Ich denke

Heute ist eine leere Stelle in meinem Kopf. Da, wo gestern Abend Ideen sprudelten ist die Quelle versiegt. Nix, niente, nada. Ein großes dunkles Loch macht sich breit und mich nervös.

Was wäre denn, hebt es an zu denken, aber ich winke ab. Da kommt heute nur Sülze raus, lassen wir das. Aber da krabbelt etwas anderes aus dem Loch. Kleine krallenbewehrte Finger graben sich durch die Hirnrinde, schmerzen, nagen, wühlen sich aus der grauen Masse, vergrößern die schmale Öffnung, drücken sich heraus und am Ende sitzt sie vor mir.

Klein und schäbig ist sie, das Fell zerzaust, das Gesicht schief und runzelig. Noch ignoriert es mich, putzt sein struppigen Fell nachlässig und grinst mich am Ende doch schief an.

Einer ersten Eingebung nach möchte ich den Besen holen und das kleine Ungeheuer erschlagen, doch über den Kolatteralschaden an meinem Hirn mag ich nicht nachdenken. Stattdessen versuche ich es vorsichtig zu entfernen. Neugierig betrachtet es meine näher kommende Hand, springt sogar drauf und lässt sich vor mir auf dem Tisch absetzen.

„Wer bist Du?“, frage ich, erwarte aber nicht wirklich eine Antwort. Doch der hässliche Gnom erhebt sich, deutet sogar eine leichte Vorbeugung an und antwortet: „Gestatten, ich bin dein Minderwertigkeitskomplex. Seit Monaten drangsalierst du mich, beklopfst mein Häuschen, machst es mir unbequem und laut. Dauernd muss ich mich anstrengen, damit ich dir einen richtig beschissenen Tag machen kann. Ich habe die Nase voll. Höre endlich mit diesen netten Gedanken über dich auf. Hetze doch mal wieder so richtig, in der Hoffnung, dass andere dich vielleicht gut und toll finden. Dann kann ich nämlich wieder die Krallen in die alte Wunde legen und dir zuflüstern, dass du nichts taugst, egal wie sehr du dich anstrengst. Sie doch endlich wieder du selbst, mein Kumpel, der Selbstzweifel, ist auch schon am Ende.“

Und wie aufs Stichwort krabbelt der zweite widerliche Zwerg aus meinem Hirn, hüpft auf den Tisch zum ersten und schaut mich wütend mit verschränkten Armen an. „Wir ziehen aus, es reicht einfach“, beginnt er und stellt einen Fuß auf den mitgebrachten Koffer. „Wir haben allerdings Ersatz eingeladen, damit du dich nicht so allein fühlst.“

Sie schubsen ein klitzekleines Elfchen nach vorne. Vorwitzig lächelt sie mich und macht einen kleinen Knicks. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Selbstachtung.“

Erschüttert schüttle ich den Kopf „Du bist so winzig!“

Sie lächelt „Klar bin ich noch klein, aber wenn du mich gut fütterst und auf mich aufpasst werde ich wachsen. Und das was diese beiden Stinker zum Auszug bewogen hat, ist mein Lieblingsfutter.“

Sie macht einen kleinen Hopser und landet in meinem Kopf. Es fühlt sich seltsam an und ich stelle mich vor den Spiegel , um die Öffnung zu betrachten. Doch die ist bereits wieder verschlossen. Stattdessen ist da eine Frau in mittleren Jahren, die mich vergnügt anlächelt.

„Nett“, denke ich und erkenne mich kaum wieder.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Also deine Leerstellen möchte ich mal haben, die sind doch immer wieder – wie ich hier lesen darf – sehr produktiv. Mein Monster (Bequemlichkeit) fühlt sich gerade pudelwohl und lackiert sich die Zehennägel braun, passend zum Dreck unter den Rändern. Und die Zwergin (beleidigte Leberwurst) steckt sich trockenes Laub ins Haar. Also die werde ich noch nicht los. 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. wechselweib sagt:

    Schön!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s