Tag 150/365 – Selbstverständlich

Mein Opa stammt nicht aus dem letzten Jahrhundert, sondern aus dem vorletzten. 1873 geboren, in einem kleinen Dorf in Pommern aufgewachsen und bis zur Vertreibung 1945 dort als Gutsbesitzer lebend, hatte er vieles nicht, was wir heute haben.

Manchmal, wenn ich mit Störungen im Netz hadere, die Sicherung mal wieder ohne Grund rausfliegt, bei Starkregen Wasser durch den Kellerboden sickert, das Auto nicht anspringt oder ich mit dem Handy keinen Internetempfang habe, irgendwo im Wald, fällt er mir irgendwann ein und ich muss Lachen, ob meiner Luxusprobleme.

Kein Strom, kein Auto, kein Fernseher, keinen Supermarkt, keine H-Milch, kein Telefon, kein Traktor für 25 Morgen Land, sondern nur Liese und Lotte, zwei Kaltblüter. Kein Amazon, kein Handy, kein Bäcker, nur ein lockeres Netz der medizinischen Versorgung.

Um alles müsste man sich selbst kümmern, Getreide anbauen, ernten, dreschen, zur Mühle bringen, abholen, backen (einmal im Monat im alten Backofen draußen). Abends wurde geredet, Musik gemacht (Zither) und die Frauen sponnen, woben, strickten, nähten.

Meine Oma hat die gesamte Wäsche im Haus selbst gewoben, inklusive Bettbezüge und Handtücher. Eier, Milch, Gemüse, Obst, alles wurde selbst angebaut, geerntet, konserviert. Und wenn sie abends müde vom Feld kamen, gab es keinen Pizzadienst, der mal eben das Abendessen brachte, dann würde gekocht im Schein der Petroleumlampe.

Baumaterialien kamen aus dem Wald oder der eigenen Ziegelei, kein Baumarkt lieferte schick zugeschnittene Bretter oder hübsche Granitsteine für den Vorgarten (eine Unart).

Im Winter war es kalt, auch in den Häusern und das Leben spielte sich am Kachelofen ab. Der Wind pfiff durch alte Fenster mit Holzrahmen und Einfachverglasung.

Ich besitze einige Fotografien von diesem Hof. Die meisten sind zwischen 1930 und 1940 entstanden. Da war mein Opa schon ein alter Mann. Er vermisste den alten Kaiser Wilhelm und soll einen abgründigen Humor gehabt haben.

Diese Zeit ist noch gar nicht so lange her, ein paar Generationen. Und doch ist alles um uns herum so selbstverständlich geworden, dass wir an unseren Luxusproblemen schier verzweifeln.

Alice

PS: Das Foto ist übrigens aus alten Fotografien künstlich zusammengestückelt, ansonsten hätte meine Oma es wohl kaum drei Mal aufs Bild geschafft😊

Werbung

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. verzweifelt nicht an den Luxusproblemen 🙂 ich selbst bin ohne elektrischen Strom, ohne irgend einem Fahrzeug aufgewachsen Hausaufgaben bei Petroleumlicht oder Kerzen. Heute habe ich Smartphone, PC, Tablett und zwei Autos, Es geht immer weiter keine Bange 🙂
    lg
    karl

    Gefällt 1 Person

    1. Ich weiß 😊
      Liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

      1. Ich schau mir das sehr gerne mal an 😊
        Liebe Grüße

        Gefällt mir

  2. igelisfrau sagt:

