte, verkehrt sei.

Sie schluchzte noch eine Weile, nahm das Taschentuch aus seinen Händen, betupfte die Tränen und begann zu erzählen.

Sie sei nicht alleine, da sei ein Mann, mit dem sie vor langer Zeit zusammengekommen sei. Am Anfang sei es gut gelaufen, traumhaft sogar. Doch irgendwann war die Stimmung umgeschlagen und er hatte sie zu seinem Besitz gemacht. Sie hatte versucht, Schluss zu machen, doch das akzeptiere er nicht. Seit sie sich mit ihm hier traf, bedrohe er sie, rief immer wieder an, schickte Rosen oder Drohbriefe, je nach Laune und sie habe langsam Angst. Er wolle sie töten, sollte sie mit einem anderen schlafen, habe er ihr heute morgen auf die Mailbox gesprochen.

Sie wollte ihn nicht hineinziehen in ihr Dilemma und wenn sie bei ihm sei, wäre es so wunderschön, dass sie alles vergesse, doch bevor sie sich ihm hingebe – und dabei sah sie ihm ganz lange in die Augen – müsse das Problem mit ihrem Ex aus der Welt.

Er schwieg und dachte nach. Sie hatte inzwischen ihre Tränen getrocknet, hielt seine Hand und wartete.

Er schlug vor, mit ihm zu reden, um ihn zur Vernunft zu bringen oder zur Polizei zu gehen mit den Beweisen, die sie hatte, doch sie schüttelte immer nur den Kopf.

Die ganze Nacht saßen sie nebeneinander und redeten. Gegen Morgengrauen stand eine Idee im Raum. Er konnte sich nicht erinnern, wer sie hereingelassen hatte. Er schreckte zurück, als er sie betrachtete, doch es schien die einzige Lösung aus diesem Dilemma zu sein und die letzte Chance auf eine Beziehung mit dieser wunderbaren Frau.

Ihre Stimme wurde kälter, als sie ihm über die Routinen des Mannes berichtete, erzählte, wann er wo üblicherweise sei. Und sie schlug ihm einen Ort und eine Zeit vor, fast als hätte sie diesen Plan schon lange in ihrem Kopf gewälzt. Eine Waffe, die sie natürlich nur zum Selbstschutz habe, wanderte aus ihrer Handtasche in seine schweißfeuchten Hände.

Sie küsste ihn, als er nickte und bat ihn, sie anzurufen, wenn es erledigt sei.

Dann ging sie.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

11 Kommentare zu „Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 6: Erfinde eine Figur und bringe sie in Schwierigkeiten

  1. Wow. Das hast du aber wirklich extrem wörtlich genommen, das mit den Schwierigkeiten. Der arme Tropf, so verständlich … und trotzdem hoffe ich, dass ihm noch auffällt, was er bereit ist zu tun …
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞👍

    Gefällt 1 Person

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