Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Abc-Etüde – Das Puppenhaus

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler.

Es war ihr größter Wunsch gewesen seit sie sich kannten. Heute morgen war es geliefert worden. Seine Gefühle diesbezüglich waren durchaus ambivalent. „Kinderspielzeug“, dachte er. Doch Wünsche waren dazu da, erfüllt zu werden.

Auf seiner Dienstreise wurde er in einem kleinen Trödelladen fündig. Es war perfekt und es störte ihn nicht, dass es seinen halben Monatslohn kosten sollte. Er hätte einen Finger hingegeben, wenn es sie glücklich machte.

Er platzierte es auf der Anrichte, da sähe sie es nach der Arbeit sofort. Vorsichtig packte er die filigranen Möbel aus und stellte sie in die kleinen Räume. Eine viktorianische Villa mit einer kompletten detailgetreuen Einrichtung. Auf einmal konnte er ihre Faszination verstehen. Der Herd war aus Metall und wirkte so, als könnte man tatsächlich ein Feuer in ihm entzünden. Das Geschirr, winzig klein, war aus echtem Porzellan. Er deckte den Küchentisch und legte sogar eine hauchzarte Tischdecke auf.

Die feinen Details erinnerten ihn an seine Dampfmaschine Sie war ein Weihnachtsgeschenk gewesen und als sie kaputt ging, drohte er seinen Eltern eine Vezweiflungstat an, wenn sie sie nicht reparieren ließen.

„Doch kein Kinderspielzeug“, lächelte er und wickelte sorgsam die Figuren aus. Die Köchin, eine korpulente Dame mit weichen Locken, schaute ihn missmutig an. Er stellte sie an den Herd und schob ihr einen winzigen Kochlöffel in die Hand. Auch die anderen Puppen wirkten sehr lebensecht und er kreierte Szenen, veränderte und schob, bis er zufrieden war. In Gedanken spazierte er durch die Räume, unterhielt sich mit der Tochter, die auf einem Schaukelpferd saß. Fast meinte er sie antworten zu hören.

Sie öffnete die Wohnungstür und warf Jacke und Tasche auf einen Stuhl. „Liebster?“ Erstaunt blieb sie vor dem Puppenhaus stehen. Das musste die angekündigte Überraschung sein. „Wo steckst du?“

Neugierig beugte sie sich vor. Eine Figur im Kinderzimmer kam ihr bekannt vor.

Alice

Werbeanzeigen

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

20 Kommentare zu „Abc-Etüde – Das Puppenhaus

  1. Das finde ich schön. Meine Mutter hatte mal eine Puppe, da habe ich irgendwann (in Zeiten vor Ebay und Co.) mal ein Replikat gefunden – echter Nachbau, kein Original aus ihrer Kindheit, aber gleiche Firma -, das saß bis zum Ende eines gewissen Schrankes immer an der selben Stelle, und alle, die in die Wohnung kamen wurden von dieser Puppe beäugt und bekamen den Hinweis, dass sie so eine als Kind hatte.

    Gefällt 2 Personen

      1. Ich konnte Puppen nie ausstehen. Allerdings habe ich vor einigen Jahren in einem meiner Blogs mal ein ziemliches Fass darüber aufgemacht durch Glück und liebe Menschen an eine Bastelbuchreihe aus meiner Kindheit gekommen zu sein. Und jetzt darf ich sogar daraus basteln (durfte ich als Kind nicht, weil basteln laut meinen Eltern Dreck macht und unnütz ist).

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s