Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich

Tag 229/365 – Frühstück mit Manson

Sollte das bevorzugte Filmprogramm Rückschlüsse zulassen auf den Charakter, gibt es in meiner Seele wohl einen dunkelschwarzen Fleck. Schon als Kind schlich ich mich aus dem Bett ins Wohnzimmer, wenn Erik Ode den Kommissar gab. Mit süßem Erschauern verfolgte ich Morde und Ermittlungen und nur das Kekskrümelgeräusch hinter dem Sessel entlarvte mich damals und brachte meine Eltern auf die Spur. Derrick, der Alte und Tatort folgten. Francis Durbridge Krimis ließen mich Verabredungen mit Freunden canceln. Frenzy von Hitchcock brachte dann den Durchbruch und ich war dem Psychothriller vollends verfallen.

Psychopathen, Soziopathen, zumindest mit der Sicherheit der Mattscheibe zwischen mir und ihnen, kann ich kaum genug davon bekommen. Leichte Ausflüge in die Randgebiete von Horror und Mystery folgten, Twin Peaks war meine erste echte Seriensucht und auch heute bekomme ich bei der Titelmusik noch eine Gänsehaut.

Was macht diese kranken Geister so faszinierend? Im realen Leben möchte ich ihnen so wenig wie möglich begegnen. Statistisch gesehen sind ca. 1% der Bevölkerung Psychopathen. Dabei fallen nur etwa die Hälfte von ihnen durch kriminelles Verhalten auf, die andere Hälfte bevölkert Firmenvorstände. Empathiefreiheit und rücksichtsloses Verhalten können bei der Karriere ganz hilfreich sein.

Sie sollen einen ganz eigenen Charme haben, Menschen gut um den Finger wickeln können, sicherlich ist jeder von uns schon mal einem begegnet.

Sie aus dem Verkehr zu ziehen, ist eine wichtige Aufgabe, egal ob sie kriminell geworden sind oder einfach nur auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter nach oben kletterten. In meiner Familie wird erzählt, dass der Nachbar meines Patenonkels, seines Zeichens Kommissar und Suchhundetrainer mit einem seiner besten Hunde in die USA geflogen ist und den Boston Strangler aufspürte. Ob da was dran ist, weiß ich nicht. Aber den Polizisten gab es wirklich, mein Pate hatte immer Hunde aus seiner Zucht und die Zeit kommt auch hin.

Aber ich schweife ab, was natürlich auch daran liegen kann, dass gestern eine halbe Serienstaffel dran glauben musste und ich noch an meiner ersten Kaffeetasse klebe. Mindhunter stellt die ersten Jahre des Profilings nach und wenn ich mich für einen Traumjob entscheiden könnte, wäre es sicherlich die Mitarbeit in so einem Team.

Vielleicht im nächsten Leben. Bis dahin bemühe ich mich, den Psychopathen in meinem direkten Umfeld auszuweichen und sie frühzeitig zu erkennen. Geschult bin ich durch meine Filmleidenschaft hoffentlich genug.

Alice

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Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

14 Kommentare zu „Tag 229/365 – Frühstück mit Manson

  1. Filme sind nicht unbedingt gutes Schulungsmaterial, weil eben viele Psychopathen (und auch andere Menschen mit psychischen Diagnosen) sich völlig anders verhalten, als das was man mit viel Film schauen zu erspüren erlernt. Außerdem können sich sehr viele schwer psychisch kranke Menschen zeitweise sehr normal verhalten, dass du selbst geschult nichts merkst. Fachleute sind an meinen Eltern (beide mit F-Diagnosen gemäß dem ICD-10) gescheitert, unter anderem deshalb weil mein Vater überhaupt nicht so wirkt wie einer, der „gern“ Leute absticht (oder es versucht) und mir haben Leute fünf Minuten vor der Totaleskalation mit meiner Mutter, als ich noch versucht habe Eskalationen zu verhindern, gesagt, ICH würde spinnen. Hinterher alle ganz kleinlaut bei der Polizei etc. Abgesehen davon: Du weißt nie – egal ob durch Film oder Schulung – ob die Diagnose, die du zu sehen meinst wirklich zutrifft und dadurch bist du anfällig für Fehler, Profiler ist also wahrscheinlich nur von außen spannend und faszinierend.