    Oma und Opa mütterlicherseits kamen 1896 und 1898 in Hinterpommern auf die Welt. Besonders meine Oma war genauso gesprächig wie Du oder ich, Alice. Auch wenn sie nun kein Internet hatte, um ihre Geschichten einem Blog anzuvertrauen. So viel zu lesen wie heute gab es damals ja nicht. Ihre beste Freundin war die Tochter eines Pastors. Da gab es ein paar Bücher. Deshalb konnte Oma Goethes Faust komplett auswendig. Wenn sie uns passagen davon vorsprach, haben wir fasziniert zugehört. Oma lebte auf einer Schäferei. Sie mussten mit Herdenschutzhunden durch einen Wald ins nächste Dorf, um lebens an Wildschweinen und Wölfen vorbeizukommen. Das waren sehr gefährliche Tiere. Andere passten nur im Sommer auf die Schafsherde auf. Trotzdem holten die Wölfe ab und zu welche. Das sind die gefährlichsten Tiere, die es gibt, hat Oma immer gesagt, schlimmer als Braunbären oder Wildschweine. Ich lege mich deshalb heute oft mit den Wolfskuschlern an, die ja sagen, der Wolf hätte Angst vorm Menschen oder würde zumindest Kühen und Pferden nichts tun. Das ist so ein Quatsch. Oma gehörte nicht zu den Menschen, die sich wichtig taten. Die hat das so wirklich erlebt, was sie erzählt hat. Dazu gehörte auch, dass man eine Nadel in den Boden stecken konnte und dann irgendwann so Radio hören . falls da Empfang war .. wirklich vorstellen kann ich mir sowas nicht, aber sie hat das immer erzählt. Wenn das Auto vom Gutsbesitzer losfuhr .. ein Horch .. dann brachten die Leute schnell ihre Kinder rein. Das Ding machte wohl irre Krach, dass man es schon lange vorher hörte, vermute ich. Omas Mutter starb bei der Geburt ihres 8. Kindes, ihr Vater war Musiker in Kaiser Wilhelms Garderegiment und hatte so einen sinnlosen Tod, musizierend vor der Fromt mit der blanken Pickelhaube gut sichtbar erschossen zu werden, aber so war das im 1. Weltkrieg. Später fiel noch Omas Sohn (meine Mutter hatte noch einen Bruder) in Leningrad. Opa hat immer gesagt, hätte er doch nur geahnt, dass das passiert, er hätte lieber was gesagt unter Hitler .. war ja wie in der Ex-DDR, dass die Kinder ausgefragt wurden …er wäre lieber selbst dann im nächsten KZ gestorben. Wenn die Zeugen Jehovas kamen .. Oma konnte auch die Bibel auswendig .. dann hat Oma denen immer gesagt, es kann keinen Gott geben und falls doch, gut kann der gar nicht sein. .. Na ja .. ich selbst kenne auch noch, dass wir alles im Garten an Obst und Gemüse hatten, unsere Hühner, Enten, Gänse und Kaninchen leider gegessen wurden, es ein Plumpsklo gab, wir natürlich kein Telefon und kein Auto hatten, auch keine Zentralheizung, sondern Ofenheizung .. aber Strom hatten wir schon damals. Wenn Oma heute aufstünde, die würde Augen machen, Alice, da bin ich sicher. Ja, die Welt hat sich verändert und wer weiß, was unsere Enkel später mal erleben, was wir dann nicht mehr mitkriegen. LG Renate

    Gefällt 1 Person

    1. Deine Oma scheint eine sehr taffe Frau gewesen zu sein, genau wie meine. Es wäre schön, wenn du ein wenig von ihr erzählen würdest hier im Blog zum Beispiel. Ich würde mich freuen.
      Ganz liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

      1. igelisfrau sagt:

        Das kann ich ja mal in Angriff nehmen und es dann in unseren Word-Press-Blog, wo Du mir folgst, übertragen .. ja das stimmt .. Oma war die Älteste von 7 Kindern und im 1. Weltkrieg zuletzt gemeinsam mit ihre 1 Jahr jüngeren Bruder allein, als mein Opa damals mit der Truppe dort vorbeikam, übernachten, was essen. Als der Krieg zu Ende war, ist er zurückgekommen, hat die jüngeren Geschwister alle adoptiert und sie geheiratet. Sie liebte das Theater und als ich in einem Spanien-Urlaub eher zufällig „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Brecht las, fiel ich über einen Spruch, den ich aus Erzählungen von meiner Oma kenne, aber aus Buckow .. wo beide mal gewohnt haben, Brecht und auch meine Großeltern .. aber ich hab keinen fragen können .. es lebte da keiner mehr, der mir diese Frage hätte beantworten können .. dieses Theaterstück spielt ja in Chicago, nicht in Hitler-Deutschland. .. Fotos von meinen Großeltern findest Du unter Bilanz ganz zu Anfang in unserem neuen Blog .. ich weiß aber nicht mehr ganz genau, was ich da alles von Oma erzählt habe, ist ja nur eine kleine Zusammenfassung meiner Kindheit. Ich bin bei Oma und Opa aufgewachsen, weil mein Vater sehr früh weg war ..zusammen mit Mama. LG Renate

