Tür zu

„Lasst mich in Ruhe“, brüllte er und schlug die Tür hinter sich zu. Das knallte. Das tat gut. Das Geräusch ließ seine Wut sofort verebben. Jedesmal war das so. Ein Knall und es war okay.

Fast musste er grinsen, wenn er an die verstörten Gesichter auf der anderen Seite der Tür dachte. Auch mit einer Glastür hatte er das schon mal gemacht. Die Folgen waren fatal und teuer. Die Versicherung weigerte sich, zu zahlen und er musste die verfickte Scheißtür selber blechen.

Dabei waren sie doch selbst schuld. Was mussten sie auch dauernd an ihm herumkritisieren. Er wusste, was Sache ist. Und sie nicht.

„Unerträglich“, dachte er und hatte das Gesicht seiner Assistentin vor Augen, die schon wieder seine Termine durcheinander gebracht hatte. „Ätzend“ als er das leutselige Gesicht seines Chefs vor sich sah, der sich konfliktscheu in seinem Büro verschanzte.

Sie konnten ihm nicht das Wasser reichen. So war es und nicht anders.

Er stieg langsam die Treppe hinunter, überlegte, was er als nächstes tun sollte. Ein Kaffee wäre nicht schlecht, beschloss er und öffnete die schwere Glastür am Ende des Treppenhauses. Seine bevorzugte Bude war auf der anderen Straßenseite.

Wie immer schloss er die Augen halb und setzte den ersten Fuß ungeachtet vom Straßenverkehr auf den Asphalt. Einer hupte und fuhr einen abenteuerlichen Schlängel um seinen Fuß, einer bremste. Er grinste und ging betont langsam zwischen den Wagen hindurch. Das Hupkonzert störte ihn nicht. Es war wie Applaus.

In der kleinen Kaffeebude herrschte reger Betrieb. Vor der schmalen Theke drängelten sich die Banker aus dem Viertel, das Handy am Ohr winkten sie der Bedienung, brüllten Aktienkurse und Anweisungen an nicht sichtbare Zuhörer. Die Luft war dick. Über den teuren Eau de Colognes legte sich der feine Kaffeeduft. Aber eigentlich war er nur wegen ihr hier.

Sie arbeitete erst seit wenigen Wochen hier, stellte sich gut an dabei. Fast die Schnellste war sie inzwischen und immer nett, immer lustig und mit einem Scherz auf den Lippen. Er wollte sie einladen, heute Abend, wegen seines Erfolges, den die da oben für keinen hielten. Was wussten die schon.

Er schob die Bankerjungs beiseite, ignorierte ihr Gemaule und ihre snobistischen Pöbeleien, baute sich breitbeinig in der ersten Reihe auf und suchte ihren Blick.

Sie sah ihn zuerst nicht, kämpfte gerade mit der Kasse, deren Elektronik mal wieder was anderes wollte als sie selbst. Dann hob sie den Blick, wischte die schweißfeuchten Haare aus ihren Augen und sah ihn freundlich an. „Ja bitte?“ Hinter ihm wurde es lauter, vordrängeln war verpönt in den Kreisen derer, die sich nur mit Ellenbogen auskannten. Doch er ließ sich nicht beirren. „Ich hole dich um acht zum Essen ab!“ teilte er ihr mit.

Ihre Augen verengten sich für einen Moment, dann schlich sich eine Portion Distanziertheit in ihren Blick und sie sagte schlicht „Nein“. Sie hob den Block, wie um ihm beizubringen, dass hier an dieser Stelle das Private endete und sie die Kaffeefrau war und er der Kunde, nicht mehr und nicht weniger.

Er erstarrte, aber nur für einen kleinen Moment. Dann drehte er sich um und verließ unter dem Gejohle der anderen Kunden die kleine Kaffeebude. Vorsichtig, ganz ruhig schloss er die Tür hinter sich und wandte sich seinem Bürogebäude zu. Am Treppenabsatz kam ihm seine Assistentin entgegen, die ihm einen Umschlag überreichte. „Tut mir leid“, nuschelte sie und verschwand im Gebäude.

Er glaubte ihr nicht. Es tat ihr nicht leid. Und er glaubte auch nicht an das Nein der Kaffeetussi in dem verdreckten Laden. Sie würde wahrscheinlich den Besitzer ficken, sonst würde die doch keiner nehmen.

Er wandte sich um und ging die Straße entlang. Die Kündigung warf er in den nächsten Papierkorb. Er hob das Kinn wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Es darf mal schief gehen, doch wissen darf es keiner. Seine Aktentasche stand noch im Büro. Für einen Moment überlegte er, sie zu holen. Doch der Gedanke war banal. Für ein Frühstücksbrötchen und die Tageszeitung würde er sich nicht die Blöße geben, an der Rezeption vorzusprechen. Er war raus und das war gut so. Und die Tussi war sowieso unter seinem Niveau.

Die Schritte wurden größer, er nahm Tempo auf. „Niemand kann dich aufhalten“ dröhnte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Er walzte durch die Menschenmenge, drückte zur Seite, was sich ihm in den Weg stellte, schubste, rempelte, kämpfte sich seinen Weg frei.

Er war wer. Etwas Besonderes. Etwas, was die Idioten da oben niemals kapieren würden. Seine Zeit würde bald kommen. und dann würden sie schon sehen. Seine Kraft. Seine Macht. Niederringen würde er sie. Im Staub würden sie wimmern zu seinen Füßen. Er blieb stehen und lachte.

Der Kreis, der sich um ihn gebildet hatte, nahm er nicht wahr. Als sie ihn in Gewahrsam nahmen und ihm Handschellen anlegten, blickte er irritiert auf seine blutige Hand und das Messer.

Sein Vater hatte es ihm geschenkt, fiel ihm ein, als sie ihn in den Wagen setzten.

Dann fiel die Tür hinter ihm zu.

Alice

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Michi sagt:

    Was für eine Wendung… 👍👍

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  2. Mindsplint sagt:

    Super gut geschrieben, spannend bis zur letzten Zeile, Kompliment! 🙂

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  3. dergl sagt:

    Da hast du – wie ich finde – recht gut jemand mit antisozialer Persönlichkeit (ob der in das Diagnosekriteriensraster für die Störung fallen würde weiß ich ad hoc nicht, deswegen sage ich nur Persönlichkeit und nicht Persönlichkeitsstörung) getroffen. Es gibt da so einige Fälle, die sich „Weil Vatter hat ja gesagt…“ für sonst was halten. In leichten Fällen, fallen die dann nur bei der Berufsberatung auf die Nase, wenn sie merken, dass „Ich bin der Sohn von XY“ keine Qualifikation ist, in schwe(re)ren Fällen endet es dann schon mal so wie in deiner Geschichte, deren nächste Station die Psychiatrie (zumindest zur Begutachtung) sein dürfte. Kommt drauf an, ob er wirklich zugestochen hat oder ob das noch verhindert werden konnte.

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    1. Ich kenne ein Vorbild für diesen Mann und es endete glücklicherweise ohne Blutvergießen.
      Liebe Grüße
      Alice

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      1. dergl sagt:

        Dann hat man Glück gehabt.

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  4. igelisfrau sagt:

    Hab nen passenden Song zum Thema für Dich:

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