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    1. Mir ist klar, dass die Gefahr dieser Menschen darin besteht, dass man sie eben nicht so einfach erkennt, sonst würden sie es wohl kaum in die Vorstände schaffen.
      Deine Geschichte ist eine wirklich schreckliche Erfahrung, das sollte kein Kind erleben müssen. Mein Vater ist einer von denen ohne Diagnose, aber mit einer ganz eindeutigen Störung. Vielleicht fasziniert mich die Idee des Erkennenkönnens aus diesem Grund. Ein kindlicher Wunsch, die Welt vor solchen Typen zu schützen.
      Liebe Grüße

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      1. Den Wunsch haben wir alle, schon alleine weil die Antennen, die man entwickelt ja irgendwo zu gut sein müssen. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass das ein beruflicher Bereich ist, dem es ähnlich geht wie dem Sozialbereich, und viele Menschen aus „belasteten“ Familien gerade wegen ihrer Antennen dahin streben. Die machen das mit den besten Motiven, es geht aber oft schief. (Was auch wieder ein Grund sein kann, um davon fasziniert zu sein, die kindliche Hoffnung Mir passiert es nicht, ich mache es vielleicht besser, und am Ende fallen die Leute doch.)

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      2. Der Anteil derer, die Ähnliches erlebt haben, wird immens hoch sein, da stimme ich dir absolut zu. Doch gerade die in der Kindheit ausgebildeten Antennen und die Motivation, solche Monster zu erkennen, kann, bei einem reflektierten Umgang damit, dazu führen, dass derjenige eben gut in diesem Job ist. Ist zweischneidig, dessen bin ich mir bewusst. Gerade im sozialen Bereich habe ich das schon häufiger erlebt. Manchmal ist es gut, dieses Leid zu kennen, manchmal fatal. Kommt auf den Umgang des Menschen mit seinem Trauma an.

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      3. Gibt es. Dass die Leute gut sind, kann aber auch nur ein Überlebensmechanismus sein, der abgespult wird. Ich habe in den letzten 16 Jahren hunderte solcher Leute getroffen und auch Ausbildungsklassen für soziale Berufe von innen gesehen, wo nur Leute aus Stressfamilien saßen, die das alles nicht bearbeitet hatten. Meine Erfahrung ist eher, dass Leute, die das bearbeiten sich mit Händen und Füßen gegen den Sozialbereich wehren, weil schon Kolleg*innen, die irgendwas kompensieren müssen – arg triggernd sein können. Aus mir wollte man von Amts wegen mal eine Erzieherin machen, von daher habe ich mehrere Klassen gesehen. Und du glaubst nicht wie viele Assistenzpersonen, die mir von amtswegen zugetragen wurden, sich in ihrem Job als extrem gut befunden haben, aber nur Mechanismen abgespielt haben und sofort aus der Spur waren, wenn mal etwas von ihrer Erwartung abwich. Besonders Frauen.

        Die beiden, die ich jetzt habe (Männer), sind auch Söhne aus Trinkerfamilien, aber die arbeiten seit jeweils etlichen Jahren in Selbsthilfegruppe und haben jeweils noch einen anderen Beruf zum Ausgleich, der in einem Fall nichts mit sozial zu tun hat. Da merkt man, die sind behandelt, die erkennen Grenzen an und anderes, das eben viele, die wegen ihrer Antennen in den Bereich gehen gar nicht erst berücksichtigen. Viele, die wegen der Antennen in den Bereich gehen, sind extrem übergriffig, das fällt aber oft weder ihnen selber noch von außen gesehen auf, weil die glauben, dass das normal ist.

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      4. Das ist ein sehr schwieriges Thema, da stimme ich dir absolut zu. Unbehandelt zu versuchen, sich selbst über die Rettung anderer gesund zu machen, muss scheitern. Wir hatten mal so eine Sozialarbeiterin, die man niemals auf andere hätte loslassen dürfen.
        Ich halte mich nicht ohne Grund vom sozialen Bereich fern. Mein Kontakt damit hat mich an meine Grenzen gebracht. Mittlerweile geht es besser mit der Distanz dazu. Doch ich muss mich ja nicht unnötig in Gefahr begeben. Meine Antennen nutze ich mittlerweile mehr dazu, solche Menschen zu erkennen und Abstand zu halten, sofern es möglich ist.

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  2. Auf mich übt das Böse ebenfalls eine Faszination aus, schon immer, auch wenn ich es eigentlich gar nicht möchte. Solange es nur bei Verfilmungen bleibt, ist alles gut. Leider basieren die Filme meist auf realen Ereignissen. Das ist das wirklich erschreckende daran. Was haben Manson & Co, was die Menschen so in ihren Bann zieht, dass sie sogar dafür töten? Ich kann und will es vielleicht auch gar nicht verstehen.
    LG Kerstin

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    1. Überlege mal, ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern hat statistisch einen Psychopathen eingestellt. Und 4 Narzissten übrigens. Es wäre ein Wunder, wenn einem noch keiner über den Weg gelaufen wäre. In Führungsetagen sind 6% Psychopathen, interessant oder?

      Gefällt 1 Person

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