Veröffentlicht in 365 Tage, Fotografie, Mal über mich, Philosophisches, Schreiben

Tag 167/365 – Stürzende Linien

Ich bin gerne analog unterwegs, sogar mit wachsender Begeisterung. Seitdem ich selbst entwickeln kann und ein paar alte Kameras am Start habe, wird es zunehmend interessant für mich. Auch und gerade, weil vieles so unperfekt und zufallsinduziert ist. Bei einem ausgebildeten Fotografen oder einem richtigen Fachmann, ist das natürlich weniger, das mit dem Zufall.

Filme zu entwickeln ist immer ein wenig wie das Öffnen einer Wundertüte. Selbst, wenn ich alles beachtet habe, die Belichtung passte, ich die Kamera mal nicht schief hielt, der Bildausschnitt gut gewählt war und ich sorgfältig entwickelte, das Döschen mit dem Film brav drehte und wendete, nicht zu warm und nicht zu kalt, bin ich doch immer wieder vom Ergebnis überrascht. Es ist so ganz anders als die Digitale Fotografie, bei der man das bekommt, was man sieht, quasi den Überraschungseffekt übergeht.

Momentan hangele ich mich durch meine kleine Objektivauswahl. Ganz bewusst hatte ich für alle Kameras nur Weitwinkelobjektive eingepackt. Ich wollte ja Gebäude fotografieren und eine recht enge Bebauung gibt wenig Spielraum, die Häuser mit Abstand zu fotografieren. Unser Auge hat eine Festbrennweite von 50mm. Benutze ich ein Weitwinkelobjektiv, mein altes hat 28mm, sehe ich auf den Fotos deutlich mehr, als in der Realität. Ein Nebeneffekt, der besonders auffällt, wenn ich an einem Gebäude hochfotografiere, sind die stürzenden Linien.

Ein Teil entsteht natürlich durch die Perspektive, der andere durch die Verzerrung des Objektivs.

Da ich meistens die Kamera ein wenig schief halte, ist eine notwendige Nachbearbeitung das Geraderücken. Jetzt saß ich gestern vor diesen Bildern, des Denkens aufgrund der Erkältung sowieso nicht mächtig, und suchte die sinnvolle Vertikale. Ihr könnt auf dem Foto ja mal suchen. Unser Kopf sagt uns zwar, dass alle Gebäudekanten rechtwinklig und schön vertikal sind, legt man aber ein Geodreieck auf das Foto, wundert man sich, dass nahezu alles schief ist. Nur eine einzige Kante, die genau vor meiner Fotografenposition war, ist auf dem Bild wirklich senkrecht.

Moderne digitale Objektive können diesen Effekt inzwischen ausgleichen, Nachbearbeitungsprogramme können das kaschieren, ich finde es reizvoll. Kann ich doch anhand des Fotos und durch genaue Betrachtung, den Standpunkt des Fotografen herausfinden.

Die Bilder sind dadurch keine korrekte Abbildung der Realität, sie werden durch die Position des Sehenden und seine Sichtweite verzerrt. Denke ich das ein wenig weiter, kann ich diese Idee auch auf die allgemeine Wahrnehmung der Welt übertragen.Wäre ich der einzige Mensch auf der Welt, der alles ganz objektiv sieht, wäre ich dazu in der Lage, die Position jedes Einzelnen aufgrund seiner stürzenden Linien, seiner persönlichen Verzerrung zu bestimmen.

Da ich aber einen anderen Standpunkt und meine eigene Sichtweise habe, überlagern sich die Verzerrungen und die stürzenden Linien mit denen anderer. Ein Rückschluss ist dann kaum noch möglich.

Ich frage mich gerade, wie Menschen sich in diesem Linienchaos überhaupt verstehen können. Möglicherweise können wir das auch nicht. Vielleicht haben wir alle ein Nachbearbeitungsprogramm im Kopf, das die Linien gerade rückt.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

6 Kommentare zu „Tag 167/365 – Stürzende Linien

    1. Korrigiert habe ich sie auch schon, um eine Collage zu erstellen und da passten die Linien einfach nicht. Es macht auch einen Unterschied, ob der Blickwinkel bewusst oder zufällig gewählt wurde. Bei meinen ersten Fotoversuchen vor über dreißig Jahren, war ich froh, das Gebäude ganz zu erwischen. Da war mir sowas egal. Heute nutze ich es ganz bewusst und spiele damit. Ob es am Ende dann so wirkt, wie ich es haben wollte, ist auch nicht immer gegeben, aber es wird. Bei den Zechengebäuden gefällt es mir sehr gut.
      Lieben Gruß
      Alice

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  1. eben, bei so Gebäuden und Türmen kann man sie bewusst gut einsetzen und bekommt irre Bilder. Noch spannender wird es, wenn du einmal die Möglichkeit hast ein kleiner als 28 mm zu nehmen 😉
    Viel Spaß beim Experimentieren
    lg
    karl

    Gefällt 1 Person

  2. Das steht bei mir auch schon lange auf der Wunschliste: Analog fotografieren und selber entwickeln… bislang habe ich es noch aufgeschoben, aber das will ich nun wirklich bald mal anpacken.
    Bei den stürzenden Linien bin ich immer ein wenig zwiegespalten. Einerseits finde ich sie teilweise sogar spannend, weil sie den Gebäuden einen speziellen Look geben, andererseits sind es auch Verzerrungen. Wichtig ist wohl, sie nur bewusst zu belassen, da wo sie eben was zum Bildausdruck beitragen.

    Gefällt 1 Person

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