Veröffentlicht in Schreiben

ABC-Etüde – Nur ein Junge

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende warf Gerd in den Topf.

Er hob den Deckel von seinem Henkelmann und steckte die Nase in den warmen Dampf. „Kartoffeln und Fleisch“, lächelte er und holte seine Gabel aus der Hosentasche. Eine Viertelstunde Pause bevor es weiterging. Er beeilte sich mit der Mahlzeit, genoss das warme Gefühl im Magen. Seine Muskeln schmerzten. Das sei normal, hatte der Steiger gesagt und ihn wieder in den Stollen geschickt. Die ersten Tage hatte er Angst gehabt, doch er gewöhnte sich langsam. Die Enge, das Dunkle, die schmalen Schächte, in die er nur er mit seinen schmalen Schultern klettern konnte und wo das schwarze Gold wartete.

Am allerersten Tag hatte er Panik bekommen und sie mussten ihn an den Füßen herausziehen weil er schrie und keine Luft mehr bekam. Danach war es besser geworden. Und wenn die Angst kam, dachte er an das Geld und die Mutter zu Hause. Dann wurde es besser. Er wünschte, er könnte sie herausholen aus dem Elend durch diese Arbeit.

Die Kumpel waren okay, es war nicht harmonisch, es war rau. Harte Sprache, harte Arbeit, sein Vater hatte schon hier gearbeitet, er wusste, was ihn erwartete. Als er eines Tages unten blieb, war er an der Reihe gewesen.

Die Glocke ertönt ,er packt sein Essbesteck weg und setzt die Schiebermütze auf, die ihm noch ein wenig zu groß ist. Am Aufzug zögert er. Ein unbestimmtes Gefühl hält ihn zurück. Doch die Kumpel von hinten drücken, schieben den Zögerer in die enge Kabine. Das Scherengitter schließt sich rasselnd und die rasante Fahrt nach unten beginnt.

Wie jeden Tag kriecht er in die engen Stollen, ist fast am Ziel, da hört er das Grollen. Sein letzter Gedanke ist der an ein Gewitter und Sommerregen, duftende Sommerblumen und das Lachen seines Vaters.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

10 Kommentare zu „ABC-Etüde – Nur ein Junge

  1. Diese bedrückende Enge! Ja, das war eine besondere Arbeit, und die Männer, die sie gemacht hatten, mussten von einem besonderen Schlag sein, das auszuhalten. Ich mag es mir nicht vorstellen.
    Schön, dass du wieder dabei bist!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. Klasse! Mein Großvater mütterlicherseits war Bergmann und mindestens einer seiner Söhne auch (ich weiß es nur von einem sicher, der ist mittlerweile berentet).Es heißt – meine Mutter erzählt das so, einen Beweis, dass es sich tatsächlich um eine Schicht handelt, die mein Großvater hätte machen sollen hat sie nicht, was nicht heißt, dass sie lügt, sondern, dass ihre Eltern es ihr vielleicht auch falsch erzählt haben um den Kindern Angst zu machen -, mein Großvater habe einmal eine Schicht getauscht und genau in der Schicht, die seine hätte sein sollen sind Kumpel verschüttet wurden. Dass es das Unglück gab ist belegt, zumindest eines, das dieses Unglück sein könnte, nur eben nicht, dass mein Großvater da tatsächlich hätte arbeiten müssen. Gekannt haben wird er die toten Kumpel. Auch wenn es nicht seine Schicht war, es wird gruselig und für ihn vielleicht sogar traumatisch (Kriegeerfahrung) gewesen sein, da später rein zu müssen und vielleicht zu denken Genau hier hat xy gelegen oder so etwas.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich war vor ein paar Wochen in der Zeche Zollern, ein wirklich beeindruckendes Bergbaumuseum. Es ist bedrückend, wie viele Menschen da unten sterben mussten. Und ob er Schicht hatte oder nicht, es hätte ihn auch an jedem anderen Tag treffen können.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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