Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten, Schreiben

Lesestunde

„Haben Sie das auch vollständig?“ Sie legt das zerfledderte Buch auf die Ladentheke und schaut den alten Mann an. „Wollen mal sehen“, sagt er und klappt seine Lektüre zu. Dann stützt er sich auf den Armlehnen des schäbigen Ohrensessels ab und drückt sich ächzend hoch. Mit der Linken greift er nach dem Stock, die Rechte tastet nach dem Buch. „Was haben wir denn da?“ Er rückt die Brille gerade und dreht das Buch, um den Titel zu lesen. „Soso“, lacht er, „ein Krimi. Der graue Tod, nicht gerade ein Bestseller. Na, da scheint jemand die Lösung raus gerissen zu haben.“

„Es tut mir leid, ich habe es erst zu Hause gemerkt. Es ist so spannend und jetzt weiß ich nicht, wer der Mörder war.“ Sie ringt die Hände und lächelt. „Einen Moment“, sagt er und hebt das Buch ein wenig höher. Dann schiebt er die Brille auf die Stirn und begutachtet mit zusammengekniffenen Augen die Reste der ausgerissenen Seiten.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie! Also das mit den Seiten waren nicht Sie, das ist die gute. Die schlechte ist, dass ich dieses Buch nicht noch einmal habe!“

„Also ich muss doch sehr bitten.“ Sie stützt die Hände in die Seiten. „Wenn Sie sich aus der Verantwortung stehlen wollen…“

Er hebt beschwichtigend die Hände. „Schon gut, schon gut. Ich tausche es selbstverständlich um. Suchen Sie sich einfach ein Neues aus!“

„Und wer war der Mörder?“

„Keine Ahnung!“

„Also habe ich mich jetzt ganz umsonst durch..“ Sie greift das Buch und blättert kurz „…289 Seiten gelesen, um am Ende nicht zu wissen, wie es ausgeht?“

„Scheint so!“ Er setzt sich wieder und stellt den Stock ab. „Suchen Sie sich einfach was aus!“

Sie senkt den Kopf und bleibt stehen während er sich sein Buch nimmt, umständlich bis zum Lesezeichen blättert und seine Brille gerade rückt.

„Damit bin ich nicht zufrieden. Besorgen Sie mir eine andere Ausgabe.“

Genervt legt er sein Buch ab und schaut sie über den Rand der Brille an. „Schau dich doch um, Mädchen. Das ist ein Antiquariat und nicht Woolworth. Das sind Bücher, die keiner mehr will. Leute bringen sie vorbei, ich kaufe sie ihnen ab und manchmal schenken sie sie mir auch. Und dann staube ich sie ab und stelle sie hier ins Regal, klebe ein Preisschild drauf und fertig. Ich habe keinen Einfluss auf meinen Bestand. Suchen Sie sich was Anderes aus.“ Dann liest er weiter.

„Ich will kein anderes, ich will wissen, wer der Mörder ist.“ Sie stampft mit dem Fuß auf und bleibt stur stehen.

Für eine Weile ignoriert er sie, liest einfach weiter. Irritiert betrachtet sie ihn, wie er bei jeder neuen Seite seinen Finger anleckt, sanft über die gelesene Seite streicht, dann die Hand in die Mitte des Buches legt und sich mit einem Seufzer wieder in den Text vertieft. Seine Lippen bewegen sich leise, ein kleiner Spucketropfen bildet sich auf seiner Unterlippe, den er beim Umblättern mit dem Zeigefinger abwischt, um ihn zu befeuchten.

Er hat seinen eigenen Rhythmus, liest und wischt wie ein langsames Metronom. Wäre sie nicht so verärgert, würde es sie amüsieren. So wird sie immer ungeduldiger.

Sie räuspert sich. Erst leise und als das keine Wirkung zeigt, etwas lauter.

Er legt das Buch ab. „Was?“

„Ich würde gerne wissen, wer der Mörder ist, bitte.“

„Sie haben keine Ahnung? Ich meine, Sie haben das Buch gelesen.“

„Also es könnte Devin gewesen sein oder Carl, aber Carl hat ein Alibi, das ihm die Haushälterin seines Chefs gegeben hat, weil er der verschollene Bruder ihrer Schwägerin war…“

„Stop!“, er muss lachen und schüttelt den Kopf. „Ich kenne das Buch nicht, aber vielleicht haben Sie ja Lust, den Mörder mit mir zu entlarven!“

„Wie meinen Sie das?“

„Kommen Sie, Kind, setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir, was passiert ist und welche Hinweise auf welchen Verdächtigen deuten. Und wenn wir gemeinsam nachdenken, finden wir es vielleicht heraus.“

Kurz zögert sie, dann stellt sie ihre Tasche ab, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich zu ihm. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen und gibt ihr ein Zeichen, mit der Erzählung zu beginnen.

„Aber bitte von Anfang an…“ sagt er und sie beginnt mit der Zusammenfassung der Geschichte.

Sie ist ein bisschen atemlos, als sie endet. Seine Augen sind immer noch geschlossen und für einen Moment hat sie den Eindruck, er ist eingeschlafen. Da öffnet er die Augen und schaut sie lächelnd an. „Und? Wer war es? Sie wissen es, sie wussten es die ganze Zeit!“

„Ich weiß es nicht! “ Sie schüttelt den Kopf . Dann stutzt sie und schaut ihn mit großen Augen an. „Doch, ich weiß es wohl!“ Sie ist auf einmal ganz aufgeregt und fuchtelt mit den Händen in der Luft herum. „Dass mir das nicht früher aufgefallen ist. Das Alibi… und die Mordwaffe… und wie er gefunden wurde. Da bleibt doch nur… Charly. Der Gärtner. was für ein Klischee.“

Sie lacht und er schaut sie anerkennend an. „Gratuliere. Sie haben Ihren ersten Mordfall gelöst.“ Er reicht ihr die Hand. „Ich bin übrigens Charly, aber nicht der da.“ Seine Hand winkt in Richtung Buch. „Ich bin nicht so gefährlich. Und mit wem hab ich das Vergnügen?“

„Sally. Mein Name ist Sally Meyer.“ Sie nickt und ergreift seine ausgestreckte Hand.

„Nett, Sie kennenzulernen.“

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

6 Kommentare zu „Lesestunde

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