Testlauf

Pizza

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Alice und ihre Krimis sind mir ans Herz gewachsen und ich habe überlegt, was ich weiter mit ihr machen könnte. Da las ich heute morgen eine Rezension eines Krimikochbuchs und dachte… warum nicht? Die Geschichte ist recht lang, ich möchte aber auch ein wenig von den Kürzestkrimis weg, auch wenn das reizvoll ist. Das Rezept fehlt noch, wird aber nachgeliefert. Ich koche immer frei Schnauze und muss mir die Mengen mal aufschreiben. Gerade hier würde ich mich über Feedback sehr freuen.

Intro

Manche Städte sind anders. Du besuchst sie, fährst auf den nächstgelegenen Parkplatz, steigst aus und erfreust dich für einen kleinen Moment an den niedlichen Häusern und hübschen Gärten. Du leinst vielleicht deinen kleinen Hund an, gehst mit ihm durch die Straßen, betrachtest die ordentlichen Vorgärten, das akkurat geschnittene Gras, die kleinen Hecken und Zäunchen und denkst dir, vielleicht nur für einen Moment, so möchte ich auch leben.

Denkst es und gehst weiter durch enge Gassen, genießt den Schatten unter den Bäumen, triffst ein paar Einheimische und grüßt sie freundlich. Grüßt und wunderst dich. Die Menschen, die dir begegnen, schauen durch dich hindurch. Ihre Blicke sind starr nach vorne gerichtet, niemand nimmt dich wahr oder lächelt dich an.

Ein kleiner Schauer rinnt über deinen Rücken und trotz der warmen Sonnenstrahlen wird dir kühl. Du kannst nicht genau benennen, was dich erschreckte. Du spürst nur, dass etwas seltsam ist.

Am Ende beeilst du dich, wieder zu deinem Auto zu kommen, steigst ein und fährst weg aus dieser ordentlichen kleinen Stadt, mit der etwas nicht zu stimmen scheint.

Die letzte Pizza

Ärgerlich schiebt sie den Umzugskarton zur Seite. Sie findet, wie immer, nichts. Fünfzehn Küchenkartons hat sie gepackt, zehn sind inzwischen durchwühlt worden, doch der Dosenöffner bleibt verschollen. Ihre drei Hunde sitzen nebeneinander in der Küchentüre und betrachten sie ungeduldig. Immer wieder geht ihr Blick zwischen der Futterdose auf dem Tisch und den Kartons hin und her. Der kleine Rüde fiept jämmerlich.

„Ich weiß, dass ihr Hunger habt. Nur dieser verflixte Öffner hat sich versteckt.“ In Karton zwölf wird sie fündig. Ganz unten, versteckt unter Messerset und Thermoskanne liegt der Schlingel. Die Große wedelt mit dem Schwanz während sie sich ans Öffnen macht und das Futter gerecht auf drei Porzellanteller verteilt. Die Näpfe sind noch in irgendeinem Karton, wo, weiß sie nicht.

Sie zündet sich eine Zigarette an und betrachtet die Hunde beim Abendbrot. Sie könnte auch was vertragen. Seit heute Morgen räumt und sucht sie, ihre chaotische Seite macht sich besonders bei Umzügen bemerkbar. Zum Essen war zu wenig Zeit. „Kaffee und Kippen mal wieder“, grinst sie und hört ihren Magen laut rumoren.

Sie kocht sehr gerne, doch so wie es hier momentan aussieht, wird das nichts. Essen gehen steht auf dem Plan, am liebsten eine Pizza. Sie könnte sich natürlich was liefern lassen, aber die Hunde brauchen sowieso einen Spaziergang und sie kann sich sofort ihre neue Umgebung anschauen.

Der Umzug war nicht geplant gewesen, doch da ihre alte Dienststelle abgebrannt war, musste sie sich was Neues suchen. Und die einzige Möglichkeit, bei der sie zeitnah beginnen konnte, war in dieser Stadt. Also hatte sie ihre Zelte abgebrochen, mal wieder, sich von Freunden verabschiedet, Kartons gepackt und war hierhergezogen. Das gemietete Haus war nett, nicht zu teuer und mit ausreichend Platz, um sich auszubreiten.

