Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Schreiben

Tag 200/365 – Klausuren

Manchmal wache ich nachts schweißgebadet auf, träumte von Klausuren mit Fragen, die ich nicht beantworten kann, von kleinen Spickzetteln, die der Prüfer mir wegnimmt, mich an den Pranger stellt, lächerlich macht.

Gespickt habe ich nie, zumindest während des Studiums. Das lag daran, dass bei uns fast immer sämtliche Unterlagen zugelassen waren. Da zählte Muskelkraft, die Berge von Büchern und Ordnern die Treppe zum Prüfungsraum hochzuwuchten und gute Organisation, zu wissen was wo steht. Auch wenn die Klausuren über sechs Zeitstunden gingen, hatte man häufig zu wenig Zeit, eine Antwort in den Büchern zu suchen. Entweder man konnte es oder nicht.

Und die Professoren wussten das.

Heute muss ich keine Klausuren mehr schreiben, die Träume, sofern sie tatsächlich etwas mit Prüfungsangst und nicht mit irgendeiner abgründigen von Freud entdeckten Seite in mir zu tun haben, werden seltener. Dennoch sitze ich ein wenig nervös in der Küche, sehe dem entspannten Sohn Nummer eins zu, der gleich zu seiner letzten Klausur des Sommersemesters aufbricht.

Er hat ein kleines Täschchen dabei, braucht seinen Stift und seinen Kopf für 45 Minuten. Klingt einfacher, ist es aber nicht. Während ich mich damals mit Impuls- Wärme und Stoffaustausch rumschlagen durfte, geht es bei ihm um Morphologie und Pragmatismus. Es liegt ihm und er hat gerade entspannt die Tür hinter sich ins Schloss gezogen.

Ich hatte damals ausgeprägte Prüfungsangst, auch wenn ich nie durchgerasselt bin. Meine Jungs sind wesentlich tiefenentspannter.

Wahrscheinlich werden sie in zwanzig Jahren nicht mehr von überfüllten, schlechtbelüfteten Räumen träumen, in denen rund um jeden Schreibtisch Bücherberge stehen und man ratlos vor Mammutaufgaben sitzt.

Während ich mich erinnere, ist Sohn Nummer vier aus dem Bett gekrabbelt, räumt die Spülmaschine aus, damit ich die Reste des gestrigen Abendessens (karibisch, superlecker) entsorgen und ihm eine Pfanne spülen kann. Er macht sich Rührei mit Pilzen, genießt ausgiebig die extralangen Ferien des Schulabgängers.

Ich sitze bei der zweiten Tasse Kaffee, überlege, ob ich noch ein Stündchen im Bett verschwinden soll oder lieber noch ein wenig die (fast) einsame Ruhe des Morgens genießen möchte.

Alice

Werbeanzeigen

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

12 Kommentare zu „Tag 200/365 – Klausuren

  1. Das klingt vertraut. Bei mir ging es schon während des Studiums los, nachdem ich durchgerasselt war und gezwungen war, meinen Schein im nächsten Semester zu machen. Die Träume kamen regelmäßig, jetzt habe ich aber endlich Ruhe davor. ES klingt jedenfalls so, als hättest du alles einigermaßen im Griff.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hatte bei Klausuren keine Prüfungsangst und gespickt habe ich auch nie … beim praktischen Führerschein .. bin auch 1 x durchgefallen und kann bis heute nicht gut parken .. war das anders, aber irgendwann habe ich das Ding dann auch bekommen.
    Ich glaube, bei mir was das andersrum. Ich war bei Klausuren eher tiefenentspannter als alle meine Kinder .. bei denen war das aber auch nicht bei jedem gleich .. welche waren gelassener als welche.
    Ich vermute, wenn Du sowas oft träumst .. es wird schon irgendeinen Grund haben.

    Vielleicht geht es mehr um Fragen, die Du heute nicht immer beantworten kannst und Angst, jetzt deshalb an den Pranger gestellt zu werden wegen irgendwas.

    LG
    Renate

    Gefällt 1 Person

    1. Da könntest du recht haben, bloßgestellt wird niemand gerne und eine nicht bestandene Prüfung ist kein Weltuntergang. Meine tatsächliche Prüfungspanik war eher anfeuernd als hemmend, aber bei vielen kommt dann der richtige Blackout. Nur einmal, in einer mündlichen Prüfung, hat der mich erwischt. Aber ich hatte einen netten Prüfer, der mir da durch geholfen hat.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

