Auf dem Hof

Wo die Geschichten herkommen? Beispielsweise hierher. Ein kleiner Hof am Rande des Münsterlandes. Im Familienbesitz seit 1805, der Urururopa hat beim Herzog ein wenig Land beantragt und bekam es für ein paar Thaler. Später kauften sie Morgen um Morgen dazu, bauten Weizen an und Gerste. Kauften vom ersten Gewinn eine Kuh, die Lotte. Der Hof wuchs und es ging ihnen gut.

Eines Tages wurde die Arbeit für die Familie zu viel, sie stellten einen Knecht ein und es war ein seltsames Gefühl, jemanden zu bezahlen, damit er für sie arbeitet. Es gab Momente, wo sie ihn hofierten, dankbar waren für seine Söldnerdienste, vergaßen, wer der Herr ist. Er ließ es sich wohl gefallen, hatte bei den Boxeraufständen gekämpft, war müde an Leib und Seele und genoss die Zuwendung, besonders, wenn er sein böses Bein hochlegen musste.

Dann machte die Herrin Umschläge, der Herr ließ ihn ruhen, auch wenn viel zu schaffen war. Er war ein Guter, der Herr, und er machte, wenn der Knecht nicht konnte. Dann pflügte er mit den Söhnen die Morgen alleine und auf dem Hof pflegte die Herrin den Knecht.

Der hatte ein böses Bein, das nicht heilen wollte. Und es tat weh, wenn die Ernte kam, und es schmerzte, wenn die Kühe ausgetrieben werden sollten und es ziepte, wenn gedroschen werden musste. Dann war der Herr ganz ruhig, hatte er doch nie gekämpft. Und die Herrin machte Umschläge mit Spitzwegerich und Essig. Und sie waren stolz, dass sie nun Herren waren und einen Knecht bezahlten.

Der Knecht hatte ein schlimmes Bein und ein hübsches Gesicht. Er konnte erzählen von all den exotischen Orten, die er gesehen hatte und während der Herr auf dem Feld seine Arbeit tat, verfiel die Herrin dem Knecht, hing an seinen Lippen, wenn er die Geschichten aus dem Land der untergehenden Sonne zum Besten gab. Versorgte sein Bein, streichelte seine zarte Haut, die in der Sonne sommersprossig und rot wurde, vergaß die Arbeit. Die Kühe schrien im Stall und sie schickte den Jüngsten zum Melken.

Er berührte ihre Seele, die bisher nur den Notwendigkeiten folgte, weckte Sehnsüchte und Gefühle, die ihr bis dato fremd waren. Eines hellen Julinachmittags, als der Mann auf dem Feld war und die Söhne bei der Heue, gab sie sich ihm hin. Scham war ihm fremd und was sie mit ihm erlebte, gab ihr den Eindruck von Erwachen.

Und so schmiedeten sie einen finsteren Plan an einem warmen Augustnachmittag während der Mann bei den Stieren war und die Söhne beim Dreschen. Sie lag hingeschmiegt und atemlos in seinen Armen, als er davon redete, wie schön es wäre, wenn es nur ihr Hof wäre. Er und sie als Herrin und Herr reich werden würden. Denn es war guter Boden und die Ernte versprach reichlich zu werden.

Und sie träumte und freute sich auf die gemeinsame Zeit, während er den blankgeputzten Revolver lud und ihn in ihre kalten, weißen Hände legte. Und als die Essenszeit kam verließ sie sein Schlafgemach und ging ins Esszimmer, wo Mann und Söhne saßen und nach der harten Arbeit auf ihre Mahlzeit warteten.

Der kalte Stahl lag schwer in ihrer klammen Hand, doch sie wollte, dass es nie zuende geht mit dem Knecht. Und so schoss sie alle tot. Erst den Vater und dann die Söhne, einen nach dem anderen. Sie erhoben sich aufgeschreckt vom Schuss, blickten sie seltsam traurig an und fielen wie kleine Bäume.

Die Schweine freuten sich über das Mahl. Der Knecht spielte den Herren. Auf einmal geb es keine Geschichten mehr und keine lüsternen Nächte. Sie arbeitete, doch es reichte nicht. Der Hof verfiel, während der Knecht im Bett lag.

Ihr zu Hilfe, stellte er eine Magd ein.

Alice

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Und die Moral von der Geschicht´ ?
    Sei nie zu gut – das lohnt sich nicht…
    Viele liebe Grüße,
    Werner 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Knecht ist Knecht und Herr ist Herr 🙂
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

  2. „Sie erhoben sich aufgeschreckt vom Schuss, blickten sie seltsam traurig an und fielen wie kleine Bäume.“

    Diese Zeile ist besonders wundervoll.

    Gefällt 1 Person

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