Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Kaninchenzeit

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von meinereiner.

„Was für eine seltsamer Traum!“ Sie klappt ihr Buch zu und nimmt die Brille ab. „Wie kommst du denn auf sowas?“

„Keine Ahnung. Es war eben ein Traum. Vielleicht hat es was mit dem geplanten Abendessen zu tun.“ Sie legt sich auf das Sofa und betrachtet ihre Schwester nachdenklich.

„Ein sprechendes Kaninchen soll dir mitteilen, dass das geplante Abendessen eine schlechte Idee ist? Na klar! Du hast keine Lust darauf und willst mich so verunsichern.“

„Na ja“ Sie setzt sich auf und legt den Kopf schief. „Du hast deine komischen Kollegen eingeladen und es gibt Kaninchenbraten!“

„Was ist denn verkehrt an Kaninchenbraten? Ich esse das total gerne.“

„Ja klar, du isst auch kleine Kinder.“ Sie schüttelt den Kopf. „So ein Kaninchen muss geknuddelt werden, nicht gebraten. Und wenn du dem armen Tier das Genick gebrochen, es abgezogen und ausgeweidet, mit Thymian gewürzt und in die Röhre geschoben hast, werden sie ihm das Fleisch von den Knochen nagen.“

„Jetzt mach es nicht so dramatisch, ich werde ein Tiefgekühltes kaufen.“

„Was spielt das für eine Rolle? Dann hat es ein anderer getan. Aber du bist Schuld!“

„Weil ich im Supermarkt einkaufe? Wenn ich es nicht kaufe, tut es ein anderer.“ Sie zuckt die Schultern.

„Und dann muss ein neues geschlachtet werden. Nur wegen dir. Du bist Schuld an den zarten gebleichten Knochen in unserer Mülltonne!“

Ihre Schwester wird nachdenklich. „Ach hör doch auf!“

„Erinnerst du dich noch an Emil? Emil und Jolante. Ich war fünf und du warst sieben. Sie waren noch so klein und so weich.“

„Achje, ja, ich erinnere mich. Meine Güte ist das lange her. Emil hat immer in meinem Bett geschlafen und nachts den Bettpfosten angenagt.“ Sie seufzt und greift zum Telefon.

„Harry? Du, das Essen wird nichts. Ich hab die Grippe.“

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

14 Kommentare zu „ABC-Etüde – Kaninchenzeit

  1. Ha, jawohl! Sehr gut! Wenn es doch immer so einfach wäre. Wenn man eine emotionale Beziehung aufbaut, ist es viel schwerer, ein Tier als essbares Ding zu sehen, jedenfalls hierzulande.
    Danke dir dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀😼🍷👍

    Gefällt 3 Personen

  2. Da stecken viele Wahrheiten drin, vor allem im Sinne von “ wenn du es nicht kaufst, dann tut es ein anderer“.
    Gleiche Argumentation wie bei den Waffenlieferungen, akzeptieren von Mindestentlohnung, mit dem Auto fahren, in Urlaub fliegen, etc.

    Schön erfasst die Konfliktsituation.

    Gefällt 3 Personen

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