Veröffentlicht in Schreiben

ABC-Etüde – Alles wie immer

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von Elke H. Speidel.

Sie sitzen unter den Forsythien, so wie immer. Gerade blühen sie gelb. Das verbessert die Optik ein bisschen. Etwas später im Jahr wird es nicht mehr so hübsch sein, sondern einfach grün. Und danach braun oder kahl, wahlweise.

Jeden Morgen kommt sie bei ihnen vorbei. Sie grüßt immer, schließlich sind es fast Bekannte. Manchmal kauft sie drei Kaffees statt einem, stellt den Träger bei ihnen ab, lächelt, nimmt sich ihren und geht weiter. Seit drei Wochen weiß sie, dass die Frau Ilse heißt und gerne drei Stücke Zucker in ihrem Kaffee mag. Der Mann hieße Fritz und trinke seinen Kaffee schwarz, hatte sie ihr über Zahnstummeln mit schalem Bieratem zugeflüstert. Aber der rede nicht mit jedem aus Gründen.

Seitdem gab es täglich Kaffee und manchmal auch ein Brötchen dabei. Ihre Freundin fand das lächerlich und verwies auf die staatlichen Institutionen und dass sie ohne ihre Hilfe sicher nicht erfrieren würden.

Und dann kam das Virus.

Sie hat seitdem genug zu tun, muss die Kinder zu Hause betreuen und nebenher Homeoffice machen. An den Forsythien kommt sie nicht mehr vorbei, außer sie fährt zum Einkaufen. Sie sieht sie dann durch das Autofenster. Sie hocken nebeneinander an der jetzt unfrequentierten Bushaltestelle und sind eng zusammengerückt.

Alle halten nun Abstand, sogar noch mehr als früher. Der Geruch ist unwichtig geworden, Fritz`Husten hält die Menschen fern und den speckigen Kaffeebecher leer.

Im Supermarkt packt sie eine Tasche extra und bevor sie in ihre Straße einbiegt, hält sie an der Forsythie. Sie öffnet die Tür einen Spalt und stellt die Plastiktüte auf den Fahrradweg. „Ilse“, ruft sie und winkt.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

12 Kommentare zu „ABC-Etüde – Alles wie immer

  1. Da muss ich echt schlucken. Ich habe mich das auch schon gefragt, wo die alle sein mögen, die keinen festen Wohnsitz haben und aus Gründen Probleme mit staatlichen Institutionen haben. Deren Anlaufstellen alle schließen mussten. Wo sind die hin, wie überleben die? Was ist, wenn es doch noch friert?
    Krise als Chance? Logisch. Weitermachen.
    Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane 😏🍷👍

    Gefällt 3 Personen

    1. In meiner Stadt dürfen sie jetzt auch tagsüber in die Übernachtungseinrichtung, eine weitere wurde eröffnet. Der Mobilarzt fährt weiterhin und die nächtlichen Helfer verteilen Lunchpakete. Zum Glück werden sie nicht vergessen.

      Gefällt 2 Personen

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