Sie nimmt die Hunde mit nach draußen, schließt die Haustür und folgt den Anweisungen des Handys zur nächsten Pizzeria. Ihr Haus liegt in einer ruhigen Wohnstraße und, wie das alte, direkt an einer Kirche. An das Glockengeläut hatte sie sich gewöhnt, dann wird sie das hier auch nicht nerven, beschließt sie. Die Häuschen sind alt und sehr gepflegt, der Vorgartenrasen gemäht, die Fenster geputzt. Es ist noch recht warm draußen, so dass es sie nicht verwundert, kaum etwas von ihren neuen Nachbarn zu sehen.

Die Pizzeria liegt an einer stärker befahrenen Straße, so dass sie die Hunde lieber anleint und sich einen Platz im dazugehörenden Biergarten unter einem Schirm sucht. Die Fahrgeräusche von der Straße werden durch die hohe Hainbuchenhecke kaum gedämpft, trotzdem wirkt es gemütlich mit den karierten Tischdecken und dem Röschen auf dem Tisch.

Kaum hat sie Platz genommen, taucht der Kellner mit einem Wassernapf für die Hunde auf. Sie grinst, der Laden ist ihr sofort sympathisch.

Sie bestellt ein Glas Primitivo und die Pizza alá Maison und lehnt sich gemütlich zurück. Der rasch gelieferte Wein schmeckt und sie denkt kurz darüber nach, warum auf einer italienischen Speisekarte französische Begriffe stehen.

Da wird sie abgelenkt von einem Pärchen, das in den Hof stolpert. Sie freut sich, Leute gucken gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen in Restaurants. Die beiden sind nicht mehr ganz jung und, wenn sie das richtig beurteilt, wohl situiert. Netterweise setzen sie sich nur zwei Tische weiter hin, so dass sie gut zu beobachten sind und wohl auf amüsante Art ihre Wartezeit verkürzen würden.

Der Kellner erscheint mit dem Brot und für eine Weile ist sie damit beschäftigt, hervorragende Kräuterbutter auf frisch gebackenes Brot zu streichen. Genüsslich wischt sie sich einen Rest des knoblauchreichen Fettes aus ihrem Mundwinkel, da wird ihre Aufmerksamkeit vom lauter werdenden Gespräch am Nachbartisch abgelenkt.

„Sie streiten, wie gemütlich“, seufzt sie innerlich und beschließt, die Wartezeit bis zur Pizza für einen notwendigen Gang zu nutzen. Vielleicht hätten sich die Streithähne ja gleich wieder beruhigt.

Sie gibt den Hunden das Signal, liegen zu bleiben, bindet den jüngsten sicherheitshalber kurz mit der Leine am Sonnenschirm fest und macht sie auf die Suche nach dem Waschraum.

Hocherfreut registriert sie, wie kühl der Innenraum des Lokals ist und so ruhig. Wenn sie die Hunde nicht dabeihätte, würde sie sich nach innen setzen. Ein Streit ist mehr Leutegucken, als sie appetitlich findet.

Auf dem Weg nach draußen bleibt ihr Blick an einem schwarzbeflorten Foto hängen. Sie geht näher und blickt betroffen in das zahnlückenbewehrte Grinsen eines etwa zehnjährigen Mädchens. „Wie schrecklich“, erschauert sie und geht nachdenklich nach draußen.

Leider ist der Streit in ihrer Abwesenheit nicht beendet worden. Die Frau regt sich anscheinend über den Weinkonsum ihres Begleiters auf. Immer wieder zischt sie wütend zu ihm hinüber, weist auf die inzwischen halbleere Weinflasche und das Aperitifglas. Der Mann scheint inzwischen auch recht angetrunken, er grunzt zurück, wedelt mit seiner Hand vor ihrer Nase herum, als wolle er eine lästige Fliege vertreiben.

Sie wird lauter, Wortfetzen dringen an ihr Ohr. „Schon wieder besoffen Autofahren“, „Hast du nichts gelernt aus dem Unglück vor vier Wochen“, „Du wirst uns auch noch umbringen“. Auf einmal brüllt er „Du hättest ja auch was tun können außer bloß blöd neben mir zu sitzen und <<Fahr, fahr!>> zu schreien.“ Und haut mit der Faust auf den Tisch.

Erschreckt blicken beide sich um. Danach ist es still.

