Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

Idee 3/70 – Puppenstuben

Es geht ihr schlecht. Seit Monaten läuft es im Job nicht, ihre Beziehung steht kurz vor dem Aus und sie hat mindestens fünf Kilo zugenommen. Sie würde gerne neu starten, die Zeit ein wenig zurückdrehen und ihre Fehlentscheidungen rückgängig machen.

Doch das Leben ist unbestechlich, es ist eben, wie es ist.

Sie wird noch einen Tee trinken gehen, nur Tee, keinen Kuchen. Irgendwo muss sie ja anfangen. Und sie wird zu Fuß gehen zu dem kleinen Café, von dem heute Morgen ein Flyer auf ihrem Schreibtisch lag. Sie schließt den Anorak, der ein wenig über den Hüften spannt, und zieht die Tür des Büros hinter sich zu.

Der Weg führt sie durch ein Altstadtviertel. Die Straßen sind eng und selbst an diesem sonnigen Wintertag fällt kein Lichtstrahl bis auf das Katzenkopfpflaster. Sie war noch nie hier, bewundert die kleinen windschiefen Häuser, die Geschäfte mit den urigen Auslagen.

Wie aus einer anderen Zeit, denkt sie. Hinter einem Lebensmittelladen, eingequetscht zwischen einem Friseur und einem Bestatter, entdeckt sie einen kleinen Spielwarenladen. Ohne viel nachzudenken, tritt sie ein und lauscht amüsiert auf die kleine Glocke, die über ihrem Kopf klingelt.

Eine ältere Dame kommt durch den Vorhang auf der Rückseite und nickt ihr freundlich zu. „Ich möchte mich nur umsehen“, sagt sie und geht andächtig zwischen den vollgepackten Vitrinen herum. Dinge, von denen sie nicht glaubte, dass sie noch verkauft werden würden, Blechspielzeuge, Holzpuppen und eine Puppenküche, die aussieht wie aus dem vorletzten Jahrhundert.

Vor einem viktorianischen Puppenhaus bleibt sie stehen. Ihre Finger gleiten über die sorgfältig geschnitzten Holzmöbel, die samtenen Vorhänge und den kleinen eisernen Ofen.

Sie dreht sich zu der Verkäuferin, die ihr unbemerkt gefolgt ist und nun genau vor ihr steht. „21,35“, sagt die und lächelt noch ein bisschen breiter. Sie schreckt ein wenig zurück und lacht dann: „Das ist doch nicht ihr Ernst!“ Sie hatte mit mehreren Hundert gerechnet, ein gutes Argument, es nicht zu kaufen. Doch 21,35 hat sie vielleicht noch im Portemonnaie. Sie nickt, kann gar nicht anders und geht zur Kasse.

Kein Cent bleibt ihr übrig und sie zahlt wie in Trance, nimmt das sperrige Paket in Empfang und geht.

Als sie die Wohnungstür aufschließt, kann sie sich nicht mehr an ihren Heimweg erinnern. Sie packt das Puppenhaus aus und stellt es auf die Anrichte. Die Puppenmöbel wickelt sie aus dem Seidenpapier und richtet ihr kleines Haus so ein, wie es in dem Spielwarenladen stand.

Auch zwei Personen sind dabei. Die Frau hat dunkle Haare, wie sie und sie grinst bei der Vorstellung, in so einem Haus zu wohnen. Kurzerhand räumt sie die Einrichtung wieder heraus und beginnt, die Möbel so zu arrangieren, wie sie es gerne hätte.

Im Obergeschoss richtet sie ein kleines Atelier ein, stellt sich vor, wie sie dort malen würde oder schreiben. Das Wohnzimmer möbliert sie um den großzügigen Kamin, stellt volle Bücherregale an die Wände. Eine Weile arbeitet sie konzentriert, dann nimmt sie die Personen und setzt sie in die Räume. Sie stellt sich vor, dass der Mann nicht ihr aktueller Freund ist, sondern ihre erste Liebe. Der, den sie verlassen hat, weil sie sich noch nicht reif fühlte für eine feste Bindung. Ihre erste Fehlentscheidung.

Was wäre wenn, denkt sie und schließt für einen Moment die Augen.

Als sie sie wieder öffnet, sitzt sie vor einer Schreibmaschine in einem lichtdurchfluteten Dachzimmer. Ihr Blick fällt auf ein kleines Puppenhaus, das neben ihr steht. Es ist schäbig. Billige Plastikmöbel füllen schmucklose Räume und eine pummelige Puppe mit einem seltsam unzufriedenen Gesicht sitzt auf dem Sofa.

Kurzerhand schmeißt sie es in den Papierkorb und wendet sich wieder dem Anfang ihres Romans zu. „Das Puppenhaus“ tippt sie und lächelt.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

5 Kommentare zu „Idee 3/70 – Puppenstuben

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