Veröffentlicht in Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Fehlschlag

Zu den Etüden bei Christiane, die Wortspende kommt von Werner Kastens.

Eigentlich sollte es eine Horrorgeschichte werden….

Sie schüttelt den Erlenmeyerkolben und betrachtet nachdenklich das Ergebnis. „Wenn das was wird, fress ich einen Besen“, kommentiert sie und trägt das Ergebnis in ihrer sauberen Kleinmädchenschrift in die Tabelle ein. „Egal, wie viele Besen du schon essen wolltest, du weißt, dass das was wird. Weil du es machst, weil du es geplant hast, es ist unabwendbar.“ Mit leicht verliebtem Hundeblick greift er sich die Liste und betrachtet die Werte.

„Da sind seltsame Abweichungen, wenn du die Temperatur erhöhst“, kommentiert er, jetzt sachlich geworden. Er beugt sich vor und betrachtet nachdenklich die kleine Kugel, die in der milchigen Flüssigkeit schwimmt. Ihre Augen verengen sich. „Sag ich ja.“ Sie schiebt die Unterlippe vor und eine Strähne ihres blonden Haares löst sich aus dem straffen Dutt. „Packen wir es doch einfach in den Wärmeschrank und schauen, was dann passiert. Drei Kelvin mehr?“ Er nimmt ihr den Kolben aus der Hand und trägt die neue Bruttemperatur ein.

Da es zu spät für eine neue Versuchsreihe ist, verabschiedet sie sich in den Feierabend. Er könnte sie ja noch auf einen Wein einladen, denkt sie, denkt er, doch keiner traut sich.

Am nächsten Morgen ist sie die Erste im Labor. Als er eine halbe Stunde später eintrudelt, ist sie am Boden zerstört. Das Experiment hat sich förmlich in stinkende Luft aufgelöst. Sie hockt weinend am Labortisch, um sich herum vollgeheulte Taschentücher und zerfetzte Tabellen verteilt. Kaum ist er zur Tür herein, springt sie auf und schmeißt sich in seine Arme. Er hält sie ganz fest und wie automatisch finden sich ihre Lippen. Solche Fehlschläge hätte er gern häufiger.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

11 Kommentare zu „ABC-Etüde – Fehlschlag

  1. Ich würde auch gerne die Horrorgeschichte dahinter kennen. Aber für den Moment freue ich mich für deine Protagonisten, dass sie sich anscheinend gefunden haben. Es hat vielleicht doch etwas Gutes, dass das Experiment nicht funktioniert hat 😀

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