        Gefällt 1 Person

      2. Das wäre ja was Nachbarn bei Brechts 😊 es ist eine witzige Vorstellung, dass sie am Gartenzaun geklönt haben und er sich von ihr möglicherweise zu einer Figur hat inspirieren lassen
        Wie heißt denn euer Blog?

        Gefällt 1 Person

      3. igelisfrau sagt:

        Fand ich auch: Man soll dem Ochsen nicht das Maul verbinden, der da drischt, sagt die Johanna aber zu einem Produzenten von Fleischdosen und ist bei der Heilsarmee in USA. Meine Oma hat das in Buckow zu dem Verwalter gesagt, genauso, und zwar war Opa Melkermeister auf diversen Gütern, sie als seine Frau klar immer dabei .. und der wollte den Melker-Gehilfen das kostenlose Milchtrinken bei der Arbeit nicht erlauben, was Oma nicht gefallen hat und da hat sie protestiert. Oma war ne ziemlich linke Bazille, auch soweit das ging in der Hitlerzeit .. ich bin das auch heute noch, obwohl ich aus der Partei „Die Linke“, weil mich da vieles dann doch gestört hat, wieder raus bin und momentan, was nicht immer so bleiben muss, halt paarmal grün gewählt habe.

        Gefällt 1 Person

      4. Witzig, wer weiß, wer da gelauscht hat😊

        Gefällt 1 Person

  3. igelisfrau sagt:

    Außer dem hier bei Word Press, wo ich ja nur ganz wenig ab und zu hin übertrage, damit es nicht wegkommt .. sozusagen doppelt aufhebe …schreibe ich minimum genauso viel wie Du, aber anders halt …Du findest da hin über meinen Word Press Blog, dem Du ja folgst, über oben die Seitenüberschrift: „Unsere bisherige Blogger-Erfahrung“. Da habe ich alle Themen-Blogs von Blogger verlinkt, wo ich so ziemlich täglich in jeden minimum einen Text reinstelle. Einer ist zum Zusammenfassen, wo immer die Themen aus den einzelnen Themenblogs nochmal drin verlinkt werden. Ich mache das deswegen so, weil ich das dann wieder für einige Leute, die mir in paar Foren oder bei Jappy und Facebook und so folgen, dann etwas geordneter habe und besser verlinken kann, weil ich sonst selbst vermutlich nicht mehr durchblicken würde, ob ich alles schon da überall reingestellt habe .. meine Stammleser kennen sich aus und wissen, dass sie sich da dann durchklicken müssen. Viele davon kenne ist sogar persönlich oder falls nur virtuell, oft schon jahrelang. Und bei Jappy (die Flirt-Seite, wo ich nach meiner Scheidung mal nen neuen Mann suchte und wo Jürgen und ich nun heute noch sind, weil wir da so viele Leute gut kennengelernt haben) sehe ich dann immer, wie weit ich das alles schon verteilt habe, weil es da so schön der Reihe nach in meiner Ticker-Liste steht. In jedem unserer Blogs gibt es auch Hauptseiten .. oben quer meistens .. kommt aufs Design an, wie genau Du das findest … wo ich dann bestimmte Dauerthemen wie meine Lebensgeschichte Bilanz oder meine Pferdegeschichte „Pferde, unsere stolzen Freunde“ oder Chiwas Hufrehe-Geschichte und sowas einfach zum besser wiederfinden dann extra nochmal aufliste. Da kann man sich wie hier bei Word Press durch die ganz wichtigen Sachen immer durchklicken.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s