Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Psychokram

Tag 261/365 – Unvorbereitet

Das Leben ist wie eine Klassenarbeit, für die ich nicht vernünftig gelernt habe. Das ist von mir, wahrscheinlich, vielleicht habe ich es aber auch irgendwo gelesen und abgespeichert.

So fühle ich mich häufig. Egal, was ich bedenke oder zu antizipieren versuche. Ich scheitere, muss scheitern, weil ich nunmal kein Schachspieler bin, der den zwanzigsten Zug vorausahnen kann, sondern spätestens beim zweiten staune, was der oder die oder das Leben so ganz allgemein sich wieder für mich ausgedacht hat.

Mir macht das Angst. Einer der Gründe, warum ich immer die Kontrolle haben möchte. Was ist denn, wenn ich im Ernstfall eben nicht passend reagiere, sondern versage. Und am Ende kommt jemand zu Schaden oder ich und vielleicht bricht das ganze System zusammen.

Ab und an ertappe ich mich dabei, dass ich versuche, die Verantwortung abzugeben. Soll der oder die sich doch darum kümmern. Leider entlastet mich das nicht, weil es dann auch nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Sondern anders und manchmal muss ich dann mit einem fremden Kartendeck spielen.

Dabei hat mich die Erfahrung gelehrt, dass ich eigentlich ganz ordentlich reagiere, viele Antworten kenne auf ungestellte Fragen. Und, dass es meistens gut ausgeht.

Dennoch hat mich dieses unvorbereitete Gefühl im Griff. Während des Studiums habe ich gearbeitet wie ein Tier. Mut zur Lücke hatte ich nie. Das Ergebnis war zwar beeindruckend, ich mit meiner Energie aber häufig an der unteren Grenze. Spaß macht das nicht, auch bei guten Ergebnissen.

In Krisensituationen habe ich mich noch nie panisch oder handlungsunfähig erlebt, eher das Gegenteil ist der Fall. Und trotzdem drehe ich ab, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Das macht mir meinen Job nicht leichter und erklärt möglicherweise aus den hohen Stresspegel, den ich vorher habe. Läuft das Spiel, mag ich es. Nur im Vorfeld bin ich nervös und angespannt. Ein wenig wie Lampenfieber.

Kann man das eigentlich? Sein Leben im Griff haben? Es gibt so entsetzlich viele Unwägbarkeiten, die man sich weder vorstellen kann noch möchte. Vorbereiten geht schon mal gar nicht.

Mir fällt meine Oma ein. Am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, war sie in beiden Kriegen großen Schwierigkeiten ausgesetzt, erlebte Besatzung und Vertreibung. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie immer ruhig blieb und eine Lösung fand. Auch, wenn es keine gab. Gottvertrauen hatte sie und die Gewissheit, dass da nichts auf sie zukommt, was sie nicht irgendwie schaffen kann.

Meine Eltern waren das genaue Gegenteil. Jedes noch so kleine Problem löste Panik aus. Jede Lebensherausforderung war zu viel. Keiner von beiden glaubte tatsächlich daran, mit dem Leben klarkommen zu können. Sie weigern sich bis heute, Verantwortung zu übernehmen, verstecken sich lieber und drehen durch, wenn es gefordert wird. Starke Großmütter, schwache Eltern.

Was macht das jetzt aus mir? Das Leben ertappt mich immer unvorbereitet, meine Schüler erwischen mich auch gelegentlich auf dem falschen Fuß. Alles kann ich nicht wissen, werde ich auch nie.

Doch ich kann entspannt bleiben und darauf vertrauen, dass es eine Antwort gibt, auch wenn ich sie nicht sofort weiß. Dann muss ich eben ein wenig nachdenken oder um Hilfe bitten.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

5 Kommentare zu „Tag 261/365 – Unvorbereitet

  1. „Unvorbereitet“,ich kenne dieses Gefühl, an alles gedacht oder doch nicht? Wir können nicht alles kontrollieren, ich glaube die Hohe Kunst besteht darin effektiv auf neue Situationen zu reagieren. Nicht wie die Maus vor der Schlange sondern mit der Stärke auch das werde ich schaffen. Deine Oma war wohl so ein Mensch…ich glaube das wird uns angeboren. Ich weiß nicht, ob man so eine Stärke entwickeln kann.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich empfinde dich als sehr stark, gerade mit diesen Selbstzweifeln und weil du dich ständig hinterfragst. So ähnlich geht es mir auch, aber immer mit fester Zuversicht und ohne das Kontrollstreben, das sicher aus deinen Kindheitserfahrungen resultiert. Da dir dies jedoch bewusst ist, kannst du demnächst sicher damit abschließen, diese Erfahrungen loslassen.
    Nur so ein spontaner Gedanke: Ich habe viele Kinder erlebt, die bei der Feststellung, anders, klüger als ihre Eltern zu sein, unbewusst ein Gefühl von Illoyalität entwickelten und dadurch gegen ihre Natur, ihre Fähigkeiten handelten oder diese sabotierten. Vielleicht findet bei dir etwas Ähnliches statt.
    Ich werf das mal so in den Raum, obwohl ich mich schon wieder als übergriffig empfinde.

    Gefällt 1 Person

    1. Du bist nicht übergriffig, ich habe den Text ja selber eingestellt und möchte auch Kommentare und Gedanken dazu lesen. Das, was du beschreibst, passt sogar sehr gut und ich nähere mich den Ursachen.
      Danke für deine Gedanken dazu und ganz liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

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