Schreiben bei Jutta Reichelt – Tag 4: Wartezeit

Seit vier, eigentlich drei Tagen nehme ich an der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt teil. An diesem Tag geht es um das Schreiben zu einem Bildvorschlag. Die Inspirationsquelle ist ein Bild von Edward Hopper namens Cape Cod Morning. Ich kenne natürlich Boulevard of Broken Dreams, das auch ganz oft kopiert und verändert wurde von anderen Malern.

Ein Kunstdruck des Originals hing in meiner Studentenbude, wahrscheinlich bei Ikea erstanden und ziemlich klein. Ich mag seine Art, Menschen darzustellen. Mein Horizont erweiterte sich mit den Jahren, auch wenn ich mir die Namen seiner Werke nicht gemerkt habe. Auch dieses Bild kam einmal vorbei. Ich weiß nicht, wo ich es zuerst gesehen habe. Es gefällt mir wie die meisten von Hoppers Werken. Ich mag die überlegt nachlässige Art seiner Darstellungen, das detailliert skizzenhafte, die Auswahl der Farben, den groben Strich und den genauen Blick auf die Personen.

Sie öffnet das Fenster und beugt sich vor, um die ganze Straße zu überblicken. Er sollte längst da sein, hat versprochen, sofort zu ihr zu fahren, wenn er es hinter sich gebracht hat. Seit sie telefoniert haben, sind zwei Stunden vergangen. Der Weg zu ihr dauert eine. Sie rechnet. Eine halbe Stunde, um zu sich nach Hause zu fahren. Um es endlich zu klären vielleicht zwanzig Minuten. Sollte sie weinen und betteln, eine halbe Stunde, höchstens. Er kann sehr hart sein, sie hat ihn schon fast brutal konsequent erlebt. Als er den Laufburschen entlassen musste. Da war er kurz und knapp gewesen. Hatte ihm die Papiere fast vor die Füße geworfen. Seine Stimme war wie Stahl gewesen. Kein Widerspruch, seine Entscheidung. Sie hatte vom Vorzimmer aus zugehört und gestaunt, wie gefährlich er klingen kann, wenn er seinen Willen bekommen möchte. Oder als sein Vater starb und der Bruder ihn aus der Firma schmeißen wollte. Die Gespräche mit den Anwälten, die Verhandlungen, der Bruch mit allen, die ihm was bedeutet hatten. Hart war er gewesen. Und unnachgiebig. Sie hatte gestaunt, wie eiskalt er mit der eigenen Mutter sprach.

Das Gespräch sollte nicht lange dauern. Vielleicht auch nur zehn Minuten.

Sie schaut auf die Uhr. Zwei Stunden zwanzig. Sie schaut die Straße herunter. Es ist nichts zu sehen.

Dann müsste er packen. Was braucht er wohl? Seine Anzüge, damit er morgen ordentlich in die Firma gehen kann. Ein bisschen hat er bei ihr. Zwei Hemden, Unterwäsche und Socken. Ob er seine Golfsachen mitbringt? Mittwochs geht er immer mit Miller aus der Personal zum Golfen, sollte er nicht auftauchen, wird das auffallen. Und seine ganzen Schuhe. Sie lächelt. Er hat mehr Schuhe als sie und teurere. Maßgeschneidert auf einem eigens angefertigten Leisten in London. Feinstes Leder, immer auf Hochglanz poliert. Sie darf nicht vergessen, Schuhputzzeug zu organisieren. Er wird auch ein paar seiner Bücher mitbringen und die Schallplatten.

Sie erinnert sich an ihren ersten Tanz. Auf der Weihnachtsfeier hatte er ihre Hand genommen und sie auf die Tanzfläche gezogen. Wie klischeehaft, denkt sie. Und da hatte es angefangen. Er und sie und Überstunden im Büro, ein Absacker in der kleinen Bar an der Ecke, wo der Wirt ihn mit Handschlag begrüßte und ihnen eine ruhige Nische gab, die man von der Straße aus nicht sehen konnte. Das karierte Tischtuch und die billige tropfende Kerze. Und seine Hand auf ihrer. Seine Blick in ihre Augen, sein Geständnis und dann ging er mit zu ihr. So fing es an und jetzt steht sie hier und schaut auf die Uhr.

Zwei Stunden vierzig. Die Dämmerung bricht herein. Sie hört ein Auto auf der Straße und ihr Herz schlägt schneller. Doch es biegt ab.

Er müsste längst unterwegs sein. Im Radio haben sie von einem Stau auf der Autobahn gesprochen. Da wird er drinstehen. Sie öffnet eine Flasche Wein und schenkt sich einen Schluck ein. Er röte so schön ihre Wangen, sagte er immer. Sie dreht das Radio lauter und beschließt, sich keine Sorgen zu machen. Mit dem Glas in der Hand tanzt sie durchs Wohnzimmer, freut sich auf ihn.

Das Lied wird durch eine Verkehrsdurchsage unterbrochen. Ein Unfall ist passiert. Der Stau wächst auf mehrere Kilometer.

