ABC-Etüde – Der Streusel

Zu den Etüden bei Christiane, Wortspende von ebendieser.

Er saß am Küchentisch. Der Kuchen vor seiner Nase duftete und er schloss die Augen. Die Erinnerung kam plötzlich. Die Küche seiner Oma, klein und rummelig, doch peinlich sauber. Immer lag eine zitroniger Hauch von Schmierseife in der Luft. Die weißen Vorhänge vor den Fenstern. Der Blick in den Garten auf den alten Apfelbaum, bei dessen Erstbesteigung er sich das erste Mal den Arm brach. Ihre warmen, kräftigen Hände, wie sie den Hefeteig bearbeitete und ihn über den Rand ihrer Brille anlächelte.

Eine Bilderbuchoma in einer Bilderbuchkindheit. Er liebte sie und das nicht nur, weil sie ihn nicht herumkommandierte, wie sein Vater es tat, er sich bei ihr nie mickrig, sondern groß und vernünftig fühlte. Sie hatte so einen Blick, in dem immer tiefe Zuversicht und Vertrauen lag.

Und wenn sie plötzlich, meist mitten aus der Handlung heraus, innehielt, ihre mehligen Hände sanft um sein Gesicht legte und ihm lächelnd in die Augen sah, dann war er zuversichtlich, dass alles gut werden würde, immer.

Vor fünfzehn Jahren erinnerte er sich, hatte er in dieser Küche gesessen und sie beim Backen beobachtet. Der Vater hatte beschlossen, dass sie in den Skiurlaub fahren und er deshalb in den Osterferien nicht zu ihr, sondern in so ein Luxuskaff in den Bergen fahren sollte.

Er erzählte und sie hatte nur kurz innegehalten, für einen Moment ruhten die Hände in dem weichen Teig und er sah das kleine enttäuschte Aufblitzen. Doch dann lächelte sie schon wieder, rollte den Teig aus und streute großzügig Streusel darüber.

Als sie aus dem Urlaub wiederkamen, war sie nicht mehr da. Herzinfarkt sagten sie, da könne man nichts machen.

Er seufzt und öffnet die Augen. Langsam bricht er einen dicken Streusel vom Kuchenrand, er duftet nach Zimt und Butter.

Alice

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Traurig, aber sehr schön!

    Liebe Grüße,
    Werner

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    1. Danke dir, Werner
      Ja, ist leider der Lauf der Zeit
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

  2. Die Zeit mit Großeltern kann so schön sein. Diese Lebenserfahrung, und dass sie einfach Zeit haben.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ulli sagt:

    Eine herzwärmende Etüde hast du geschrieben. Solche Großmütter sind mit nichts zu bezahlen und es bleibt ein Leben lang eine kleine Wehmut, aber auch ein großer Platz im Herzen, in dem man selbst wieder klein und die Großmutter noch da ist).
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich danke dir. Leider hatte ich keine solche, zumindest nicht bewusst, da sie früh starb. Aber so wäre sie gewesen, wenn ich sie noch erlebt hätte…

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  4. Christiane sagt:

    Sie hat, wie soll ich das sagen, den Samen in ihm gelegt, dass er sich selbst mit Liebe begegnet. Er kann trauern, er kann genießen. Er begegnet der Welt anders als (scheinbar) sein Vater.
    Schön ist deine Etüde und tief. Danke.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

    Gefällt 4 Personen

    1. Ich danke dir für deine Worte 🙏😊

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  5. Katharina sagt:

    Klingt wirklich nach einer perfekten Oma, daher ist das Ende natürlich umso trauriger.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 2 Personen

    1. Naja, alte Leute sterben irgendwann. Natürlich ist das bei einer perfekten Oma trauriger als bei einem Drachen. Doch sie hat ihm was mitgegeben, was über den Streusel hinausgeht 😉

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  6. Lopadistory sagt:

    Wunderbare Geschichte. Toll etzählt Danke.

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    1. Ich danke dir 🙂

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