Veröffentlicht in Mal über mich, Philosophisches, Schreiben

Im Spannungsfeld

Ein Gespräch mit dem Therapeuten geht mir nicht aus dem Kopf. Da ging es um das Bestreben, optisch und auch sonst Unvollständiges vollständig zu machen. Wir denken uns den Rest und nehmen den als Realität.

Geht das nicht, entsteht eine unerträgliche Spannung. Ist kaputt, nicht ganz, unharmonisch, unerträglich. Er hatte dann auch einen Fachbegriff, den er mir mit wissendem Lächeln entgegenwarf. Kannte ich nicht, kann ich mir sowieso nicht merken. Wer wann wo das sagte, ist irrelevant für mein Leben. Und prompt ist da eine Lücke. Die Information bleibt unvollständig. Und doch fühle ich mich gut dabei.

Der Rest des Wissens reicht mir. Und auch ohne das tolle Wort voller Ypsilons und Has, kann ich es verstehen.

Die Welt mag glatt und perfekt, allerdings treffen die Attribute auf nichts zu. Wir bewegen uns dauerhaft in einem Spannungsfeld, das wir entladen möchten. Die Urteile, die wir treffen, vervollständigen wir, so sind sie zu ertragen. Einen Realitätsabgleich machen wir selten. Stimmt es nicht, dann ist es anders perfekt. Basta. Auch wenn es Scheiße ist. Ist ja auch schon mal was.

Bei dem anderen, was ich so mache, finde ich den Blickwinkel viel spannender. Was ist mit Kunst, mit Geschichten, mit dem, was uns vorgeworfen wird und wir zu verstehen suchen. Das Eisbergmodell drängte sich auf und wurde vom Expressionismus an die Seite geschubst. Weniger ist mehr. Denkt euch euren Teil. Der Betrachter ist zur Hälfte am Prozess beteiligt. Jeder macht es ganz, so gut er kann. Und das tut er mir einer Sicht aus seiner Welt.

Wer hier Kunst oder Philosophie studierte, wird jetzt müde lächeln. Grundstudium, erster Kurs, runtergebetet in einem gelangweilten Ton. Weiß doch jeder.

Ich habe Maschinenbau studiert. Da darf man nichts weglassen, sollte man besser nicht. So eine fehlende Schraube kann schon für diverses Ungemach sorgen. Und ein nicht berechneter Träger lässt auch mal den Himmel einstürzen.

Mut zur Lücke, möchte ich schreien, doch Unverständnis brandet mir entgegen. Konsequenzen drohen. Denkt euch den Rest, ist nicht machbar. Also dimensioniert man fröhlich vor sich hin, berücksichtigt Physik und Werkstoffkunde, rechnet den dummen Menschen mit hinein. Alles empirisch, wir haben Erfahrungswerte. Die Differentialgleichungen knallen uns Ergebnisse um Ohren, die geübt sind, die Lücken zu füllen.

Und am Ende bleibt eine Größe unbekannt. Ist das nicht spannend?

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

2 Kommentare zu „Im Spannungsfeld

  1. „Weniger ist mehr“ passt nicht im Maschinenbau, wie du mit dem Hinweis auf eine weggelassene Schraube deutlich machst.Trotzdem lässt sich das Denken von Kunst und Maschinenbau vereinen: „Was sich zuletzt erst lernen lässt, ist Einfachheit.“ Geniale Lösungen sind oft einfach. Ein geniales Werk in Kunst und Literatur bezieht die Rezipienten ein und macht sie zu Sinngebern. Ein Vertreter der theoretischen Physik arbeitete an einem Risencomputer in der Foschungseinrichtung Jülich. Der erzählte mir, viele Programme seiner Kollegen seien voller Datenmüll, angefangene Lösungswege, die zu nichts geführt hatten und einfach im Programmcode belassen wurden. Aber einige Programme seien wie Poesie.
    Lieben Gruß!

    Gefällt 3 Personen

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