Endlich bringt der Kellner die Pizza. Sie duftet verführerisch und sie schnappt sich begeistert ihr Besteck, das Drama am Nachbartisch ignorierend. Da fällt ihr das Foto ein und sie ruft ihn noch kurz zu sich zurück. „Ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber ich sah da gerade dieses Foto von dem kleinen Mädchen. Was ist da passiert?“

Irritiert schaut er sie an. „Das ist doch tagelang durch die Zeitungen gegangen.“ „Ich bin heute hergezogen, sorry,“ lächelt sie entschuldigend. Er nickt und zieht sich kurz einen Stuhl heran. „Sie gestatten. Das kleine Mädchen auf dem Foto ist die Tochter des Kochs. Vor vier Wochen ist sie auf dem Weg von einer Freundin nach Hause von einem Schwein totgefahren worden. Er hat wohl angehalten, ist dann aber weitergefahren ohne sich um die Kleine zu kümmern. Zwei Wochen standen dicke Aufrufe in der Zeitung, ob es Zeugen gäbe. Doch gemeldet hat sich niemand. Wenn einer von uns dieses Arschloch erwischt, wird er seines Lebens nicht mehr froh.“ Entsetzt blickt sie ihn an. Er räuspert sich. „Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht das Essen vermiesen. Essen sie, bevor sie kalt ist. Das ist mit Abstand die beste Pizza der Stadt. Kochen lenkt ihn ab, sagt er und es tut ihm gut, wenn die Teller leergegessen in die Küche zurückkommen. Geben Sie sich also Mühe.“

Er zwinkert ihr zu und schiebt den Stuhl wieder an seinen Platz.

Brav probiert sie und ist hingerissen. Saftig würzig, knuspriger Teig, er hat nicht zu viel versprochen. Die Hunde strecken ihre Nasen in die Luft und schnuppern geräuschvoll. Sie grinst kauend.

Ein Viertel hat sie geschafft, da wird das Gezische am Nachbartisch wieder lauter. Sie blickt herüber und sieht ihn den Rest der Flasche in sein Glas schütten. Die Frau trinkt nur Wasser.

Sie legt das Besteck hin. Etwas grummelt in ihrem Hinterkopf, die beiden Informationen wollen verbunden werden. Sie schaut kurz zu dem Pärchen, dann fällt ihr Blick auf das bei der Hitze offenstehende Fenster der Küche. Ein Mann schaut heraus, betrachtet ernst die beiden Streithähne und verschwindet dann mit hängenden Schultern im Raum.

Der Kellner trägt zwei Pizzen an ihr vorbei zum Nachbartisch. Der Mann ordert noch eine Flasche Wein. Ausdrucklos nimmt er die Bestellung auf und verschwindet schnell im Lokal.

Sie kann nicht weiteressen. Irgendetwas passiert hier. Sie schaut zum Küchenfenster, das inzwischen geschlossen ist. Ein Eisschauer krabbelt ihr trotz Sommerhitze über den Rücken.

Das Pärchen bekommt nicht mit, dass sie von ihr beobachtet werden. Die Frau schneidet winzige Stückchen ab und schiebt sie sich affektiert in den Mund, ihr Partner nimmt die Viertel in die Hand, beißt große Stücke ab, schluckt gierig fast ohne zu kauen.

Sie kann nicht weiteressen bei diesem abstoßenden Schauspiel und auch nicht wegsehen.

Auf einmal knallt er das angebissene Pizzastück auf den Teller und brüllt „Widerlich, was für eine Dreckspizza.“ Da bleibt ihm die Luft weg, er greift sich an den Hals, läuft blau an und stürzt zuckend zu Boden.

Sie ist noch nicht aufgestanden, da ist es schon vorbei. Reflexartig zückt sie ihr Handy und ruft den Notarzt. Sie nimmt die schreiende Frau zur Seite und setzt sie auf ihren Platz, hält ihre Hand und versucht, sie zu beruhigen.

Der Notarzt kommt und kann nur den Tod feststellen. Dann erscheint die Polizei. Ein kleiner dicklicher Kommissar beugt sich mit seinem Pathologen über die Leiche.

Sie hört „Todesursache?“ und dann etwas von Strychnin. Ihr Blick wandert zur Restauranttüre, wo Koch und Kellner Schulter an Schulter stehen und mit versteinertem Gesicht die Szenerie beobachten. Sie steht kurz auf und bedeutet dem Polizisten, der neben ihnen steht, dass sie nur kurz zur Toilette muss.

