Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Extraetüden – Drehwurm

Zu den Etüden bei Christiane.

Das Haus dreht sich – mal wieder. Für einen Moment bleibt sie still sitzen, versucht die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Ein variables Haus hatte ihr Mann damals gejubelt und der Architekt hatte fett gegrinst, als der Vertrag unterschrieben wurde. Ihr verursacht der Schnickschnack nur Magenschmerzen.

Der Hund reicht ihr ein Glas Wasser. Wie immer schaut sie ihn einen Moment irritiert an. Dann begreift sie wieder, dass es ja kein echter Hund ist sondern der All-inclusive Rodog 3000. Er putzt auch. Unwillkürlich muss sie grinsen und versucht nun doch aufzustehen. Auf dem Weg zur Küche verschieben sich die Wände. Nein, sie will jetzt nicht ins Bett, das Schlafzimmer darf gerne am anderen Ende des Hauses bleiben. Diese beschissene Gedankenleserei geht ihr auf die Nerven. Sie hat Füße und auch, wenn sie ein wenig müde ist, möchte sie jetzt in die Küche.

„Küche!“, denkt sie angestrengt und schließt für einen Moment die Augen. Die wabernden Wände verstärke das unangenehme Ziehen im Magen.

Als sie die Augen öffnet, steht sie im Arbeitszimmer. Na gut, dann eben arbeiten. Sie setzt sich an den Schreibtisch und hofft, dass die Karussellfahrt bald beendet ist. Auf dem Bildschirm blinken verschiedene Nachrichten. Sie wischt sie uninteressanten mit einem Gedankenwink beiseite und betrachtet den Bildschirm.

Ihre Gefühle beim Hauskauf waren ambivalent. Natürlich wollte sie ein modernes Zuhause, energiesparend, chic, bequem. Doch sie wollte sich nicht vollständig der Technik hingeben. Sie wollte auch noch selber denken und handeln können.

Sie öffnet den Roman, den sie gerade schreibt. Ihre Gedanken formulieren Sätze, die vor ihren Augen das virtuelle Papier beflecken. Doch es wird nichts. Sie spürt, dass hinter ihr wieder die Wände wandern. Es macht sie verrückt, dass nichts so bleibt, wie es ist.

Manchmal war sie in den letzten Wochen in der alten Bibliothek. Die soll bald abgerissen werden und die Frau, die dort arbeitet wird in die neue integriert. Die alten Bücher werden mit vernichtet. Es sei ja alles digitalisiert, da brauche man die Staubfänger nicht mehr.

Sie hat ein wenig geschmökert und sich in einer Geschichte verloren, die zur Zeit ihrer Großeltern spielte. Und eine unbestimmte Sehnsucht ergriff sie. Sehnsucht nach der guten alten Zeit, wo Zimmer noch Zimmer waren und ein Haus ein Zuhause.

Die Wände schnurren schon wieder hinter ihr und das ganze Haus dreht sich erneut. Ihr wird wieder übel.

Ihr reicht es. Sie packt ein paar Sachen zusammen und wünscht die Haustür herbei. Seltsamerweise klappt es beim ersten Anlauf.

An der Tür löst sie die Notsicherung, schaltet mit einem Pin den Sicherheitsalarm aus und denkt „Feuer“.

Es dauert ein paar Minuten, dann hört sie leises Knistern aus dem Inneren des Hauses, leichter Rauchgeruch steigt ihr in die Nase und sie lächelt zufrieden.

Ihrem Mann schreibt sie „Verzeih mir, es war eine Verzweiflungstat“, dann schmeißt sie das Handy weg und geht zu Fuß aus der Stadt.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

30 Kommentare zu „Extraetüden – Drehwurm

  1. Sehr coole Idee! Das hat ein klein bisschen was von HAL9000… stell dir vor, dein Haus würde auch noch mit dir reden und dir Sachen sagen wie: „Hast du heute schon deine fünf Portionen Obst gegessen? Ich hab nachgesehen – im Kühlschrank hat sich nichts verändert… “ Huah!!

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