      1. Ich habe beispielsweise, wenn mir ein Fachbegriff partour gerade bei einer Prüfung nicht einfallen wollte (das berühmte Brett vor dem Kopf) einfach umschrieben, worum es geht, aber nicht da gesessen und panisch drauf gewartet, dass es mir nun wieder einfällt. So ruhig zu bleiben, liegt nicht jedem. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man nicht alles gut kann. Ich kann nunmal nicht gut Autofahren und mein Orientierungssinn ist auch ziemlich schlecht. Wenn man ein ausreichend gutes Selbstbewusstsein hat, dann kann man gut damit leben, dass einem eben nicht alles liegt und macht eher das, wo man sicher ist, das klappt auch .. also beispielsweise beruflich. Ich würde nie auf die Idee kommen, mich als Taxifahrerin zu bewerben beispielsweise.
        Wiederum hatte ich absolut kein Problem damit, dass ich auch ganz bestimmt nicht gut reiten konnte und man das natürlich auch gesehen hat. Galopp ging gar nicht. Eine meiner Nachbarinnen, die früher oberhalb der Wiese wohnte wo wir bei diesem Resthof unsere Pferde unmittelbar hinterm Haus stehen hatten, hat mir mal erzählt, ihr Mann lacht immer, wenn ich mir den Küchenstuhl raushole, um auf meine Dicke mit 1,50 m Stockmaß aufzusteigen, weil ich von unten sonst nicht hochgekommen wäre, unsportlich wie ich halt war. Na und? Lass ihn lachen. Lachen ist ja gesund. Das habe ich ihr dann auch gesagt. Reiten war mein Hobby und nicht mein Job. Das musste ich doch gar nicht gut können. Das hat mir einfach Spaß gemacht.
        Ich glaube, Menschen ohne Selbstvertrauen sehen genau wie Du sagst Prüfungen auch nicht als Herausforderungen an und lernen an sich auch nicht (ich kann noch heute ohne Prüfungsdruck, wenn mich ein Thema interessiert, stundenlang im Internet danach fahnden und freu mich, wenn ich die Lösung rauskriege, aber ich verzweifle auch nicht, wenn ich sie eben nicht rauskriege, und das liegt nicht jedem). Es geht bei ihnen um die Anerkennung. Und wenn sie die nicht bekommen, fühlen sie sich wertlos und dadurch entsteht diese Angst.
        Ob nun Zensuren abschaffen das besser machen würde. Ich weiß es auch nicht. Darüber nachgedacht wird ja viel.
        Andererseits haben mein Mann und ich gerade im Alter über diese Jobcenter-„Weiterbildungen“ oft erlebt, wie frustrierend es sein kann, wenn man nun Menschen zusammenzwingt, die von ihrer Leistungsfähigkeit oder auch den Interessen und Begabungen so überhaupt nicht zusammenpassen. Das unterfordert einen und man langweilt sich zu Tode, andere überfordert es und sie werden aggressiv. Deshalb denke ich, Prüfungen können durchaus Sinn machen. Es macht auch Sinn, nicht alle Menschen zur Zusammenarbeit zu zwingen, weil das auch nicht klappt.
        Nach meiner Erfahrung sind Menschen, die intellektuell nicht so begabt sind, oft wiederum sehr praktisch veranlagt.
        In meinen Augen würde es viel mehr Sinn machen, dass die Dinge, die Menschen können, egal was das ist, von der Gesellschaft eher gleichwertig anerkannt werden.
        Eine Prüfung, die ich mal versägt habe, war eine Arbeit über Adorno, der in meinen Augen viel dazu beigetragen hat, dass nach dem Krieg gerade handwerklich und praktisch begabte Menschen eine extreme Abwertung erfahren haben, was davor so denke ich nicht so ausgeprägt war. Nicht nur Adorno .. ich weiß, das war eine ganze Gruppe oder Richtung, aber ich hatte halt Adorno damals als Thema.
        Nun vertritt er ja die Auffassung, dass generell Menschen, die sich schlecht ausdrücken können, Dir also nicht auf eine ellenlange blumige Art und Weise ihre letzte Urlaubsreise beschreiben, sondern auf die Frage, wie war es denn, vielleicht nur sagen, war toll und nicht mehr, eher dazu neigen, rechtsradikal zu sein als andere.
        Und das war nunmal ja etwas, womit wir uns zumindest in Westdeutschland nach dem Krieg viel haben auseinandersetzen müssen. Und rechtsradikal war gleichzeitig böse.
        Auch wenn ich viele Probleme mit meinem Ex gehabt haben mag, der ohne Hauptschulabschluss in der 8. Klasse abgegangen ist und meistens eine glatte 6 in Deutsch hatte. Der war ein guter Handwerker, der hatte einen superguten Orientierungssinn und ich habe ihn nie für dumm gehalten, das war er wirklich nicht. Sein größtes Problem war, dass er sich selbst für dumm hielt und auf jede Kritik sofort unglaublich aggressiv reagiert hat. Und klar kannte er Prüfungsangst, und wie.
