Veröffentlicht in 365 Tage

Tag 310/365 – Volles Programm

Der Tag beginnt ruhig, so dürfte es häufiger sein. Die gestrige Erschöpfung ist einer Erkenntnis gewichen, die ein wenig beflügelt. Ichmirmich ist kein schlechtes Konzept.

Die als Kind erworbene übergroße Empathie, das Bestreben, es allen in meiner Umgebung gut gehen zu lassen, das Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse, mag für bestimmte Situationen okay sein, die Konzentration auf die eigenen Wünsche ist jedoch ebenso wichtig.

Wurde ich in der Vergangenheit genötigt, allzu viel zurückzustecken, wurde ich zuerst ärgerlich und irgendwann stellte sich eine unterschwellige Wut ein. Ich schämte mich deshalb, hielt mich für einen schlechten Menschen und eine schlechte Mutter.

Dass mir der Gegenpol fehlte, war mir bis heute nicht wirklich bewusst. dass nur aus Selbstzufriedenheit heraus gegeben, verschenkt werden kann, wusste ich zwar theoretisch, konnte es aber nicht umsetzen.

Jede Nische, die ich mir nahm, war mit leichten Schuldgefühlen bekleckert, die alles viel verkrampfter, viel anstrengender machten und die erhoffte Entspannung ausblieben ließen.

Ich habe das Gefühl gekostet und es schmeckt süß. Und – was ich kaum erwarten durfte – die anderen sind zufrieden damit.

Der Tag hat ein volles Programm. Ein Bekannter schlachtet heute und nach dem Arbeitstag darf ich noch Fleisch einsammeln. Die Gefühle sind gemischt, denn just jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, werden zwei wunderschöne Rindviecher getötet.

Andererseits weiß ich, dass sie mehr als einen Sommer auf der Weide standen, dass es ihnen so gut ging, wie es einem Tier, dass zum Sterben aufgezogen wird, nur gehen kann. Ich weiß, dass sie einen Namen hatten und gestreichelt wurden, dass sie mit ihren Kumpels spielen konnten und vernünftiges Futter bekommen haben.

Wir essen nicht mehr viel Fleisch. Und wenn es heute Abend Burger gibt, dann freue ich mich darüber, dass es einfach gutes Fleisch ist und kein billiges Industrieprodukt.

Der Rest des Tages ist mit kleinen Interimsaufgaben gespickt und ich hoffe, dass ich heute zu mehr komme, als zwei schnell getippten Blogbeiträgen. Ich hoffe, dass meine Kundschaft heute gute Laune hat und wir neben der Arbeit Spaß haben werden. Und dass ich meine Flügelchen endlich aus dem Korsett hervor bekomme. (Und dass mir meine realen Korsetts bald wieder passen, aber das ist eine andere Geschichte 🙂

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

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