Sie zieht Koch und Kellner in den Innenraum und zischt „Wo ist es?“ Sie schauen sie irritiert an. „Was soll wo sein?“ „Das Strychnin natürlich, jetzt stellen sie sich nicht blöd. Wenn das hier gefunden wird, gehen sie beide in den Knast.“

„Ist mir egal, er hat, was er verdient.“ Sie dreht die Augen zur Decke. „Her damit, das muss nicht sein. Ich hab eine Idee.“

Der Kellner greift in die Brusttasche des Kochs und holt ein kleines Fläschchen heraus. Sie grinst, nickt und wickelt es in ein Taschentuch. Auf dem Weg nach draußen rubbelt sie die Fingerabdrücke in ihrer hohlen Hand ab, vorsichtig darauf bedacht, dass ihre Finger nicht das Glas berühren.

Die Frau weint immer noch. Sie geht zu dem Kommissar und fragt, ob sie der Dame ein Taschentuch aus ihrem Handtäschchen holen dürfe. Genervt dreht er die Augen nach oben und hält ihr die geöffnete Tasche unter die Nase. Taschenspielertricks beherrscht sie meisterhaft. Geschickt lässt sie die kleine Flasche in den Boden kullern und nimmt mit augenscheinlich spitzen Fingern ein Paket Einwegtaschentücher heraus.

„Okay so?“, fragt sie und lächelt den Kommissar unschuldig an. Er grunzt und nickt. Dann blickt er interessiert in die Untiefen der Damenhandtasche, das Aufblitzen des kullernden Glases hat seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

„Theo“, brüllt er und der Pathologe hebt den Kopf. „Ich hab hier was.“ Und zu ihr gewandt: „Danke Frau….“

„Ach“, lächelt sie, „sagen Sie einfach Alice.“  

Eine Stunde später ist alles vorbei. Sie wurde verhört, berichtete vom eskalierenden Streit, gab vor, nichts verstanden zu haben. Es sei halt ein heftiger Ehekrach gewesen. Koch und Kellner stellten sich unwissend, kannten das Paar kaum, ein paar Mal hätten sie schon hier gegessen, sich immer gestritten. Die Frau wurde verhaftet.

Sie sitzt mit Koch und Kellner im Biergarten des inzwischen geschlossenen Lokals. Eine alte Flasche Wein steht auf dem Tisch, das Foto der Tochter liegt zwischen ihnen. Dem Koch, der sich ihr als Pedro vorstellt, rinnen immer wieder Tränen die Wangen herunter, während er ihr von dem Abend erzählt, wo statt seiner Tochter die Polizei vor der Tür stand. „Einfach totgefahren haben sie sie. Dann wohl noch angehalten, aber keine Hilfe gerufen, diese Schweine.“ Er trinkt einen Schluck und putzt sich die Nase.

Sie lächelt und merkt an. „Ich habe immer noch Hunger. Könnte ich wohl das Rezept bekommen für diese wundervolle Pizza?“ Pedro lacht und drückt ihre Hand. „Aber sicher. Du gehörst jetzt zur Familie.“

Alice

Und hier das Rezept

18 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr schön, am Ende vorhersehbar, aber sehr schön, man liest es in einem Rutsch weg.

    Gefällt 2 Personen

  2. Hans-Georg sagt:

    Eine tolle Geschichte.

    Gefällt 1 Person

      1. mijonisreise sagt:

        Gerne … Gefällt mir 😊

        Gefällt 1 Person

  3. Wer hätte das gedacht, von Alice! ,)
    Aber sie hat das genau richtig gemacht, toll!

    Liebe Grüße,
    Werner

    Gefällt 1 Person

  4. „Gefühlte Gerechtigkeit“: ein schwieriges Thema! Alice hat ihre persönliche Entscheidung getroffen und Du hast es gut aufgeschrieben!

    Gefällt 2 Personen

  5. Katharina sagt:

    Ein sehr kurzweiliger Krimi. Die Verknüpfung mit der Pizza ist super. 😉
    Grüße, Katharina

    Gefällt 2 Personen

  6. Christiane sagt:

    Liest sich gut und flüssig, und wenn du mehr davon schreiben würdest, würde ich sie auch alle lesen. Allerdings würde ich mir zwischendurch auch Rezepte wünschen, für die es keine Kompanie braucht, um sie zu bewältigen. 😀👍🍕🍷
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Ich kann sie ja mal runterrechnen😂😊

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      1. Christiane sagt:

        Dass sich das bei Pizza lohnt, glaube ich nicht. Aber ich vermute, dass du noch mehr in petto hast, und dann würde ich mich bei Gelegenheit schon freuen. 😀

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      2. Ich koche sehr gerne😊

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