        Das gleiche habe ich dann bei einem meiner beiden Schwiegersöhne erlebt (der andere hat studiert, aber die zwei sind inzwischen wieder geschieden). Zu Hause gab es viel Schläge, auch bei schlechten Noten. Mama schwach, hat immer versucht, solche Dinge zu vertuschen, damit der Papa nicht schlägt, aber sie konnte ihren Mann nicht dran hindern, wenn er dahinter kam (ich hätte dem die Bratpfanne übern Schädel gezogen, wenn der meinen Kindern nur wegen ner schlechten Note was getan hätte .. sie hatte aber Angst vor ihrem Mann). Mit 19 hat er irgendwie bei der zigsten Wiederholung seinen Hauptschulabschluss geschafft, lernte nun Maschinenschlosser und war schon 2 x durch die Gesellenprüfung gefallen, meine Große mit meiner 1. Enkelin schwanger, Wunschkind von ihm. Sie sagte, er geht nicht in die Berufsschule. Seine Mama versteckt ihn immer im Schrebergarten, damit der Papa das nicht mitkriegt. Also habe ich ihn mir geschnappt und vorgeschlagen, wir beide üben mal, damit er irgendwie beim 3. und letzten Versuch doch die Prüfung besteht. Das Kind will schließlich später mal essen und es wäre besser, er hätte dann schon eine abgeschlossene Ausbildung, selbst wenn das nur ne 4 wird. Ist immer noch besser als durchgefallen.
        Er meinte, ihm bricht der Schweiß aus allen Poren bei Prüfungen. Ich hab dann schon gesagt, also wenn ich gar nicht erst in die Schule gegangen wäre, wäre das bei mir garantiert nicht anders gewesen. Also hingehen, genug üben, wir üben auch zusammen, ich frag ihn ab, das sei ja nun erstmal ne Grundlage, anders könnte es doch nicht klappen .. und falls es auch so nicht klappt, dann kann er sich aber sagen, er hat sich Mühe gegeben und es probiert und muss kein schlechtes Gewissen haben. Er dann, wie ich ihm denn Fachkunde beibringen wollen würde. Ich bring das Buch mit, ich les mir das durch, ich habe auch schon ein Referat über nen Fusionsreaktor gehalten und wusste vorher nicht, wie sowas geht. Ich versuch, mich da reinzulesen. Wir gehen das einfach in Ruhe an, wir haben ja ein halbes Jahr Zeit.
        Er kam nie zum üben. Er hasst mich seitdem (er wohnte damals bei uns mit auf dem Hof, nicht mehr zu Hause und hatte große Angst vor seinem strengen Papa), grüßt mich nicht mehr und hat, als meine Enkelin dann auf der Welt war, meiner Tochter verboten, mich zu besuchen. Die redet nur heimlich mit mir, hat Angst vor ihrem Mann.
        Seine Mama durfte übrigens ihre Mutter für seinen Vater auch nicht besuchen.
        Später hat mein 2. Mann zufällig mit ihm eine Jobcenter-Weiterbildung gemacht. Er hatte den Spitznamen Rebell. Hat da nur Scheiße gebaut .. auch erwachsen. War son Neuland-Kurs, wo alles zusammengewürfelt wurde, aber noch besser als die Kurse der FAW (das sind die mit den berüchtigten Schrittzählern), wo eben zumindest versucht wurde, sowas wie Unterricht zu machen, den er natürlich grundsätzlich störte. Er hat früher mal Gewichtheben als Hobby gemacht, mein 2. Mann ist kaum größer als ich, kommt aber aus Hannover-Südstadt. Irgendwann hat ihn Jürgen auf dem Schulhof angeranzt, wenn ihn denn nicht interessiert, dass andere Vortäge ausgearbeitet haben und das der Gruppe nun erzählen möchten, dann soll er doch einfach den Mund halten und nicht ständig alle stören. Manche möchten doch vielleicht was lernen. Er wollte meinen Mann dann auf dem Schulhof verprügeln, er wäre ja jünger und stärker und Jürgen hat gesagt .. okay … versuch doch, ich bin erfahrener und schneller, denn ich komme aus der Südstadt von Hannover wo man sich schon auch körperlich hat wehren können müssen, um nicht unterzugehen.
        Eine Weile hatte mein Schwiegersohn dann mal einen Job als Futterträger in dem Pferdefutterladen, wo wir immer Müsli und Hafer gekauft haben. Mein Mann sah ihn und sagte, das ist dieser Rebell und ich .. das ist lustig, das ist mein „herzallerliebster“ Schwiegersohn. Selbst den Job als Futterträger hat er sich später versägt …und da braucht man halt einfach viel Kraft, weil manche Futtertüten ja 50 kg wiegen, aber nett sein zu den Kunden war wohl was, das ihn dann wieder überfordert haben mag.
        Das Problem von Menschen, die bei Prüfungen die Nerven verlieren ist ihre übergroße Angst vor Kritik.
        Ich denke aber .. siehe meine Bemerkung zu Adorno (hab ja später nicht weiterstudiert .. ich sollte meine Kritik daran nur rausnehmen, um den Schein zu kriegen .. es war keine Kritik gefordert, nur eine reine Beschreibung .. aber ohne Kritik ging es bei mir irgendwie nicht .. das brannte mir unter den Nägeln, als ich das las), das ist zumTeil über einige Fehler in der Aufarbeitung der Ursachen des 3. Reiches auch ein gesellschaftliches Problem hierzulande, womit wir uns dringend .. gerade wegen der neuen rechten Szene .. mal auseinandersetzen sollten.
        Wir zwei haben diese Angst so denke ich mal alle beide nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn es um Leistung geht.

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s