Wie ärgerlich, er könnte längst hier sein, wenn die anderen vernünftig fahren würden. Er fährt sehr gut Auto, sie liebt es, neben ihm zu sitzen und ihre Haare im Fahrtwind des Cabrios flattern zu lassen. Vielleicht sollte sie sich Tücher kaufen, die sie sich um den Kopf schlingt, damit sie nach der Fahrt nicht so verzottelt aussieht. Aber ihn stört es nicht. Er lacht und streicht ihr die vorwitzigen Locken aus den Augen, wenn sie zu ihrer Stelle in den Wald fahren.

Und wenn er einen Unfall hatte und deshalb noch nicht da ist. Auf einmal zittern ihre Hände und der Wein schwappt aus dem Glas auf ihre Füße. Sie stürzt zum Fenster. Inzwischen ist es stockdunkel. In der Ferne ziehen Lichter vorbei. Sie hört die Motoren leise rauschen. Ob sie im Krankenhaus anruft? Was soll sie sagen? Sie ist nicht seine Frau? Dürfen sie ihr überhaupt was sagen?

Sie lässte sich auf den Hocker sinken und schaut auf die Uhr.

Drei Stunden fünfzig.

Er ist tot. Oder schwer verletzt. Ihre Augen blicken ins Leere, sie sieht sich ganz hinten bei der Trauergesellschaft stehen, darf nur höflich der Witwe kondolieren, nicht mehr zu ihm, nicht Abschied nehmen. Muss seiner Frau in die Augen sehen, die weiß und weiß, dass sie weiß. Und nichts sagt. Und kalt lächelt hinter den Tränen, die ihr nicht zustehen.

Vier Stunden.

Die Uhr in der Diele schlägt Mitternacht. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Geht sie ins Bett und er steht in der Tür, könnte er denken, sie hätte nicht gewartet, wäre egoistisch. Bleibt sie auf, wirkt sie verzweifelt.

Das Telefon klingelt. Für einen Moment scheint der schrille Klang weit weg. Sie kommt nur langsam zu sich, bringt das störende Geräusch mit einem Anruf zusammen. Sie stürzt in die Küche, reißt den Hörer an ihr Ohr und lauscht atemlos.

Für einige Minuten steht sie ganz still. Lauscht nur. Und so bleibt sie noch, als das Gegenüber längst aufgelegt hat. Irgendwann legt auch sie langsam den Hörer zurück.

Dann geht sie von Raum zu Raum, schließt die Fenster, löscht das Licht. Für einen Moment bleibt sie am Fuß der Treppe stehen, bevor sie ins Bett geht.

Alice

20 Kommentare Gib deinen ab

  1. Myriade sagt:

    Sehr starkes Ende. Wow !

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    1. Danke dir 😊🙏 ein bisschen Klischee, aber was wären wir ohne die

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      1. Myriade sagt:

        Ja, aber die allgemeine Kenntnis des Klischees erlaubt dann auch wieder ein so starkes Ende … Alles hat mehrere Seiten- auch ein sehr wahres Klischee 😉

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      2. 😊🙏 das stimmt

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  2. books2cats sagt:

    Es gefällt mir sehr, was dir zu dem Bild eingefallen ist. Das Ende ist sehr gelungen. 👍

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  3. Nati sagt:

    Ach, du bist gemein….., lach….

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    1. Nö, realistisch 😂😂😂

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  4. ruhland99 sagt:

    Das mit dem Trauern kannte schon fast lustig sein. Ich habe das ‚mal live erlebt. Wir alle wussten Bescheid und die Ehefrau liess sich feiern – sorry, kondolieren.. Fataler Weise erbte die auch noch alles.

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    1. Das ist dann meistens so 😂 dass sie erbt. Witzig, dass du das mal miterlebt hast…

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  5. ruhland99 sagt:

    Traurig aber für den Hauptdarsteller. Ein wenig auch für mich – wir kannten und so ca. 60 Jahre und für so blöd hatte ich ihn wirklich nicht gehalten – er hätte ja wenigstens in seinem Letzten Willen auch teilen können..☺️☺️

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    1. Vielleicht war er am Ende doch Opfer der gesellschaftlichen Zwänge

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  6. ruhland99 sagt:

    Nee, der dachte wohl er würde ewig leben und hatte sich über „danach“ keine Gedanken gemacht.. Die Nummer zwei tut mir leid. Gereicht hätte es ja für beide und die hat ihn sogar irgendwie geliebt..☺️

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    1. Manchmal geht es schneller als man glaubt….schade für beide irgendwie

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  7. ruhland99 sagt:

    Monetär gesehen für die Nummer zwei aber viel mehr☺️ Ungerechte Welt!☺️

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    1. Ist sie, ohne Zweifel 😂

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  8. Ich habe das gerne gelesen und finde wie die Vorredner:innen auch das Ende sehr stark. Viele Grüße!

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    1. Ich danke dir 😊
      Liebe Grüße und einen schönen Abend
      Alice

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  9. Hach, Klischee hin oder her, das wahre Leben kann das. Die Weihnachtsfeier fehlt in meinem Mit-Erlebten. Das ist furchtbar. Die Tränen, das Glück, immer das dritte Rad sein, immer warten müssen, wieder ein wenig Glück, wieder Tränen, dann die Aussicht auf den Neuanfang und schließlich kneift er. Und man selbst sieht es irgendwie bereits kommen und kann nicht helfen, kann ihr nur zuhören.
    Starke Geschichte!
    LG, Veronika

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